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Medizin

Salz könnte weniger Menschen schaden, als bisher angenommen

Freitag, 10. August 2018

Die Deutsche Hochdruckliga empfiehlt  Erwachsenen einen Salzkonsum von weniger als 6 g pro Tag. /uwimages, stockadobecom

Hamilton – Eine neue Auswertung der PURE-Daten stellt aktuelle Empfehlungen zum Salzkonsum erneut infrage. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle drohten nur jenen, die durchschnittlich mehr als 5 Gramm Natrium pro Tag zu sich nahmen, was 2,5 Teelöffeln Salz entspricht. Die Welt­gesund­heits­organi­sation empfiehlt einen maximalen Salzkonsum von 5 Gramm pro Tag (bzw. < 2 Gramm Natrium), um Bluthochdruck zu verhindern und Herz-Kreislauf-Erkrankungen vozubeugen.

Zum einen bestätigte die prospektive Kohortenstudie im Lancet mit 94.378 Erwachsenen aus 18 Ländern eine positive Korrelation zwischen Salzkonsum und Blutdruck (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31376-X). „Völlig überraschend war die Beobachtung einer negativen Korrelation zwischen Salzkonsum und Herzinfarkt wie auch zwischen Salzkonsum und Gesamtmortalität“, sagt der Kardiologe Franz Messerli von der Universität Bern.

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Je mehr Salz, desto geringer war das gesundheitliche Risiko in diesen beiden Fällen. „Das hieße, dass nicht alle Organe mit gleicher Empfindlichkeit auf Salz reagieren oder sogar, dass Salz einen kardioprotektiven Effekt ausüben könnte“, schlussfolgert Messerli. Bei zu niedrigem Salzkonsum stieg das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko wieder leicht an.

Insgesamt stieg der systolische Blutdruck um 2,86 mmHg je zusätzlichem Gramm Natrium. Diese Korrelation wurde jedoch nur bei Teilnehmern im obersten Drittel mit höchster Natriumzufuhr beobachtet, was durchschnittlich 5,75 g Natrium/Tag/Kopf entsprach.

Erhöhtes Schlaganfallrisiko vor allem in China

Nicht unerwartet war, dass ein hoher Salzkonsum das Risiko eines Schlaganfalls erhöhte. Dies betraf jedoch hauptsächlich Teilnehmer in China, die einen täglichen Salzkonsum von durchschnittlich 14 g (fast 6 g Natrium) erreichten. Somit war China das einzige der 18 Länder, in dem 80 % der Gemeinden die tägliche Menge von 5 g Natrium überschritten. In allen anderen Ländern, wozu unter anderem Schweden, Kanada, Polen und die Türkei zählten, lagen die Tagesdosen zwischen 3 bis 5 g pro Kopf (1,5 bis 2,5 Teelöffel Salz). Einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zufolge nehmen Männer in Deutschland im Schnitt täglich 10 Gramm Salz (etwa 4 g Natrium) und Frauen 8,4 Gramm zu sich.

Es gibt keine überzeugenden Beweise dafür, dass Menschen mit moderater Natriumaufnahme diese reduzieren müssen, um Herzerkrankungen und Schlaganfällen vorzubeugen. Martin O'Donnell, McMaster University, Hamilton

Die Studienautoren um Andrew Mente kommen daher zu dem Schluss, dass der aktuelle Natriumkonsum der überwiegenden Mehrheit kein Gesundheitsrisiko darstelle. „Es gibt keine überzeugenden Beweise dafür, dass Menschen mit moderater Natriumaufnahme diese reduzieren müssen, um Herzerkrankungen und Schlaganfällen vorzubeugen“, sagte Martin O'Donnell, Co-Autor der Studie.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt gesunden Men­schen einen Schätzwert von 1,5 Gramm Natrium pro Tag.

Die Welt­gesund­heits­organi­sation empfiehlt einen maximalen Salzkonsum von 5 Gramm pro Tag (bzw. < 2 Gramm Natrium).

Die amerikanischen Leitlinien empfehlen einen maximale Tagesdosis Natrium von 2,3 Gramm für gesunde Menschen und 1,5 Gramm für Menschen mit Bluthochdruck, Diabetes oder Nierenerkrankungen.

Die Deutsche Hochdruckliga empfiehlt 5 bis 6 Gramm Kochsalz pro Tag für Menschen mit Bluthochdruck. Das entspricht 2 bis 2,4 Gramm Natrium pro Tag.

Empfehlungen werden hinterfragt

Seit mehr als einem Jahrhundert ist der Zusammenhang zwischen Salzkonsum und hohem Blutdruck bekannt. Mehr als 30.000 wissenschaftliche Publikationen bezeugen die Hypothese, dass ein hoher Salzkonsum früher oder später zu einer Hypertonie führen, oder eine bestehende Hypertonie verschlimmern könnte. Während Jahrzehnten warnten Ärzte deswegen vor exzessivem Salzkonsum. Organisationen wie die WHO, die Europäische Gesellschaft für Kardiologie und die American Heart Association publizieren Empfehlungen zur drastischen Reduktion des Salzkonsums sowohl für die Allgemeinbevölkerung als auch für Menschen mit Bluthochdruck.

Für Messerli stellt sich auch aufgrund der aktuellen Daten die Frage, ob Salz tatsächlich, wie seit Jahren propagiert, gefährlich für die Allgemeinbevölkerung ist und für Millionen von Schlaganfällen und verfrühten Todesfällen verantwortlich war.

Bestehende Leitlinien sind bezüglich des Salzgehaltes in der Nahrung wirklichkeitsfremd und sollten dringend überholt werden. Franz Messerli, Universität Bern

Mit dieser Frage beschäftigten sich auch Forscher vom Cambridge Institute of Public Health und der Harvard School of Public Health. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen Salzkonsum und Lebenserwartung in 182 verschiedenen Ländern (BMJ 2013). Es zeigte sich, dass – abgesehen von einem exzessiven (10 bis 12 Gramm) Salzkonsum – dieser positiv mit der Lebenserwartung verbunden war: Je geringer der Konsum, desto kürzer die Lebenserwartung und umgekehrt. „Bestehende Leitlinien sind bezüglich des Salzgehaltes in der Nahrung wirklichkeitsfremd und sollten dringend überholt werden“, fordert Messerli.

Deutsche Hochdruckliga bemängelt Studiendesign

Die Deutsche Hochdruckliga (DHL) konnten bereits frühere Studien des Forscherteams um Mente nicht überzeugen, die zeigten, dass Menschen mit normalen Blutdruck­werten keine gesundheitlichen Einschränkungen befürchten müssen, auch wenn ihr Salzkonsum deutlich über der Empfehlung von 6 Gramm liegt (DHL-Pressemitteilung 2016). Auch die aktuellen Daten stimmen den Präsidenten der DHL, Bernhard Krämer nicht um: „Es ist unstrittig, dass hoher Kochsalzkonsum den Blutdruck steigert und eine kochsalzarme Ernährung den Blutdruck senkt“, sagt der Internist vom Universitäts­klinikum Mannheim und verweist auf randomisierte Studien (u. a. TOHP), die günstige Effekte auf kardiovaskuläre Endpunkte für die kochsalzarme Kost erbrachten. Ergebnisse epidemiologischer Beobachtungsstudien, wie die aktuelle Studie, seien uneinheitlich.

Die Problematik dieser Studien besteht in der Regel in der ungenügenden Erfassung der Natriumzufuhr bzw. -ausscheidung. „Ideal wären mehrere 24-Stunden-Messungen des Urins statt einer punktuellen morgendlichen Urinprobe“, erklärt der DHL-Experte. Weiterhin bestünde in Beobachtungsstudien das Risiko der umgekehrten Kausalität. Solange keine kontrolliert randomisierten Studien vorliegen, bleibt die DHL bei der Empfehlung einer moderaten Absenkung des Verbrauchs von Natrium auf 2 bis 2,4 Gramm pro Tag. Absenkungen auf 1,5 Gramm hält Krämers für unrealistisch.

Kalium bietet einen deutlichen Vorteil

Viel weniger kontrovers als die Beziehung zwischen Salzkonsum und kardiovaskulärer Mortalität ist diejenige zwischen dem Kaliumgehalt der Nahrung und Herzinfarkt, Schlaganfall und Gesamtmortalität. Die PURE-Daten konnten zeigen, dass das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Tod sinkt, je mehr Kalium die Teilnehmer zu sich nahmen und dies unabhängig vom Salzkonsum. Mente: „Kardiovaskulären Probleme, einschließlich des Todes, sanken in Gemeinden und Ländern, in denen wir einen erhöhten Kaliumkonsum beobachten konnten.“

Auch Patienten mit einem hohen Salzkonsum könnten mit zusätzlichem Kalium diesbezüglich ihr Risiko vermindern, erklärt der Schweizer Kardiologe Messerli. Dieser Zusammenhang ist an sich nicht erstaunlich, da Früchte und Gemüse die wichtigsten kaliumhaltigen Nahrungsmittel sind. Nicht untersucht wurde, ob es sich dabei nur um das Kalium per se handelte oder um die allgemein gesundheitsfördernde Wirkung von Früchten und Gemüse. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Montag, 13. August 2018, 08:38

Salz IST Salz,

egal, aus welcher irdischen Quelle es kommt. Unser Körper kann bei seiner physiologischen Wirkung auf NaCl einem Na+ oder Cl- Ion nicht ansehen, wo es sich zuvor befunden hat. Letztlich stammen beide Atome aus dem Inneren einer Sternexplosion. Die Unterscheidung von "natürlichem Salz" und "Industriesalz" ist genauso sinnlos wie die von Rohzucker und raffiniertem Zucker.
Avatar #751088
Markus Gruber
am Sonntag, 12. August 2018, 17:01

Salzbranche - Weißes Gold?

Es ist fraglich, ob bei bei Salz die Umsätze wirklich so hoch sind. Ich könnte mich aber auch irren.
Avatar #751088
Markus Gruber
am Samstag, 11. August 2018, 16:51

Zuviel Salz ist ungesund

Also auf jeden Fall ist zuviel Salz ungesund, wobei hier von 5 g / Tag im Durchschnitt ausgegangen wird bzw. bei 5,75 g / Tag als erhöhte Zufuhr die Rede ist.
@Tom Hofmann: Da stimme ich ihnen zu, Salz ist nicht gleich Salz- es kommt auch auf die unterschiedliche Herstellung und die Salzzusammensetzung an.
Avatar #717145
Tom Hofmann
am Samstag, 11. August 2018, 12:05

Salz ist nicht gleich Salz

Es ist wohl ein Unterschied vom Industriesalz zum Natursalz.
Ohne Salz stirbt man. Mit Industriesalz aber auch.
Avatar #70385
Salzer
am Samstag, 11. August 2018, 00:09

Weißes Gold?

Werbung ist unabhängig von ihrem Umfang kennzeichnungspflichtig. Wie wurde die Studie finanziert? Welche Interessenkonflikte legten die Autoren offen?
LNS

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