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Medizin

Telemedizin verlängert Leben von Herzpatienten

Montag, 27. August 2018

/Photographee.eu, stockadobecom

Berlin – Die telemedizinische Mitbetreuung von Patienten mit Herzschwäche mit täglichen Messungen führt zu weniger Kranken­haus­auf­enthalten und zu einer längeren Lebensdauer im Vergleich zur herkömmlichen Behandlung. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher der Charité-Universitätsmedizin Berlin in einer prospektiven Multizenterstudie mit mehr als 1.500 Patienten, die sie im Lancet veröffentlicht  (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31880-4) und heute in Berlin vorgestellt haben. Die vorliegende Evidenz sollte den Weg in die Regelversorgung der Krankenkassen ebnen, hoffen die Beteiligten der Fontane-Studie.

Telemedizinpatienten verbrachten in der Studie innerhalb von einem Jahr weniger Tage aufgrund von ungeplanten kardiovaskulären Ereignissen im Krankenhaus. Sie verbrachten 17,8 Tage in der Klinik im Vergleich zu 24,2 Tagen in der Kontrollgruppe. Zudem starben von 100 Herzinsuffizienzpatienten in einem Jahr unter den regulären Bedingungen etwa 11 Patienten, mit telemedizinischer Mitbetreuung hingegen etwa 8 Patienten.

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Auch bei den ungeplanten Krankenhaustagen wegen Herzinsuffizienz gab es mit 3,8 gegenüber 5,6 Tagen einen Vorteil für die Telemonitoring-Gruppe. Diese Ergebnisse wurden unabhängig davon erreicht, ob der Patient auf dem Land oder in der Stadt lebte.

Die Fontane-Studie (Telemedical Interventional Management in Heart Failure II, TIM-HF2) belegt somit erstmals den Nutzen von Telemedizin für Herzpatienten. Daran teilgenommen haben 113 Zentren in 14 Metropolregionen und in 11 ländlichen Regionen in 13 Bundesländern, vor allem aber aus Nordbrandenburg. „Weltweit handelt es sich um eine der größten Studie zur Telemedizin“, sagte der Studienleiter Friedrich Köhler, Ärztlicher Direktor an der Charité, bei der Pressekonferenz in Berlin.

Hervorzuheben ist laut Köhler auch, dass die Telemedizinpatienten die guten Zielwerte unabhängig vom Alter erreichten. Die älteste Patientin der Studie war 92 Jahre alt. Einen leichten Vorteil hatten Männer gegenüber Frauen. „Wobei zu beachten ist, dass sich die Ehefrauen der Männer immer mitschulen ließen, wohingegen die Ehemänner dies für ihre Frauen nicht taten“, berichtet Köhler.

Fachärzte überwachen Messwerte rund um die Uhr

In einer einstündigen Einweisung erklärten Krankenschwestern den telemedizinisch mitbetreuten Patienten (n = 796) zu Beginn die 4 Messgeräte, die sie täglich anwenden mussten: ein Elektrokardiogramm (EKG) mit Fingerclip zur Messung der Sauerstoffsättigung, ein Blutdruckmessgerät, eine Waage sowie ein Tablet zur Selbsteinschätzung des Gesundheitszustandes. Über das Tablet wurden die Werte automatisch an das Zentrum für kardiovaskuläre Telemedizin der Charité übertragen. Ärzte und Pflegekräfte des Zentrums bewerteten die übertragenen Messwerte – 24 Stunden täglich an 7 Tagen die Woche.

Dafür standen im Telemedizinzentrum eine Oberärztin und 3 Fachärzte zur Verfügung. Dazu kam ein 4.  ärztliches Dienstsystem als Teil der Klinik, 5 Pflegekräfte in Berlin und 17 weitere Herzinsuffizienz-Pflegeexperten vor Ort. Bei einer Verschlechterung der Werte veränderte das Telemedizinteam zum Beispiel die Medikation, empfahl einen ambulanten Arztbesuch oder die Krankenhauseinweisung.

Die Studie könnte den Weg ebnen, damit kardiotelemedizinische Leistungen Eingang finden in die Leitlinien und auch in den Leistungskatalog der Krankenkassen und somit schlussendlich in die Regelversorgung. Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Der Parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Thomas Rachel (CDU), sprach von einem „Meilenstein“ der Evidenz für Telemedizin. „Die Studie könnte den Weg ebnen, damit kardiotelemedizinische Leistungen Eingang finden in die Leitlinien und auch in den Leistungskatalog der Krankenkassen und somit schlussendlich in die Regelversorgung“, hofft Rachel.

Das Bun­des­for­schungs­minis­terium hatte das Projekt mit 10,2 Millionen Euro gefördert. Seiner Meinung nach profitieren von der Telemedizin nicht nur die Patienten, sondern vor allem auch niedergelassene Landärzte. Sie erhalten durch die neue Technik Know-how von Unikliniken, die ebenfalls Teil des telemedizinischen Netzwerks sind.

Empfehlung für Telemedizin soll in neue Leitlinie einfließen

Schon in 2 Jahren sollen die Leitlinien zur Herzinsuffizienz überarbeitet werden, kündigte Köhler an. „Hierbei werden die Ergebnisse unserer Studie berücksichtigt“, verrät der Berliner Studienleiter. Die Betreuung von Herzpatienten ohne die telemedizinische Ausstattung wäre somit eine Unterlassung, warnt er. Spätestens in 2 bis 3 Jahren sollte die Technik daher allen Patienten angeboten werden.

Die beiden kooperierenden Krankenkassen des Telemedizinprojekts, Barmer und AOK Nordost, werden die Studienergebnisse nun ebenfalls bewerten. „Dort, wo ein Nutzen klar belegt ist, werden wir einzel­vertragliche Vereinbarungen zur Versorgung treffen“, sagte Mani Raffi, Vorstand der Barmer. Im Rahmen eines Innovationsfondsprojektes will die Krankenkasse die Telemedizin bei Herz­insuffizienz geeigneten Patienten in Kürze zur Verfügung stellen. „Bei Erfolg soll es in die Regelversorgung überführt werden“, so Rafi. „Wenn es nach uns geht, kann das telemedizinische Angebot schnell in die Wege geleitet werden – jedoch hängt es oft an anderen Voraussetzungen, etwa der Erreichbarkeit über technische Anschlüsse.“

Auch Werner Wyrwich, verantwortlich für das Versorgungsmanagement der AOK Nordost, ist vom Nutzen der Telemedizin überzeugt. Das Programm „AOK-Curaplan Herz Plus“ hätte bereits bewiesen, dass telemedizinische Betreuung funktioniere. „Die neuen Ergebnisse im Lancet bestätigen diesen Erfolg erneut“, sagte Wyrwich heute in Berlin.

Jetzt geht TIM-HF2 in eine neue Projektphase: „In einem nächsten Schritt möchten wir unsere erhobenen Daten gesundheitsökonomisch analysieren und prüfen, welche Kosteneinsparungen für das Gesundheitssystem durch telemedizinische Mitbetreuung möglich sind. Zudem untersuchen wir ein Jahr nach dem Studienende, ob telemedizinische Mitbetreuung auch nach ihrem Abschluss einen nachhaltigen Einfluss auf den Krankheitsverlauf hat“, ergänzte Köhler.

Des Weiteren hat Köhler bereits Ideen für neue Indikationen (COPD) und eine Hochskalierung. Zukünftig sollen mit gleichem Personalaufwand noch mehr Patienten betreut werden. © gie/aerzteblatt.de

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