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Pro und Contra: Hat der Europäische Gerichtshof neue Gentechnikverfahren richtig eingeordnet?

Montag, 6. August 2018

Berlin – Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat entschieden:  Pflanzen, deren Erbgut mit neuen Gentechnikverfahren wie CRISPR/Cas9 oder TALEN gezielt bearbeitet wurden, gelten als potenziell gefährliche genetisch veränderte Organismen (GVO). Die bestehende EU-Regelung sieht daher eine spezielle Kennzeichnungs­pflicht vor und eine Sicherheitprüfung vor der Zulassung. Ausgenommen von diesen Pflichten sind nach wie vor GVO, die durch ältere Mutagenese-Verfahren entstanden sind, zum Beispiel mittels radioaktiver Strahlung oder Chemikalien (Richtlinie Sortenkatalog 2002/53/EG). Es bleibt den Nationalstaaten freigestellt, auch diese klassisch gezüchteten GVO-Pflanzen unter strenge Regularien zu stellen. Ziel der EU-Regelung ist es, grundsätzlich schädliche Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt zu verhindern. Unter Experten sorgt das Grundsatzurteil für eine starke Polarisierung.

Christoph Then: Der Einsatz von CRISPR & Co führt in den meisten Fällen zu einem unverwechselbaren Fingerabdruck im Erbgut, wie sie durch herkömmliche Züchtung nicht zustande kommt.

Dieses EuGH-Urteil ist zu begrüßen. Es stimmt mit dem Inhalt von Rechtsgutachten überein, die bereits vor dem Urteil veröffentlicht wurden. Zudem zeigen sich Unterschiede zwischen herkömmlicher Züchtung und den neuen Gentechnikverfahren auch dann, wenn keine zusätzlichen Gene eingefügt werden: Der Einsatz von CRISPR & Co führt in den meisten Fällen zu einem unverwechselbaren Fingerabdruck im Erbgut, einer Art Signatur, wie sie durch herkömmliche Züchtung nicht zustande kommt. Es ist also auch in der Sache gut begründbar, warum die neue Gentechnik und ihre Produkte erst geprüft werden müssen, bevor sie in die Umwelt und in die Lebensmittelkette gelangen.

Christoph Then, Geschäftsführer Testbiotech, promovierter Tierarzt, der sich seit mehr 20 Jahren mit Gen- und Biotechnologie befasst. /testbiotech

Die Gesellschaft kann eine neue Risikotechnologie nur nutzen, wenn sie über ihren Einsatz eine informierte Entscheidung treffen kann. Es ist also gut, dass mit diesem Gerichtsurteil nicht einfach vermarktet werden darf, was am meisten Profit bringt. Die Sicherheit der Produkte kann von unabhängiger Seite überprüft werden – man muss der Industrie also nicht einfach nur „glauben“.

Wie fraglich die Umwelt-Sicherheit bisheriger Gentechnik-Pflanzen ist, zeigen aktuelle Unter­suchungen, nach denen ein wesentlich höheres Ausbreitungsrisiko besteht, als bisher angenommen wurde. Zu gesundheitlichen Risiken von Pflanzen und Tieren, die mit neuen Gentechnik-Verfahren verändert wurden, liegen bisher kaum Daten vor. Die Bewertung ist daher schwierig. So wurden in den USA bereits Pflanzen und sogar Pilze ohne Risikobewertug zur Vermarktung freigegeben.

In der neuen Machbarkeit, die mit dem Einsatz von Instrumenten wie CRISPR einhergeht, liegt die eigentliche Herausforderung für die Gesellschaft. Sie darf sich von der Entwicklung nicht überrollen lassen. Ob und wie sich die neue Gentechnik durchsetzt, wird sich zeigen. Wir stehen erst am Anfang, nicht am Ende der notwendigen gesellschaftlichen Debatte.

Jens Boch: Dass der EuGH diese hochpräzise Technik als potenziell gefährlicher einstuft, als die unpräzise klassische Mutagenese ist ein Affront für die Wissenschaft.

Praktisch alle bekannten Gemüse-, Obst- und Getreidesorten wurden durch Züchtung verändert, damit sie für unseren Verzehr geeignet sind. Die klassische Züchtung erstellt dabei zufällige genetische Varianten im Erbgut über Mutagenese. Dass dabei die einzelne nützliche Veränderung mit hunderten ungewollten und unbekannten Veränderungen einhergeht ist ein Problem, wird aber akzeptiert. Moderne Züchtungsmethoden, wie Genome Editing dagegen sind auf das gewünschte Ziel im Erbgut fokussiert ohne ungewünschte Nebeneffekte.

Jens Boch, Professor für Pflanzenbiotechnologie, Abteilungsleiter am Institut für Pflanzengenetik der Leibniz Universität Hannover /Maren Wichmann

Dass der EuGH diese hochpräzise Technik nun als potenziell gefährlicher einstuft, als die unpräzise klassische Mutagenese ist ein Affront für die Wissenschaft. Weder werden wissenschaftliche Fortschritte der letzten Jahrzehnte anerkannt, noch werden die einstimmigen Empfehlungen der unabhängigen nationalen Wissenschaftsorganisationen berücksichtigt (Leopoldina). Für das Argument der gesundheitlichen Gefährdung gibt es keinen einzigen Hinweis. Es würde auch keinen Sinn machen, dazu Studien durchzuführen, da die Veränderungen naturidentisch sind. Sie entstehen täglich durch Mutagenese oder natürliche Umwelteinflüsse im Erbgut aller Lebewesen.

Die Blockade neuer Züchtungsmethoden nimmt mittelständischen Züchtern bei uns die Möglichkeit international konkurrenzfähige Sorten zu entwickeln (ESA). Europa sollte sicherste Methoden verantwortungsvoll nutzen, um pestizidfreie, krankheitsresistente, trockenheitstolerante, ressourcenschonende, toxinfreie und allergenarme Nutzpflanzen zu züchten. Den Schwanz einzuziehen und auf alte schlechte Methoden zu setzen, während die Welt begeistert Genome Editing nutzt, schadet allen Europäern. Absurd ist auch, dass nun alle durch Mutagenese gezüchteten Pflanzen als GVO gelten. Laut Brauwirtschaft darf keine GVO-Gerste in deutschem Bier enthalten sein. Braugerste ist jetzt jedoch ein GVO. Oh weia!

© gie/aerzteblatt.de

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