NewsMedizinUS-Studie: Routinemäßige Einleitung der Geburt in SSW 39 vermeidet perinatale Komplikationen und Kaiserschnitte
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

US-Studie: Routinemäßige Einleitung der Geburt in SSW 39 vermeidet perinatale Komplikationen und Kaiserschnitte

Freitag, 10. August 2018

/PixieMe, stockadobecom

Chicago – Die routinemäßige Einleitung der Geburt in der 39. Gestationswoche (SSW) hat in einer randomisierten klinischen Studie im New England Journal of Medicine (2018; 379: 513–523) bei Erstgebärenden mit einer unkomplizierten Einzelschwanger­schaft die Rate der perinatalen Komplikationen gesenkt und bei vielen Frauen einen Kaiserschnitt vermieden.

Die normale Schwangerschaft dauert, berechnet nach dem ersten Tag der letzten Regelblutung, im Mittel 280 Tage oder 40 + 0 Schwangerschaftswochen (SSW). Ab der 40 + 1. SSW liegt eine Terminüberschreitung, die derzeit bei einer unkomplizierten Schwangerschaft kein Anlass für eine medikamentöse Einleitung der Geburt ist. Dies wird erst ab der 42 + 0. SSW notwendig, wenn die International Federation of Gynaecology and Obstetrics (FIGO) von einer zeitlichen Übertragung spricht, die die Risiken für Mutter und Kind deutlich erhöht.

Anzeige

Epidemiologische Studien zeigen, dass die perinatale Mortalität und Morbidität am niedrigsten ist, wenn Kinder in der 39. Woche geboren werden. Es wird deshalb in angelsächsischen Ländern überlegt, ob eine routinemäßige Schwangerschafts­einleitung in der 39 + 0. SSW die Situation für das Kind verbessern würde. Dagegen sprach, dass die Einleitung der Geburt in Beobachtungsstudien mit einer erhöhten Rate von instrumentellen Geburten und Kaiserschnitten verbunden war.

Vor einigen Jahren kam dann in der britischen „35/39-Trial“ heraus, dass eine Geburts­einleitung bei Schwangeren im Alter über 35 Jahren in der 39. SSW sicher ist und zu keinem Anstieg von instrumentellen Geburten und Kaiserschnitten führt. Der „35/39-Trial“ lieferte jedoch keinen Hinweis, dass die Einleitung irgendwelche Vorteile für Frau oder Kind hatte.

Das „Maternal–Fetal Medicine Units Network“ der US-Institutes of Health hatte damals bereits mit einer eigenen Studie begonnen, die anders als der „35/39-Trial“ keine Altersbeschränkung hatte, und an dem mit 6.601 Frauen 10-mal mehr Frauen teilnahmen (619 Frauen im „35/39-Trial“).

Der ARRIVE-Trial („A Randomized Trial of Induction Versus Expectant Management“) randomisierte die Frauen, allesamt Erstgebärende mit einer Einzelschwangerschaft und einem geringen Risiko (keine fetalen Wachstumsstörungen, keine hypertensiven Schwangerschaftskomplikationen) auf eine Einleitung der Schwangerschaft in 39 + 0 SSW bis 39 + 4 SSW oder auf eine abwartende Haltung, bei der erst bei einer Übertragung eingegriffen werden sollte.

Primärer Endpunkt war ein Composite aus dem Tod des Kindes oder perinatalen Komplikationen. Dazu gehörte eine Unterstützung der Atmung in den ersten 72 Stunden nach der Geburt, ein Apgar-Score von 3 oder weniger nach 5 Minuten, eine hypoxisch-ischämische Enzephalopathie, Krampfanfälle, schwere Infektionen (Sepsis oder  bestätigte Lungenentzündung), ein Mekoniumaspirationssyndrom, ein Geburtstrauma (Knochenbruch, neurologische Verletzung oder Netzhautblutungen), Hirnblutungen oder eine Hypotonie, die eine Vasopressorunterstützung erforderlich machte.

Dieser Endpunkt trat im Interventionsarm mit routinemäßiger Geburtseinleitung bei 132 Neugeborenen ein (4,3 %) gegenüber 164 Neugeborenen (5,4 %) in der Kontrollgruppe. William Grobman von der Northwestern University in Chicago und Mitarbeiter errechneten ein relatives Risiko von 0,80, das mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,64 bis 1,00 knapp signifikant war. Dies bedeutet, dass auf 91 Kinder eines kommt, dem durch die routinemäßige Geburtseinleitung eine Komplikation erspart blieb.

Noch größer war der Vorteil für die Mutter. Denn die routinemäßige Geburtseinleitung senkte die Häufigkeit der Kaiserschnitt-Entbindungen von 22,2 auf 18,6 % (relatives Risiko 0,84; 0,76–0,93). Dies bedeutet, dass auf 28 Frauen eine kommt, der durch die routinemäßige Geburtseinleitung eine Kaiserschnitt-Entbindung erspart blieb.

Weitere Vorteile waren eine kürzere Beatmungszeit von Neugeborenen mit Komplikationen und eine frühere Entlassung der Kinder. Auch die Mütter konnten früher aus der Klinik entlassen werden.

Der Nachteil bestand in einem längeren Aufenthalt im Kreißsaal (20 versus 14 Stunden) und damit verbunden eventuell höhere Kosten durch die Bereitstellung von Kreißsaal und Personal – was aber durch die geringere Rate von Kaiserschnitten wieder aufgefangen werden könnte (eine Kosten-Nutzen-Analyse steht noch aus).

Für die Frauen ist die routinemäßige Geburtseinleitung möglicherweise mit der Einschränkung verbunden, dass sie das Kind nicht mehr aus eigenem Antrieb geboren haben. Danach wurde in der Studie nicht gefragt. Auffällig ist jedoch, dass mehr als 16.000 Frauen die Teilnahme an der Studie abgelehnt hatten. Vor allem ältere Frauen europäischer Herkunft hatten sich dagegen entschieden. Die Teilnehmerinnen der Studie waren mit einem Durchschnittsalter von 23 bis 24 Jahren deutlich jünger als US-Mütter, die im Mittel ihr Kind mit 29 Jahren bekommen. Sie waren auch häufiger afroamerikanischer oder hispanischer Herkunft.

Trotz dieser Einschränkungen dürfte die Studie einen starken Einfluss auf die Geburtshilfe in den USA haben. Viele Kliniken dürften den Frauen künftig eine geplante Geburt zu Beginn der 39. SSW anbieten mit der Warnung vor dem Risiken einer Terminüberschreitung für die Gesundheit von Mutter und Kind. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

12. Dezember 2018
Berlin – Nach intensiven Verhandlungen haben sich GKV-Spitzenverband, Deutscher Hebammenverband, Bund freiberuflicher Hebammen und das Netzwerk der Geburtshäuser auf eine Anhebung der
Betriebskostenpauschale für Geburtshäuser steigt
12. Dezember 2018
Chapel Hill/North Carolina – Schwangerschaften schützen vor Brustkrebs, doch die protektive Wirkung setzt laut einer Studie in den Annals of Internal Medicine (2018; doi: 10.7326/M18-1323) erst nach
Brustkrebsrisiko in den ersten Jahren nach einer Geburt erhöht
10. Dezember 2018
Portland/Oregon – Eine Behandlung mit Vitamin C kann die Lungenschäden von Säuglingen, zu denen es durch das Tabakrauchen ihrer Mütter während der Schwangerschaft kommt, abschwächen. Dies ergab eine
Passivrauchen: Vitamin C in der Schwangerschaft verbessert Lungenfunktion von Säuglingen
4. Dezember 2018
Berlin – Die Schadensfälle bei klinischen und außerklinischen Geburten durch freiberufliche Hebammen schwankten zwischen 2004 und 2014 zwischen sechs und 31 Fällen pro Jahr. Im Mittel wurden rund 20
Pro Jahr werden 20 Geburtsschäden durch Hebammen der Berufshaftpflicht gemeldet
4. Dezember 2018
Berlin – Nach dem Willen der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit sollen künftig auf allen Berliner Geburtsstationen Babylotsen im Einsatz sein. Das Projekt solle nach einer erfolgreichen
Berlin will Babylotsen an allen Geburtskliniken
22. November 2018
Hannover – Die Ausgaben für das Mutterschaftsgeld sind einem Zeitungsbericht zufolge seit 2007 um rund 40 Prozent gestiegen. Wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf eine Antwort des
Mehr Ausgaben für Mutterschaftsgeld
21. November 2018
Boston – Die einmalige Injektion eines RNAi-Therapeutikums, das in der Plazenta die Bildung des Proteins sFlt1 stoppt, hat bei Pavianen die Symptome einer Präeklampsie gelindert. Es kam allerdings
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER