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Öko­nomi­sierung hat katastrophale Folgen für Kinderkliniken

Montag, 20. August 2018

/dpa

München – Immer mehr Kinderkliniken in Deutschland droht ein drastischer Personal- und Leistungsabbau oder sogar die Schließung. Darauf hat die Stiftung Kinder­gesundheit heute hingewiesen. Sie übt scharfe Kritik an der stationären Versorgungssituation in der Kinder- und Jugendmedizin.

„Die meisten Kinderkliniken und Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin befinden sich in einer bedrohlichen Lage. Sie werden immer häufiger zu Verlierern in einem System, das auf die Bedürfnisse ihrer kleinen Patienten aus wirtschaftlichen Gründen kaum noch Rücksicht nimmt“, warnt der Vorsitzende der Stiftung, Berthold Koletzko. Kinderkliniken seien chronisch unterfinanziert und machten Verluste.

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Die Pflegekräfte und Ärzte seien überlastet und es fehlten massiv Arbeitskräfte, um die Versorgung in der bisher gewohnten und für Kinder so wichtigen hohen Qualität aufrecht zu erhalten, kritisiert Koletzko. 

Ein Drittel Arztstellen im Vergleich zu Zürich

Besonders deutlich verschlechtert haben sich in den vergangenen Jahren die Bedingungen in den Schwerpunkt- und Universitätskliniken für Kinder- und Jugendmedizin. „Die Personalkapazität für die Versorgung gerade dieser Kinder ist heute deutlich schlechter als noch vor zehn Jahren und viel schlechter als in einigen europäischen Nachbarländern“, so Koletzko.

So habe beispielsweise die Münchner Universitäts­kinderklinik im Dr.-von-Haunerschen Kinderspital bei etwa gleicher Größe und etwa gleicher betreuter Patientenzahl wie der Universitätskinderklinik in Zürich heute nur ein Drittel der in Zürich vorhandenen Arztstellen, benennt er die Situation.

Versorgungslücken

Aber auch die flächendeckende Betreuung durch Fachabteilungen für Kinder- und Jugendmedizin weist laut Stiftung immer größere Lücken auf. „Seit 1991 wurde jede fünfte Kinderabteilung geschlossen. In der stationären Kinderheilkunde wurden vier von zehn Betten abgebaut“, so die Kritik.

Gleichzeitig müssten Kinderkliniken Betten für ganz unterschiedliche Patienten­gruppen vorhalten: Von Frühgeborenen, die weniger als 500 Gramm wiegen, bis zu Jugendlichen mit mehr als 150 Kilogramm Gewicht. Sie benötigten außerdem Betten für saisonal auftretende Infektionswellen und für Kinder mit unterschiedlichem Alter und mit stark voneinander abweichenden Bedürfnissen. 

Außerdem steige die Zahl der Kinder, die Hilfe benötigten, stellt die Stiftung fest. Nach vielen Jahren des Geburtenrückgangs würden heute wieder mehr Kinder geboren. Für viele Kinder mit schweren Erkrankungen hätten sich die Behandlungsmöglichkeiten und ihre Chancen stark verbessert, aber sie benötigten dazu eine intensive und kompetente, oft spezialisierte Betreuung.

Fallpauschalen unzureichend

Verantwortlich für die besorgniserregende Situation der Kinderkliniken sind laut Koletzko die diagnosebezogenen Fallpauschalen (diagnosis related groups, DRGs). Seit der Einführung des auf ökonomische Effizienz ausgerichteten DRG-Systems habe sich die Situation der Kinderkrankenhäuser stark verschlechtert. „Das System berücksichtigt nur unzulänglich denn bei der Versorgung von Kindern im Vergleich zu Erwachsenen entstehenden viel höheren Aufwand an Personal und Vorhaltemaßnahmen und die nur bei Kindern bestehenden seltenen oder komplexen Erkrankungen“, so der Stiftungsvorsitzende.

Die Stiftung Kindergesundheit fordert für die Behandlung von Kindern, die an schweren, komplexen, chronischen und seltenen Erkrankungen leiden, daher umgehend „eine faire und kostendeckende Vergütung, die sich am tatsächlichen Behandlungs- und Pflegeaufwand orientiert“.

„Die angespannte Finanzierungssituation von Kinderkliniken beruht auf den spezifischen Anforderungen des Fachgebiets“, meinen auch die Autoren des Beitrages „Pädiatrie – die Folgen der Öko­nomi­sierung“ im Deutschen Ärzteblatt. Das Vertrauen der Kinder als Grundvoraussetzung für eine gelungene Arzt-Patient-Beziehung erfordere nicht nur fachliche und emotionale Kompetenz, sondern auch ein Mehr an personellen und zeitlichen Ressourcen.

Die Personalkosten in Kinderkliniken lägen dementsprechend rund 30 Prozent höher als in der Erwachsenenmedizin. „Dieser dem Fachgebiet immanente Mehraufwand wird im jetzigen DRG-System auch nach den bislang erfolgten Anpassungen einiger DRG-Ziffern und trotz einer Reihe von kinderspezifischen DRGs immer noch nicht ausreichend abgebildet“, kritisieren die Autoren um Christiane Woopen, ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #90533
nicolaischaefer
am Montag, 20. August 2018, 23:24

Liebes Ärzteblatt!

Über Ökonomisierung wird von Dir immer so berichtet, als sei es eine Art übernatürliche "Heimsuchung". Bitte gib der Ökonomisierung eine Geschichte. Sie war 1:1 das erklärte Ziel der Gesundheitspolitik der späten 1980er und gesamten 1990er Jahre. Einer ihrer "Architekten" bemüht sich gerade als Innenminister um mediale Aufmerksamkeit. Liebes Ärzteblatt, fragt ihn doch einmal ob er es sich so vorgestellt hatte? Fragt ihn doch, ob die angebliche Kostensenkung im Gesundheitswesen durch die Einführung der DRGs sowie das "Verhökern" vormals freigemeinnütziger Kliniken an Versicherungskonzerne und Pharmaunternehmen wirklich eine sooo gute Idee war und wie er das aus heutiger Sicht rechtfertigt? Aber - liebes Ärzteblatt - vergiss auch nicht bei der sonst so von der Ärzteschaft geliebten FDP anzuklopfen und unsere (neo)liberalen Freunde auch um eine Stellungnahme zu bitten, wie sich denn "Ökonomisierung" (UND Deregulierung UND Privatisierung UND das gute alte FDP-Motto vom "...weniger Staat!...") denn so mit dem Gedanken eines solidarischen Gesundheitswesens vertragen?

Und dann hört bitte endlich auf über die Heimsuchung der Ökonomisierung zu schreiben, als gebe es kein Gestern! Danke!
LNS

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