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Medizin

Adipositas: Muss die Prävention bereits im Säuglingsalter beginnen?

Mittwoch, 8. August 2018

/JFsPic, stockadobecom

Hershey/Pennsylvania und Nashville/Tennessee – Eine postpartale Schulung von Müttern in „responsive parenting“ hat in einer randomisierten Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2018; 320: 461–468) einer Adipositas im Alter von 3 Jahren (wenigstens teilweise) vorgebeugt. Eine Intervention, die bereits übergewichtige Kinder im Vorschulalter und ihre Eltern begleitete, erwies sich in einer anderen Studie (JAMA 2018; 320: 450–460) dagegen als wirkungslos.

In den letzten Jahren ist die Zahl der Raucher gesunken, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind deutlich zurückgegangen und HIV-Infektionen führen nur noch selten zur tödlichen Immunschwäche. Gegen die zunehmende Adipositas in der Gesellschaft scheint dagegen kein Kraut gewachsen zu sein. Im Gegenteil: Die Gesundheitsstörung, die die Gelenke frühzeitig zerstört und das Krebsrisiko erhöht, tritt mittlerweile bereits im Kindesalter auf. In den USA sind 14 % der 2- bis 5-Jährigen fettleibig, die Prävalenz steigt auf 18 % im Grundschulalter und auf 21 % bei den Teenagern. Ein medizinisches Rezept gegen die Adipositaswelle wurde bisher nicht gefunden.

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Eine Gruppe um den Pädiater Ian Paul vom Penn State College of Medicine in Hershey vermutet, dass der Boden für die Adipositas bereits in den ersten Lebensjahren durch eine „adipogene“ Erziehung gelegt wird. Eltern hätten verlernt, Säuglinge verant­wortungs­voll zu ernähren: Die Mütter würden auf das Schreien des Säuglings zu rasch durch Stillen oder Gabe von Babynahrung reagieren. Später würden quengelnde Kinder mit Süßigkeiten ruhig gestellt.

Eine spezielle Schulung, die die Mütter zu Füttern, Schlaf, interaktives Spielen und zur Emotionsregulation berät, soll verhindern, dass die Kinder bereits in den ersten Lebensjahren mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie benötigen. Das Konzept des „responsive parenting" wurde in den letzten Jahren am Hershey Medical Center im ländlichen Pennsylvania in der INSIGHT-Studie an 279 erstgebärenden Müttern und ihren Säuglingen getestet. Die Hälfte der Mütter wurde per Los einem „responsive parenting“-Programm zugeteilt, bei dem die Mütter von einer Krankenschwester betreut wurden. Die andere Hälfte erhielt nur Materialien zur Sicherheit von Kindern im Haushalt.

Das Programm hat, wie Paul und Mitarbeiter jetzt berichten, ein Übergewicht nicht immer verhindern können. Im Alter von 3 Jahren waren 11,2 % der Kinder über­gewichtig und 2,6 % sogar adipös. In der Kontrollgruppe gab es dagegen 19,8 % überwichtige und 7,8 % fettleibige Kinder.

Dennoch ist Paul zufrieden. Die Studie zeige, dass die Intervention, die lediglich aus 4 Hausbesuchen im ersten Lebensjahr und danach aus regelmäßigen Terminen im Forschungszentrum bestand, einen Effekt erzielen kann. Zu den Einschränkungen gehört allerdings, dass die Studie an einem einzigen Zentrum stattfand (was häufig zu ungewöhnlich positiven Ergebnissen führt). Außerdem gehörten 86 % der Frauen der weißen, gut ausgebildeten und privat versicherten Bevölkerungsschicht an. Diese Gruppe ist offener für präventive Angebote als ärmere Mütter aus sozialen Rand­schichten, die die Zielgruppe einer 2. Studie waren, über die Shari Barkin von der Vanderbilt University School of Medicine in Nashville/Tennessee berichtet.

An der „GROW“-Studie („Growing Right Onto Wellness) hatten 304 Mütter und ihre Kinder teilgenommen. Die Kinder waren zu Beginn der Studie im Mittel 4,3 Jahre alt und bereits zu einem Drittel übergewichtig. Die Mütter stammten zu 91,4 % aus der Gruppe der „Latinos“, wo die Adipositas stärker verbreitet ist als in anderen Bevölkerungsgruppen. Der mittlere BMI der Mütter lag bei 30 (gegenüber 25 in der INSIGHT-Studie).

Die Hälfte der Teilnehmerinnen wurde auf eine relativ intensive Schulung rando­misiert. Sie bestand in den ersten 12 Wochen aus wöchentlichen 90-minütigen Treffen (entweder persönlich oder auch telefonisch), in denen die Intervention GROW-Healther erklärt wurde. In den nächsten 9 Monaten erhielten die Mütter ein monatliches Telefoncoaching und danach regelmäßig Informationsmaterial zugeschickt. In der Kontrollgruppe gab es nur Informationen zur Vorbereitung der Einschulung.

Obwohl die Bereitschaft zur Teilnahme groß war – 90 % nahmen an den vorgesehenen Untersuchungen teil – erwies sich die Intervention als wirkungslos. Die Kinder nahmen in beiden Gruppen gleich stark zu und am Ende hatten sie einen (für das Alter) zu hohen Body-Mass-Index von 17,8. Die Kinder hatten zwar fast 100 Kilokalorien pro Tag weniger zu sich genommen und etwas häufiger die kommunalen Fitnesscenter aufgesucht. Auf die Gewichtsentwicklung hatte dies jedoch zu keiner Phase der Studie einen Einfluss.

Offenbar war die soziale und mentale Notlage zu groß (43 % berichteten über Probleme bei der Finanzierung der Nahrungsmittel und 22 % der Mütter wiesen Depressionen auf), um allein durch eine Beratung die Adipositas der Kinder zu verhindern. © rme/aerzteblatt.de

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