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Hürden für Heimtests auf Geschlechts­krankheiten sollten fallen

Mittwoch, 29. August 2018

HIV-Selbsttest /dpa

Berlin – Die Hürden beim Zugang zu Heimtests auf sexuell übertragbare Infektionen (STI) müssten in Deutschland fallen. Das fordert die Deutsche STI-Gesellschaft anlässlich des Welttag der sexuellen Gesundheit am 4. September. Syphilis, Tripper und ähnliche Krankheiten nehmen seit Jahren wieder zu in Deutschland, sagte STI-Präsident Norbert Brockmeyer. Auch wenn sich oft keine akuten Symptome zeigten, seien die Folgen keineswegs harmlos.

Bisher müssen sich Testwillige nicht nur selbst ihr Risiko eingestehen, sie müssen sich auch jemandem offenbaren – beim Arzt, dem Gesundheitsamt oder etwa in den Checkpoints von Aidshilfen. In anderen Ländern wie Großbritannien kann man sich ohne jeglichen Kontakt zum Arzt Tests nach Hause schicken lassen, selbst die Proben entnehmen und diese ins Labor schicken, wie Armin Schafberger, Medizin­experte bei der Deutschen Aidshilfe, sagte. Die Kosten würden übernommen. Körperliche Untersuchungen, peinliche Momente und die Angst, moralisch verurteilt zu werden, fielen so weg.

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Geschäftsleute haben die Lücke in Deutschland erkannt und bieten über das Internet diverse STI-Schnelltests für den Heimgebrauch an. Die Seiten seien auf Deutsch, sähen seriös aus und Tests hätten oft das CE-Zeichen, sagt Klaus Jansen vom Robert-Koch-Institut (RKI). Antibiotika würden gleich mit angeboten. Käufer erhielten jedoch Tests, die nicht auf bewährten Methoden beruhten und wenig aussagekräftige Ergebnisse lieferten. Auf dem deutschen Markt sei die Abgabe von Heimtests ohne vorherigen Arztkontakt bisher nicht möglich, sagte Jansen. Grund ist das Fernbehandlungsverbot – dessen Lockerung ist aber bereits beschlossen.

Mit dem Pilotprojekt „S.A.M.“ in Bayern versucht nun unter anderem die Deutsche Aidshilfe, die bequeme Probenentnahme mit hiesigem Recht in Einklang zu bringen: mit einem Testpaket auf HIV, Syphilis, Tripper und Chlamydien. Mit einer Abo-Option sei das Testpaket insbesondere für Menschen gedacht, die sich regelmäßig testen wollen, denen auf dem Land aber die richtigen Anlaufstellen fehlen. Das könnten Homo- und Heterosexuelle mit wechselnden Partnern ebenso wie Sexarbeiterinnen sein, sagte Schafberger. Interessenten müssen nur einmal zu einer Beratung gehen, können den Rest zu Hause erledigen. Das heißt: selbst Blut, Urin sowie Abstriche nehmen.

Ein ähnliches Projekt mit der Aidshilfe Nordrhein-Westfalen läuft auch bei Brockmeyer in Bochum. Dabei umfasst das Testspektrum zusätzlich Mykoplasmen – bakterielle Infektionen, die dem Experten wegen zunehmender Antibiotikaresistenzraten Sorgen bereiten. In beiden Projekten würden bewährte, sichere Testverfahren eingesetzt, gegen die nichts einzuwenden sei, sagt RKI-Forscher Jansen.

Anders als bei den HIV-Heimtests, die ab Herbst leichter in Deutschland erhältlich sein sollen, können Nutzer das Ergebnis bei diesen STI-Test-Angeboten nicht selbst ablesen. Sie müssen Proben zur Laboruntersuchung einschicken und ungefähr drei Tage Geduld haben. Der Befund wird am Telefon übermittelt, damit verbunden ist eine Beratung zu den Behandlungsmöglichkeiten.

Das Testpaket kostet insgesamt 32 Euro. Experten sind sich einig, dass das noch ein Hemmschuh sein dürfte. Die Aidshilfe will in Bayern bis Juli 2019 erproben, ob das Angebot angenommen wird, wie Schafberger betonte. Für ihn machen Selbstentnahme-Tests auch mit Blick auf den sich verschärfenden Ärztemangel im Land Sinn. „Langfristig ist es unser Ziel, das Angebot bundesweit auszudehnen und auch Gesundheitsämter und Arztpraxen einzubinden“, sagt er.

Erfahrungswerte mit kostenlosen STI-Tests hat das Gesundheitsamt Bochum. Diese wurden Menschen angeboten, die sich eigentlich nur auf HIV testen lassen wollten. Von 1.225 Teilnehmern im Vorjahr gab es etwa bei jedem Zehnten einen Treffer. Generell muss man nicht im Wochentakt neue Partner haben, um gefährdet zu sein: Laut einer Faustregel besteht ab drei Sexpartnern pro Jahr ein erhöhtes Risiko.

„Das Problem sind die Leute, die meinen, sie seien nicht infiziert“, betonte Brockmeyer. Gerade weil Betroffene oft keine auffälligen Symptome hätten, werde die Diagnose in mehr als jedem zweiten Fall erst spät gestellt – möglicherweise nachdem der Erreger mehrfach weitergegeben wurde. Dabei können manche STI durchaus Langzeitfolgen haben. Zum Beispiel können Gonokokken oder Chlamydien, die weltweit zu den verbreitetsten STI gehören, unbehandelte Frauen und Männer unfruchtbar machen. Und durch Infektionen mit Syphilis, Chlamydien und/oder Gonokokken steigt auch das Risiko für eine HIV-Infektion.

Dass sexuell übertragbare Infektionen überhaupt wieder im Kommen sind, hat mehr als eine Ursache. Unter anderem dürften Kondome durch die gute Behandelbarkeit und Vorbeugung bei HIV wieder an Bedeutung verloren haben. Beim Kondomverzicht spielten auch die Möglichkeiten der Anbahnung von Sex über Partnerbörsen und Apps eine Rolle, sagt Brockmeyer – weil sich die Paare vermeintlich schon kennen. Jugendlichen fehle es an entsprechender gesundheitlicher Bildung und somit am Wissen, sagte der Experte. © dpa/aerzteblatt.de

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