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Krankenkassenkosten für Medizinalcannabis explodieren

Montag, 6. August 2018

/Elena, stock.adobe.com

Berlin – Die Kosten für Medizinalcannabis sind stark gestiegen: Während die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) im Juni 2017 noch 2,31 Millionen Euro für cannabishaltige Fertigarzneimittel, -Zubereitungen und -Blüten ausgegeben hat, lag der Bruttoumsatz für Cannabisausgaben allein im Monat April 2018 bereits bei etwa 5,36 Millionen Euro. Das teilte der GKV-Spitzenverband auf Anfrage des Deutschen Ärzteblattes mit.

Den mit Abstand größten Kostensprung haben unverarbeitete Cannabisblüten gemacht. Der Bruttoumsatz hat sich zwischen Juni 2017 und April 2018 bereits mehr als verfünffacht – von fast 412.000 Euro pro Monat auf 2,33 Millionen Euro. Für cannabishaltige Zubereitungen geben die Krankenkassen inzwischen doppelt so viel aus, wie noch im vergangenen Jahr (Juni 2017: 839.495 Euro versus April 2018: 1.707.387 Euro). Im Vergleich dazu war der Bruttoumsatz für Canemes-Kapseln und Sativex niedriger (45.958 Euro bzw. 1.258.403 Euro im April 2018).

Ministerium will sich zur Kostenexplosion noch nicht äußern

Dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) sind die Zahlen zu Umsätzen und Verord­nungen cannabinoidhaltiger Fertigarzneimittel und Zubereitungen bekannt. Die Zahl an positiv beschiedenen Anträgen auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen zeige, dass sich das Verfahren bewährt habe und das Gesetz wirke, teilt das BMG dem mit. Zur Kostenexplosion will sich das BMG derzeit nicht äußern. Man wolle die Entwicklung weiter beobachten und abwarten, bis sich die Umsatzzahlen stabilisiert hätten, hieß es.

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Im Gesetzentwurf der Bundesregierung wurde noch mit weit niedrigeren Ausgaben gerechnet: „Bei einem gemittelten Preis pro Gramm von ungefähr 18 Euro ergeben sich, wenn man die Zahlen des Jahres 2015 zugrunde legt, Einsparungen für Bürgerinnen und Bürger in Höhe von 1.692.000 Euro.“

Den GKV-Spitzenverband überrascht die Kostenexplosion nicht. Bereits 2016 wies der Kassenverband in einer Stellungnahme darauf hin, dass es insbesondere im ersten Jahr der Gültigkeit des Gesetzes zu einer Ausweitung der Versorgung mit Cannabisarz­neimittel kommen würde. In diesem Zeitraum würden Patienten zudem noch nicht durch den Anbau unter Kontrolle des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) versorgt.

„Für den Fall, dass in diesem Zeitraum der gesteigerte Bedarf allein durch Importe gedeckt würde, könnte die erhöhte Nachfrage zu Versorgungsproblemen und unkalkulierbar steigenden Preisen führen“, schlussfolgerte der GKV-Spitzenverband vor zwei Jahren. Schon damals kritisierten die Krankenkassen, dass der Gesetzgeber die Abgabe von Cannabis nicht auf bestimmte Krankheiten oder Krankheitsbilder beschränkt hat.

Neue Ausschreibung: Bundesinstitut stockt Cannabisvolumen auf

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat eine neue Ausschreibung für den Anbau und den Kauf von Cannabis zu ausschließlich medizinischen Zwecken veröffentlicht. Die Ausschreibung umfasst jetzt statt der ursprünglich geplanten 6,6 Tonnen ein Gesamtvolumen von 10,4 Tonnen Cannabis. Eine erste Ausschreibung hat das BfArM aufgrund eines Beschlusses des Oberlandesgerichts

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat bereits auf die aktuellen Entwicklungen reagiert und die ausgeschriebenen Produktionsmengen erhöht. Statt 6,6 Tonnen sollen 10,4 Tonnen in einem Vierjahreszeitraum auf deutschen Äckern angebaut werden.

Wie viele Tonnen pro Jahr schon jetzt von Apotheken auf Kassenkosten an Patienten ausgehändigt werden, haben jedoch weder GKV-Spitzenverband, noch die Bundes­vereinigung Deutscher Apotheker­verbände (ABDA) oder das BfARM auf Anfrage beantwortet.

Dass die Zahl der Cannabispatienten weiter steigen könnte, zeigt auch eine neuerliche Bewertung von Studiendaten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). Es bescheinigte Cannabis sativa bei Spastik infolge von Multipler Sklerose einen Zusatznutzen. Bisher werden vor allem Schwerzpatienten mit Medizinalcannabis versorgt. © gie/aerzteblatt.de

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nikolang
am Dienstag, 7. August 2018, 13:42

Und die Gesamtkosten?

Ich bekomme es jetzt seit April 2017 auf Rezept. Die Krankenkasse gibt für mich unterm Strich nur einen Bruchteil von dem aus was sie vorher ausgegeben hat. Massenweise Tabletten die abgsetzt werden konnten, eingesparte Arztbesuche, RTW-Fahrten und Kranken­haus­auf­enthalte. Dazu wieder voll arbeitsfähig.

Man sollte auch die eingesparten Kosten berücksichtigen und nicht nur die Kosten für Cannabis insgesamt. Es ist ja nicht so, dass es wirkungslos wäre.
kairoprax
am Dienstag, 7. August 2018, 08:22

so oder so ...

Ich hätte nie gedacht, daß die Legalisierung des Cannabis über den Gemeinsamen Bundesausschuß erfolgen wird. Wenn ich darüber nachdenke, daß einige meiner Patientinnen mit MS bis vor einem Jahr etwa 60 Euro pro Monat (illegal natürlich) für Haschisch ausgegeben haben, weil es ihnen half (!), und daß sie jetzt zwar Null Euro ausgeben, dafür aber jetzt den Krankenkassen mit dem zehnfachen Betrag auf der Tasche liegen, kann man sehen, werd die eigentluichen Dealer hier im Land sind.
Freigabe!
Dann wird es der Markt regeln und nicht mehr der G-BA.
woewe
am Dienstag, 7. August 2018, 01:03

Rückgang des Verbrauchs herkömmlicher Arzneimittel?

Kosten für neu eingeführtes Medikament explodieren, klar, wenn auf der Seite der Patientenschaft so ein Bedarf besteht.
Andererseits, bleibt dabei der Verbrauch, bleiben die Kosten auf herkömmliche Medikamente konstant, steigen oder fallen sie dadurch?
Syntaxie
am Montag, 6. August 2018, 21:26

Endocannabinoidsystem

"Klar, wenn ich high bin, hab ich weniger Schmerzen. "
Falsch !
Erfahrungsberichte von Clusterkopfschmerzpatienten besagen, daß THC-lastiges Cannabis die Schmerzwahrnehmung dummerweise noch verstärkt.
Denn Cannabis ist nicht Alkohol. Also kein chemisches Lösungsmittel, welches Rausch und Betäubung gleichzeitig auf Vergiftung basierend bewirkt

Die Preise werden vorsätzlich hoch getrieben und gehalten, damit möglichst viele Ablehnungen entstehen.
Und zwar zugunsten der Pharmaindustrie, welche weiterhin
"Schaden für Gesellschaft und Individuum" anrichtet.

Desweiteren sind keine Einschränkungen vom Gesetzgeber gemacht worden, weil das Spektrum der Anwendungsmöglichkeiten für Cannabis unter Berücksichtigung des Endocannabinoidsystems und der SORTENVIELFALT überraschend breit ist.

Disso
am Montag, 6. August 2018, 19:49

Import scheint teurer zu sein ?

Wer hätte das gedacht. Alle wollen Geld einstecken. Da das Ausgabeprodukt wesentlich billiger ist, kann da nicht Problem der Patienten sein.

In der Gesamtrechnung hieß es, es sei nicht mit besonderen MEHRausgaben zu rechnen. Die Summe ist immer noch gering.
Disso
am Montag, 6. August 2018, 19:41

Dasein als unproduktiver "Versager, Kiffer, Loser" 

1. Wen interessieren Meinungskommentare der FAZ?
2. Psychopharmaka / Schmerzmittel und Co sind keine Drogen und werden nicht missbraucht (haben die Eignung)?

Keinem Jugendlichen oder Erwachsenen wird gesagt, dies würde besser sein. Die Kritiker kennen scheinbar die sozialmedizinische Begutachtung nicht und was geprüft wird.

Vielleicht bedienen Sie sich der englischen Literatur, da kann man gerade mehr Informationen bekommen.

"Klar, wenn ich high bin, hab ich weniger Schmerzen. 
Wir alles dürfen jetzt dafür bezahlen."

Unlogische Ausführung, Sie bestätigen ja die weniger empfundenen Schmerzen. Es gibt aber viel mehr Fakten zu THC/CBD, pubmed mal anstrengen statt die Zeit mit Meinungskommentaren zu vergeuden.

Schwerkranke haben unter gewissen Aspekten Anspruch auf die Übernahme durch die GKV.
rp__bt
am Montag, 6. August 2018, 18:17

Einfach legalisieren

...dann ist Cannabis nämlich ein Pfennigprodukt. Teuer ist das nur, wenn ich die Heroinsucht meines Dealers finanzieren darf (der dafür auch versucht, mich auf teurere Drogen zu bringen, daher die "Einstiegsdroge" - der zufriedene Durchschnittskiffer will gar nichts anderes), oder weil ich die Security-Maßnahmen der Pharmaindustrie mitbezahlen muß. Das Suchtpotential von Cannabis ist viel geringer als das von Tabak. Und es werden niemals auch nur annähernd so viele Leute vom Cannabis verblöden wie vom Alkohol.
chrelli
am Montag, 6. August 2018, 17:39

Außer für die Spastik

gibt es keine gesicherte Studie, die eine Wirkung belegt. Klar, wenn ich high bin, hab ich weniger Schmerzen.
Wir alles dürfen jetzt dafür bezahlen.
Ambush
am Montag, 6. August 2018, 17:33

Cannabis in der Medizin - unbegründeter Hype und Schaden für Gesellschaft und Individuum

http://www.faz.net/aktuell/wissen/drogen-in-der-medizin-cannabis-auf-rezept-14919955.html bzw.: "Und wir haben damit keine wirklich guten Erfahrungen gemacht. Es gibt Einzelne, denen die Mittel gut helfen, aber bei den meisten stellen wir die Behandlung nach kurzer Zeit wieder ein.“ Mangels Wirkung oder wegen zu vieler Nebenwirkungen." ... der Artikel in der faz ist recht aufschlussreich, wie wenig berechtigt der Hype um Cannabis in der Medizin in Wahrheit ist... und zwar insgesamt...
Wie nun etwa Cannabis seinen Stellenwert bei ADHS haben soll (ohne entsprechende Studienlage), das ist skandalös:

http://news.doccheck.com/de/blog/post/5607-cannabis-und-adhs-studie-zu-sativex-zeigt-keinen-signifikanten-nutzen-bei-adhs/

http://news.doccheck.com/de/blog/post/5565-medizinischer-einsatz-von-cannabis-bei-adhs/

Ich persönlich halte die Propagierung von Cannabis gegen ADHS für sehr gefährlich: Es wird dadurch eine ohnehin für Cannabis (und auch andere, viel härtere Drogen) überdurchschnittlich anfällige Personen-Gruppe, eben Menschen mit ADHS, zusätzlich gelockt...und nicht nur halbwegs gefestigte Persönlichkeiten werden angelockt, sondern viel mehr noch ungefestigte, unreife junge Menschen mit ADHS, die bis zum ca. 30. Lebensjahr diverse Weichenstellungen in ihrem Leben vor sich haben... man erweist Eltern von Jugendlichen mit ADHS, die ihrem 16-jährigen ADHS-Sohn das Kiffen ausreden und ihn zur stärkeren Beschäftigung mit schulischen Angelegenheiten animieren wollen, einen Bärendienst. Der sich ohnehin in einer schwierigen Lebensphase befindende Jugendliche kann dann sagen. "Aber das Kiffen ist doch gut gegen mein ADHS!" ...eine Zunahme an gescheiterten Schulkarrieren, abgebrochenen Berufsausbildungen und manchmal auch dem Einstieg in den völligen sozialen Absturz... daran machen sich fahrlässig agierende Propagierer von Cannabis gegen ADHS mitverantwortlich...

Im Übrigen gibt es in der Bundesrepublik wie auch anderswo in Europa und in USA eine bedenkliche Entwicklung, Drogenkonsum insgesamt als Lifestyle oder gar medizinische Wunderwaffe zu bejubeln...laut Statistiken steigt in den letzten Jahren die Drogen-Kriminalität an, auch die zunehmende gesellschaftliche "Akzeptanz" oder sagen wir Banalisierung insbesondere von Cannabis dürfte da ihren Anteil daran haben. Während man früher Cannabis . LSD. MDMA etc. überzogen kriminalisiert hat, scheint heute das gegensätzliche Problem zu bestehen, nach dem Motto: "Ist doch alles nicht so schlimm." Beides ist grundfalsch. ich denke nicht, das ein Dasein als unproduktiver "Versager, Kiffer, Loser" für das Individuum oder die Gesellschaft erstrebenswert sein sollte.... .was massenhafter Drogenkonsum mit einer Gesellschaft anrichten kann, sieht man z.B. an Jemen, Somalia und benachbarten Ländern...in Jemen und Somalia ist jeweils quasi das gesamte Land im kollektiven Kath-Rausch...im Jemen wird statt Weizen nur noch Kath angebaut, sämtliches Getreide muss importiert werden...was das aggressiv machende Kath an Förderung des Terrorismus und islamistischer Strömungen in genannten Ländern alles "geleistet" hat, sollte nicht unterbewertet werden...nun ist Kath zwar nicht direkt mit Cannabis vergleichbar, aber eben ein Beispiel, wie die kulturelle Akzeptanz einer Droge diese Gesellschaft zu Grunde richten kann.... ...anderes Beispiel: der massenhafte, kulturell dort akzeptierte Genuss des "Wässerchens" in Russland...die durchschnittliche Lebenserwartung in Russland ist nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion um 20 Jahre gefallen...ein hauptsächlicher "Verdienst" des Alkohols...

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