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Medizin

Neuartige Botox-Wirkstoffe könnten neuropathische Schmerzen lindern

Montag, 23. Juli 2018

/nmid, stock.adobe.com

London – Britische Forscher haben 2 Wirkstoffe entwickelt, die die Schmerz­weiterleitung im Rückenmark blockieren, ohne die Nervenzellen zu zerstören. Die Injektion in den Liquor linderte bei Mäusen langfristig neuropathische Schmerzen. Die Ergebnisse wurden in Science Translational Medicine publiziert (2018; 10: eaar7384).

Die chronische Reizung von Nervenfasern oder deren Zerstörung führt zu neuro­pathischen Schmerzen, die nur schwer behandelbar sind. Eine Ultima Ratio besteht in der Zerstörung von schmerzleitenden Fasern im Rückenmark. Sie ist heute durch eine intrathekale Injektion von „Saporin-Substanz P“ möglich, einer chemischen Verbindung des Toxins Saporin mit dem Neurotransmitter Substanz P. Der Neuro­transmitter dient dabei als Leitsubstanz, mit deren Hilfe Saporin gezielt in eine Gruppe von Nervenzellen des Rückenmarks gelangt, die für die Weiterleitung der Schmerz­signale zuständig ist.

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Saporin-Substanz P befindet sich derzeit in der klinischen Prüfung. Es dürfte wegen der endgültigen Zerstörung der Nervenzellen nur bei Patienten mit Krebserkrankungen im Endstadium infrage kommen. Eine wesentlich größere Gruppe von Patienten könnte durch Schmerzmittel erreicht werden, die ein Team um Stephen Hunt vom University College London jetzt erstmals in tierexperimentellen Studien untersucht hat.

SP-BOT und Derm-BOT töten die Nervenzelle nicht ab

Es handelt sich wie bei Saporin-Substanz P um Konjugate, also um Wirkstoffe, die hier aus 2 Komponenten bestehen, die chemisch miteinander verbunden wurden. Bei SP-BOT ist die Substanz P mit Botulinumtoxin A verbunden. Derm-BOT besteht aus Dermorphin und Botulinumtoxin A. Dermorphin ist ein Opiat, das am µ-Rezeptor bindet. Es ist jedoch nicht Träger der schmerzlindernden Wirkung, sondern lediglich wie Substanz P das Leitmolekül, um Botulinumtoxin A in die Zielzelle zu transportieren. Die Aufnahme erfolgt in beiden Fällen durch Internalisierung nach Bindung an den Rezeptor.

In den Zellen wird dann Botulinumtoxin A freigesetzt. Es handelt sich um ein Enzym, das unter anderem SNAP-25 („synaptosomal-associated protein 25) zerstört. Ohne SNAP-25 können Nervenzellen keine Neurotransmitter an den Synapsen freisetzen. Dadurch wird eine Weiterleitung von Informationen (hier von Schmerzreizen) komplett unterbunden. Die Wirkung von Botulinumtoxin A hält so lange an, bis die Zelle neues SNAP-25 gebildet hat. Es kommt aber im Gegensatz zu Saporin nicht zum Absterben der Zelle.

Die schmerzlindernde Wirkung von SP-BOT und Derm-BOT ist deshalb reversibel. Dies würde die Anwendung der beiden Mittel auch zur Behandlung von Schmerzpatienten mit nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen interessant machen. Diese müssten allerdings so stark unter Schmerzen leiden , dass sie die regelmäßige intrathekale Injektion akzeptieren würden.

Voraussetzung für eine klinische Anwendung ist allerdings, dass sich die Mittel beim Menschen als sicher und effektiv erweisen. Die hierfür notwendigen klinischen Studien wurden noch nicht begonnen. Die von Hunt jetzt vorgestellten Studien an Mäusen zeigen jedoch, dass die einmalige intrathekale Injektion von SP-BOT oder Derm-BOT eine lang anhaltende Linderung von entzündlichen und neuropathischen Schmerzen erzielt, ohne dass es dabei zu Lähmungen oder anderen schweren Nebenwirkungen kommt.

Die Wirkung trat dabei – anders als bei Saporin, das die Nervenzellen langsam im Verlauf von Wochen abtötet – bereits nach wenigen Tagen ein. Die Wirkung von Derm-BOT entsprach dabei im Wesentlichen dem einer Opiat-Therapie. Die Behandlung linderte auch die Überempfindlichkeit auf mechanische Reize, die ein häufiges Problem bei neuropathischen Schmerzen ist.

© rme/aerzteblatt.de

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