NewsVermischtes„Für die Identifikation von Pseudojournalen gibt es keine hundertprozentig treffsicheren Kriterien“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

„Für die Identifikation von Pseudojournalen gibt es keine hundertprozentig treffsicheren Kriterien“

Mittwoch, 1. August 2018

Berlin – Wertlose Forschung und gefährliches Pseudowissen beschäftigen die medizinische Wissenschaft seit langem – dennoch breitet sich der Markt dafür weiterhin ungehindert aus, wie aus einer investigativen Recherche des NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und weiteren Medienpartnern hervorgeht. Die Arbeitsge­meinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) sieht darin eine reale Bedrohung für die Durchdringung der seriösen Wissenschaft in die Öffentlichkeit.

Fünf Fragen an Rolf Kreienberg, Präsidenten der AWMF, über Initiativen gegen die Ausbreitung einer parallelen wissenschaftlichen Scheinwelt.

DÄ: Laut NDR-Recherche haben sich allein bei den fünf wichtigsten Raubverlagen die Publikationen seit 2013 weltweit verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht. Hat Sie diese Entwicklung überrascht?
Rolf Kreienberg: Obwohl sowohl die medizinische Wissenschaft als auch die Öffentlichkeit die Verbreitung von Pseudowissen schon seit vielen Jahren kritisch verfolgen, konnten Publikationen bei Raubverlegern eine neue Dimension erreichen. Überrascht haben uns in der AWMF in der Tat die aktuellen Zahlen, nicht aber die allgemeine Entwicklung, da Raubverleger aggressiv werben. Auch in unseren persönlichen Postfächern lassen sich täglich mehrere dubiose E-Mails finden, in denen uns rasche Publikation unserer Forschungsergebnisse oder die Mitwirkung in Editorial Boards angeboten werden.

Gerade die grundsätzlich zu begrüßende Open-Access-Bewegung hat in den letzten Jahren zu den gravierenden Fehlentwicklungen beigetragen. Sie sind daher zu Recht in den aktuellen Fokus der Diskussion getreten. Verlage nehmen umso mehr Geld ein, je mehr Publikationen sie akzeptieren und je geringer sie die Kosten halten. Dies bietet einen idealen Geschäftsraum für pseudowissenschaftliche Verlage und Publikations­plattformen.

DÄ: Was veranlasst Forscher bei einem Raubverleger zu publizieren?
Kreienberg: Zur Fehlentwicklung tragen unter anderem falsche Anreize der Forschungssteuerung bei. Diese setzt vielfach noch zu einseitig quantitative Bewertungsmaßstäbe, wie zum Beispiel die reine Zahl anstelle der wissenschaftlichen Qualität von Publikationen oder die Summe verausgabter Drittmittel anstelle ihres sinnvollen Einsatzes.

Der dadurch entstehende Druck, vor allem viel zu publizieren kann womöglich zu explizitem wissenschaftlichem Fehlverhalten bis hin zur Publikation gefälschter Ergebnisse (‚fake science‘) verleiten. Im Englischen wird auch von „publish or perish“ gesprochen, was so viel bedeutet wie „publizieren oder untergehen“.

Vielfach handelt es sich aber gerade bei Nachwuchswissenschaftlern, die im Zeitalter des Open-Access wissenschaftlich sozialisiert worden sind, auch um Unwissen, sodass sie den scheinbar personalisierten Werbebotschaften vertrauen und gar nicht oder erst zu spät bemerken, dass sie Betrügern aufgesessen sind.

DÄ: Selbst beim Bundesinstitut für Risikoforschung konnte das Rechercheteam Pseudojournale auf den Publikationslisten finden. Beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) findet man diese in von pharmazeutischen Unternehmen eingereichten Dossiers zur frühen Nutzenbewertung, die der G-BA veröffentlichen muss. Besteht diese Gefahr auch bei den Leitlinien der Fachgesellschaften in der AWMF?
Kreienberg: Unsere Leitlinien werden auf der Basis systematischer Analysen der wissenschaftlichen Literatur entwickelt. Dabei werden nach einem transparenten Verfahren qualitativ hochwertige Publikationen aus anerkannten internationalen Datenbanken identifiziert. Diese werden zudem nach einem transparenten Vorgehen bewertet. Dadurch besteht ein sehr weitgehender Schutz vor der Verfälschung der Leitlinienempfehlungen durch minderwertige Publikationen.

Kurzfristig können wir dafür zwar keine empirischen Beweise vorlegen, die Annahme ist jedoch sicher plausibel und eine exemplarische Analyse von zwei aktuellen Leitlinien aus dem Jahr 2017 konnte unter insgesamt mehr als 1.300 zitierten Literaturstellen keine einzige eindeutig unseriöse Quelle identifizieren. Daher gehen wir davon aus, dass zumindest in der Medizin unsere Leitlinien eine sichere Orientierung im Publikationsdschungel bieten.

DÄ: Wie unterscheiden Sie eine seriöse von einer unseriösen Fachzeitschrift?
Kreienberg: Für die Identifikation von Pseudojournalen gibt es keine hundertprozentig treffsicheren Kriterien. Dafür ist die „Schwarze Liste“ von Herrn Beall auch kritisiert worden. Schwarze Listen, wie die von Beall und Cabell, können aber durchaus einer ersten Orientierung bei fragwürdigen Publikationsangeboten dienen.

Mutmaßliche Pseudojournale können darüber hinaus an zahlreichen Merkmalen erkannt werden, wie sie zum Beispiel in der sogenannten „think-check-submit“-Checkliste aufgeführt sind. Hierzu zählen neben dem Fehlen der Zeitschrift in renommierten Datenbanken oder Registern wie Medline, Cochrane, Journal Citation Reports oder Directory of Open Access Journals der Versand von Massen-E-Mails, fehlerhafte Texte auf Webseiten, intransparente Publikationsgebühren etc.

Orientierung bietet schließlich auch eine „Weiße Liste“ der von den AWMF-Mitgliedsgesellschaften anhand einer klaren Kriterienliste anerkannten Fachzeitschriften.

DÄ: Eine obligate Registrierung klinischer Studien, transparenter Umgang mit Interessenkonflikten, ein Peer Review und Open-Access-Publikationen sind wichtige Gütekriterien medizinischer Forschung. Wie sollte deren Einhaltung geprüft werden?
Kreienberg: Diese Gütekriterien können nur funktionieren, wenn sich alle Beteiligten an sie halten. Ein Peer Review erfüllt seinen Zweck der unabhängigen und sachorientierten Überprüfung wissenschaftlicher Publikationen nicht dadurch, dass schier damit geworben wird. In unseren Empfehlungen spezifizieren wir daher, dass zumindest ein klarer Verfahrensablauf für das Peer-Review-Verfahren festgelegt sein muss.

Mit dem wachsenden Publikationsmarkt und dem zunehmenden Druck nach kurzfristiger Verfügbarkeit eingereichter Manuskripte tun sich selbst etablierte Fachzeitschriften zunehmend schwer, qualifizierte und unabhängige Gutachter zu finden. Dies hat auch schon bei seriösen Verlagen/Zeitschriften immer wieder zu wenig reliablen Begutachtungen geführt. Insbesondere die Leiter wissenschaftlicher Arbeitsgruppen sind aufgerufen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit fragwürdigen Publikationsorganen zu sensibilisieren.

Seriöse Herausgeber sollten darüber hinaus die Verbesserung von Anreizen überdenken, um Gutachter zu gewinnen. Zudem fordert die AWMF bereits seit vielen Jahren eine unabhängige finanzielle Förderung der Verbreitung „sauberen“ Wissens über Leitlinien. Hier ist die öffentliche Hand gefragt. © gie/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

24. September 2018
Köln – Noch immer halten Wissenschaftler und andere für klinische Studien Verantwortliche Ergebnisse ihrer Untersuchungen zurück. Dass dies offenbar besonders häufig bei universitären Einrichtungen
IQWiG kritisiert laxe Handhabung vieler Universitäten bei der Publikation von Studiendaten
8. August 2018
Berlin – In Baden-Württemberg gibt es Ärger um die CME-Zertifizierung für eine Fortbildungsveranstaltung. Wie die Ärzteinitiative „MEZIS – Mein Essen zahl‘ ich selbst“ mitteilte, habe die
Interessenkonflikte: Ärger um CME-Zertifizierung
23. Juli 2018
Berlin – Weltweit sollen Forscher mehr als 400.000 wissenschaftliche Studien bei Raubverlegern publiziert haben. Das ergab eine investigative Recherche des NDR, WDR, Süddeutsche Zeitung und weiteren
Immer mehr Forscher publizieren in Pseudo-Journalen
19. Juni 2018
Bethesda/Maryland – Die US-National Institutes of Health (NIH), die weltweit wichtigste Behörde für biomedizinische Forschung, hat eine ambitionierte randomisierte Studie gestoppt, die den möglichen
USA: Alkoholstudie nach Vorwürfen gestoppt
25. Mai 2018
Berlin – Die Hochschulen in Deutschland stehen „Open Science“ grundsätzlich offen gegenüber, entsprechende Konzepte sind jedoch noch nicht breit verankert. Das berichten der Stifterverband für die
„Open Science“ an deutschen Hochschulen noch nicht verankert
23. Mai 2018
Cambridge/Passau – Wer seine Studienresultate noch vor der Publikation der Öffentlichkeit präsentiert, riskiert damit, anderen konkurrierenden Forschern einen Vorteil zu verschaffen. Dennoch
Nicht alle Wissenschaftler teilen ihre Ergebnisse schon vor der Publikation
7. Mai 2018
Berlin – Fachartikel von Berliner Forschern sollen Interessierte zunehmend kostenfrei im Internet finden. Autoren fast jeder dritten Publikation wählten 2016 diesen Weg, wie die Berliner Senatskanzlei
LNS

Fachgebiet

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER