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Medizin

Querschnittlähmung: Magnetstimulation am Rücken ermöglicht kontrollierte Blasenentleerung

Freitag, 24. August 2018

Transkranielle Magnetstimulation /Elaine Schmidt, UCLA Health

Los Angeles – Ein Gerät, das in den USA zur transkraniellen Magnetstimulation bei Depressionen zugelassen ist, hat in einer „Proof of Concept“-Studie nach einer Anwendung über der Lumbalwirbelsäule 5 Patienten mit Querschnittlähmung teilweise eine kontrollierte Blasenentleerung ermöglicht. Die Forscher bezeichnen die Behandlung in Scientific Reports (2018; 8: 12549) als transkutane magnetische Rückenmarkstimulation (TMSCS).

Die Magnetfelder, die in der Umgebung elektrischer Leitungen entstehen, können die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen. Für eine therapeutische Anwendung werden allerdings Feldstärken im Tesla-Bereich benötigt. In den USA ist ein Gerät zur Magnetstimulation seit 2008 zur Behandlung von Depressionen zugelassen. Die elektrische Spule in Form einer 8 wird dabei über der seitlichen Stirn platziert, um die Aktivität im präfrontalen Cortex zu stimulieren.

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Ein Team um Daniel Lu von der David Geffen School of Medicine in Los Angeles hat das Gerät jetzt an 5 männlichen Patienten erprobt, die nach einer Querschnittlähmung die Fähigkeit zur willentlichen Blasenentleerung verloren hatten. Unter dieser neurogenen Blase leiden schätzungsweise 80 % aller Querschnittgelähmten. Sie sind gezwungen, sich täglich mehrmals zu katheterisieren, was fast zwangsläufig zu Infektionen und Vernarbungen führt. In einer Umfrage aus dem Jahr 2012 gaben Querschnittgelähmte an, dass es für sie wünschenswerter wäre, ihre Blase zu kontrollieren, als den Rollstuhl verlassen zu können. Die ständigen Infektionen mit zunehmend resistenten Erregern und die Schädigung der Nieren durch den Harnstau führen zudem zu einer Verkürzung der Lebenserwartung.

Die Kontrolle über die Skelettmuskulatur können die Ärzte ihren Patienten derzeit nicht wieder verschaffen. Dies liegt außerhalb der therapeutischen Möglichkeiten, da sich die beschädigten Neurone im Rückenmark nicht reparieren lassen. Eine Unterstützung der Miktion könnte jedoch auf der Ebene des unbeschädigten Rückenmarks erfolgen, da die Blasenentleerung über Reflexe im Lumbalbereich gesteuert wird. Sogar eine zentrale Steuerung durch das Gehirn erscheint möglich, wenn nach einer inkompletten Querschnittlähmung einige Nervenfasern intakt geblieben sind.

Bei 2 der 5 Patienten, an denen Lu die Therapie jetzt erprobt hat, waren die sensorischen Verbindungen teilweise erhalten geblieben (ASIA Grad B). Bei den anderen 3 Patienten war ein kompletter Ausfall von Motorik und Sensorik im Lumbalbereich diagnostiziert worden (ASIA Grad A).

Die Ärzte führten bei den Patienten über 16 Wochen einmal wöchentlich eine TMSCS durch. Dabei wurde die Spule im Bereich des ersten Lendenwirbels so über dem Rücken gehalten, dass ein Magnetfeld parallel zum Verlauf des Rückenmarks entstand. Jede Behandlung bestand aus 3 Stimulationen von jeweils 4 Minuten.

Zunächst wurden keine Veränderungen beobachtet. Doch nach 4 Behandlungen wurden bei den Patienten erste Anzeichen einer Blasenkontrolle erkennbar. Am Ende waren nach Auskunft von Lu alle 5 Patienten zu einer willkürlichen Miktion in der Lage. Die durchschnittliche Blasenkapazität der Patienten erhöhte sich von 244 auf 404 Milliliter. Das ohne Katheter produzierte Urinvolumen stieg von Null auf 1.120 Milliliter pro Tag, schreibt der Neurologe.

Die Patienten konnten die Zahl der Selbstkatheterisierungen laut der Publikation durchschnittlich von 6,6 auf 2,4 pro Tag senken. Bei 4 von 5 Patienten kam es zu einem Rückgang um mehr als die Hälfte, einer käme heute mit einer einzigen Katheterisierung pro Tag aus, versichert Lu. Die Patienten würden dies als einen deutlichen Gewinn ihrer Lebensqualität empfinden.

Während einer anschließenden verblindeten Phase, in der die Behandlung ohne Aktivierung der Spulen durchgeführt wurde, verschlechterte sich die Blasenkontrolle bei den Patienten wieder. Lu schließt deshalb eine Placebowirkung aus.

Wie genau die Wirkung zustande kommt, ist unklar. Die Forscher hatten ähnliche Verbesserungen in einer früheren Studie nach der Implantation eines Rückenmark­stimulators erzielt. Die jetzige Behandlung ist dagegen nichtinvasiv und deshalb nicht mit den Risiken einer Operation oder der Implantation eines Fremdkörpers verbunden.

Die Forscher planen eine weitere klinische Studie. Von einer belegten Wirkung wird man aber erst ausgehen können, wenn andere Zentren die Ergebnisse bestätigen. Da die Geräte in Europa mit CE-Zertifikat erhältlich sind, dürfte klinischen Studien nichts im Wege stehen. © rme/aerzteblatt.de

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