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Medizin

Können Patienten direkt aus der Intensivstation nach Hause entlassen werden?

Mittwoch, 22. August 2018

/dpa

Calgary – Intensivstationen in Kanada entlassen Patienten immer häufiger direkt nach Hause. Nach einer Kohortenstudie in JAMA Internal Medicine (2018; doi: 10.1001/jamainternmed.2018.3675) hat sich das Prozedere in ausgewählten Fällen als sicher erwiesen.

Üblicherweise werden Patienten nach einer intensivmedizinischen Behandlung noch einige Zeit auf einer Normalstation betreut, um die Entlassung vorzubereiten. Dies kann bei einem Bettenmangel zu Verzögerungen und zu Belegungsproblemen auf der Intensivstation führen. Intensivmediziner entscheiden sich deshalb gelegentlich dazu, die Patienten direkt nach Hause zu entlassen. In der kanadischen Provinz Alberta liegt der Anteil bei 14 %, in einer Klinik waren es sogar 44 %, wie Henry Stelfox von der Universität von Calgary/Alberta und Mitarbeiter berichten. 

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Die Intensivmediziner haben in einer retrospektiven Studie recherchiert, ob die direkte Entlassung für die Patienten mit Nachteilen verbunden war. Dies war laut der Analyse nicht der Fall: In den ersten 30 Tagen nach der direkten Entlassung, wurden zwar 10 % erneut ins Krankenhaus eingeliefert. Dies wurde jedoch auch bei 11 % der Patienten notwendig, die über die Normalstation entlassen wurden (Hazard Ratio 0,88; 95-%-Konfidenzintervall 0,64–1,20). 

Ungefähr ein Viertel der Patienten in beiden Gruppen hatte innerhalb von 30 Tagen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus einen Notarztbesuch (25 versus 26 %; Hazard Ratio 0,94; 0,81–1,09). Auch der Anteil der Patienten, die innerhalb eines Jahres nach der Entlassung starben, war mit etwa 4 % in beiden Gruppen gleich (Hazard Ratio 0,90; 0,60–1,35).

Der Vorteil der frühen Entlassung war, dass die Patienten 6 Tage früher wieder zu Hause waren (Liegezeiten: 3,3 versus 9,2 Tage).

Natürlich ist nicht jeder Patient für eine direkte Entlassung geeignet. In Kanada waren diese Patienten jünger (Durchschnittsalter 47 versus 57 Jahre) und sie wiesen seltener Komorbiditäten auf (39 versus 65 %). Die direkt entlassenen Patienten waren seltener aus dem Operationssaal auf die Intensivstation verlegt worden (11 versus 29 %) und sie waren in den ersten 24 Stunden auf der Intensivstation weniger akut krank (mittlerer APACHE-II-Score 15 gegenüber 18).

Die direkt entlassenen Patienten waren häufiger wegen einer Überdosierung, wegen Substanzentzug, Krampfanfällen oder eines metabolischen Komas behandelt worden (32 versus 10 %), sie mussten seltener über 48 Stunden oder länger beatmet werden (42 versus 34 %).

Zu den Risikofaktoren für eine erneute Wiederaufnahme innerhalb von 30 Tagen gehörte eine Entlassung auf eigenen Wunsch hin, die Verordnung von Pflege­maßnahmen sowie die Entlassung aus einer Intensivstation, die pro Woche mehr als 1 Patienten direkt nach Hause entlässt.

Wie bei allen retrospektiven Studien sind die Ergebnisse mit einem Fragezeichen zu versehen. Stelfox hat zwar ein Propensity Score Matching durchgeführt, das sicherstellen soll, dass nur Patienten mit gleichen Risiken verglichen werden. Es lässt sich aber nicht ausschließen, dass Patienten mit geringem Risiko bevorzugt direkt nach Hause entlassen wurden und dass diese Patienten später seltener wieder aufgenommen worden wären, wenn sie vor der Entlassung in einer Normalstation betreut worden wären. © rme/aerzteblatt.de

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