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Immer mehr Forscher publizieren in Pseudo-Journalen

Montag, 23. Juli 2018

Studien unter der Lupe, Peer-Review /Julien Eichinger, stock.adobe
Das Peer-Review-Verfahren dient der Qualitätsprüfung durch unabhängige Gutachter, bevor Forschungsergebnisse publiziert werden. /Julien Eichinger, stock.adobe

Berlin – Weltweit sollen Forscher mehr als 400.000 wissenschaftliche Studien bei Raubverlegern publiziert haben. Das ergab eine investigative Recherche des NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und weiteren Medienpartnern. Es geht dabei um pseudowissenschaftliche Fachzeitschriften („Predatory Journals“), die die eingereichten Forschungsergebnisse kaum oder gar nicht im Rahmen eines Peer Review prüfen und gegen Bezahlung veröffentlichen.

Obwohl Wissenschaftler schon seit Jahren vor Raubverlegern gewarnt werden, steigt die Zahl derer, die hier ihre Studien vermutlich größtenteils unwissentlich einreichen, weiter an. Allein bei den fünf wichtigsten Raubverlagen haben sich die Publikationen seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht, schreiben zwei der Autoren des NDR-Rechercheteams Svea Eckert und Peter Hornung auf tagesschau.de.

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Ihre datenbasierte Auswertung von mehr als 175.000 Veröffentlichungen von Raubverlegern will mehr als 5.000 Namen von Autoren in wissen­schaft­lichen Institutionen in Deutschland identifiziert haben, die zumindest einmal in einem Pseudo-Journal publiziert haben.

Ein Name, der in diesem Zusammen­hang immer wieder genannt wird, ist der Verlag Omics – Herausgeber von etwa 700 Fachzeitschriften und möglicherweise einer der erfolg­reichsten Raubverlage mit rund 50 Millionen US-Dollar Umsatz zwischen 2011 und 2017. Deutschland soll zu den fünf Ländern gehören, die bei Omics am meisten publizieren. Ein Verfahren wegen „irreführender Praktiken“ läuft in den USA seit 2016. Ein weiterer Verlag, der genau wie Omics nicht nur Fachzeitschriften, sondern auch Fachkonferenzen organisiert heißt Waset.

Eine Liste potenzieller Pseudo-Journale hat bis vor Kurzem noch der Bibliotheks­forscher Jeffrey Beall von der University of Colorado geführt. Eine alternative, weniger umstrittene Black- und Whitelist vertreibt die private US-Firma Cabell's International gegen Gebühr. Raubverleger verwenden meist Namen, die denen etablierter Journale und Kongresse ähneln. Sie imitieren deren Webseiten und locken Forscher mit Angeboten. Häufig finden sich zudem falsche Angaben zum Ranking der Journale.

Nicht immer ist mangelnde Erfahrung die Ursache

Unter den Autoren, die in Pseudo-Journalen publizieren, sind nicht nur unerfahrene Forscher, die unter Publikationsdruck stehen. Pharmakonzerne wie Pfizer und Bristol-Myers Squibb treten hier ebenfalls mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit, berichtet das Rechercheteam im Süddeutsche Magazin vom 20. Juli 2018. Bayer publizierte in einem Journal von Omics eine Studie, die zeigen sollte, dass Aspirin plus C besser wirkt als Brausewasser und Philip Morris präsentierte seine Ergebnisse zum Tabakerhitzer IQOS bei Omics Kongressen.

Auch bei der Europäischen Kommission, in Patentanträgen für Medizinprodukte, in Datenbanken des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss und bei Studien des Bundesinstituts für Risikoforschung haben Pseudo-Journale ihre Spuren hinterlassen. Nicht in allen Fällen geschieht dies wissentlich. Viele Autoren fallen unwissentlich auf den Betrug rein.

Den Umsatz von Raubverlegern schätzten Forscher der Universität Helsinki 2015 noch auf rund 75 Millionen US-Dollar (Science 2015). Seriöse Open Access Publisher wie beispielsweise eLife oder PLoS sind demgegenüber immer noch in der Überzahl. Sie erzielten im selben Jahr Erlöse in Höhe von 370 Millionen US-Dollar. Weit darüber lag hingegen der Umsatz mit wissenschaftlichen Abo-Zeitschriften: rund 10 Milliarden US-Dollar pro Jahr.

Auch das International Committee of Medical Journal Editors (ICMJE) warnte im Dezember 2017 vor Raubverlagen. Die Organisation gibt Richtlinien für Ethikstandards, zur Vorbereitung und Formatierung von Manuskripten in biomedizinischen Fachzeit­schriften heraus. Zu den ICMJE-Mitgliedern gehören neben JAMA und dem NEJM auch das Deutsche Ärzteblatt. Seit 2017 folgten darüber hinaus weltweit mehr als 3.274 Zeitschriften den ICMJE-Empfehlungen. Die Liste selbst stellt jedoch keine Zertifi­zierung durch die ICMJE dar. Es könne daher nicht ausgeschlossen werden, dass auch hier Fachzeitschriften von Raubjournalen aufgeführt würden, heißt es auf der Webseite des ICMJE.

Wer als Forscher dubiose Verleger vermeiden möchte, muss daher selbst ein Verständnis dafür entwickeln, die schwarzen von den weißen Schafen zu trennen. Hilfe bieten unter anderem die „Principles of Transparency and Best Practice in Scholarly Publishing” (siehe Kasten). © gie/aerzteblatt.de

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