NewsMedizinMacht Ketamin abhängig? Antidepressive Wirkung beruht auf Aktivierung von Opiatrezeptoren
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Macht Ketamin abhängig? Antidepressive Wirkung beruht auf Aktivierung von Opiatrezeptoren

Donnerstag, 30. August 2018

/dpa

Palo Alto/Kalifornien – Die schnelle antidepressive Wirkung von Ketamin wurde in einer kleinen randomisierten Studie durch die vorherige Gabe des Opioidantagonisten Naltrexon blockiert. Die im American Journal of Psychiatry (2018; doi: 10.1176/appi.ajp.2018.180201389) vorgestellten Ergebnisse werfen die beängstigende Frage auf, ob das neue Mode-Antidepressivum möglicherweise suchterregend ist.

Berichte über die exzellente Wirkung von Ketamin bei Depressionen hat in den USA zur Gründung von „Ketamin Clinics“ geführt. Dort wird Patienten, die auf herkömmliche Antidepressiva nicht ansprechen, eine schnelle Lösung ihrer Probleme versprochen. An psychiatrischen Kliniken setzen Ärzte Ketamin auch als Notfallbehandlung bei Suizidalität ihrer Patienten ein. Beide agieren, ohne die langfristigen Auswirkungen der Ketamintherapie zu kennen.

Anzeige

Ketamin wurde bereits 1962 entwickelt und seit den 1970er-Jahren als Anästhetikum eingesetzt. Die Kombination aus schmerzlindernder Wirkung und Bewusstlosigkeit ermöglichte beispielsweise im Vietnamkrieg schmerzfreie Operationen ohne Beatmungsgeräte. Heute wird Ketamin in der Anästhesie wegen seiner psychotropen Nebenwirkungen (Halluzinationen, Alpträume) nur noch selten verwendet. Dafür wurde Ketamin als Straßendroge beliebt, da die dissoziative Wirkung einen Rausch erzeugen kann. Drogenexperten warnen seit einiger Zeit vor dem Abhängigkeitspotenzial von „Special K“ oder „Vitamin K“.

Vor wenigen Jahren wurde entdeckt, dass eine Ketamininfusion Patienten innerhalb kurzer Zeit von zuvor therapieresistenten Depressionen befreit, während die Wirkung von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und anderen konventionellen Antidepressiva häufig erst nach Wochen eintritt.

Wie die rasche Wirkung zustande kommt, war bislang nicht bekannt. Wegen der guten schmerzlindernden Wirkung hatten Nolan Williams und Boris Heifets von der Stanford University in Palo Alto den Verdacht, dass Ketamin möglicherweise die Opiatrezeptoren im Gehirn aktiviert.

Um dies zu prüfen, ließen die Mediziner 30 Patienten mit therapieresistenter Depression vor einer geplanten Ketamininfusion mit dem Opioidantagonisten Naltrexon oder mit Placebo behandeln. Während die Symptome in der Placebogruppe wie erwartet um 90 % zurückgingen, blockierte Naltrexon die antidepressive Wirkung von Ketamin komplett. Die halluzinogenen und dissoziativen Effekte von Ketamin blieben dagegen erhalten. Die Studie wurde wegen der klar erkennbaren Effekte vorzeitig abgebrochen.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die antidepressive Wirkung von Ketamin nicht wie bisher angenommen auf einer Blockade der NMDA-Rezeptoren beruht, sondern durch die Aktivierung von Opioidrezeptoren zustande kommt.

Wenn dies zutrifft, dann könnte die Behandlung von Depressionen mit Ketamin eine Abhängigkeit auslösen (wovor Drogenexperten seit Längerem warnen). Da es in den USA viele Patienten gibt, die unter Depressionen leiden, könnte ein breiter Einsatz der Droge in den „Ketamin-Clinics“ eine weitere Drogenepidemie auslösen, warnt Mark George von der Medizinischen Universität von South Carolina Charleston in einem Editorial.

Belegen lässt sich diese Gefahr durch eine kleine randomisierte Studie sicherlich nicht. Die derzeitige Opiatkrise in den USA zeigt jedoch, dass der unkritische Einsatz von Medikamenten mit einer nicht erkannten Suchtwirkung schnell außer Kontrolle geraten kann. Die Tatsache, das Ketamin nicht zur Behandlung von Depressionen zugelassen ist, würde den Missbrauch vermutlich nicht verhindern, da Ärzte für andere Zwecke zugelassene Wirkstoffe grundsätzlich „off-label“ einsetzen können. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 11. September 2018, 21:49

Ketamin

wird heute schon fleißig missbraucht... geschnupft, gefixt, allein oder in Kombination mit anderen Drogen. Offensichtlich hat es in richtiger Dosis eine euphorisierende und stimulierende Wirkung, die gern und auch immer wieder genutzt wird. Ein Blick in die einschlägigen Foren sollte doch auch einem Professor möglich sein!
LNS

Nachrichten zum Thema

16. Mai 2019
Berlin – Unter dem Motto „Kein Alkohol am Arbeitsplatz“ beginnt übermorgen die bundesweite Aktionswoche Alkohol. Zehn Prozent der Beschäftigten konsumierten zu viel Alkohol – von der Aushilfskraft bis
Aktionswoche beleuchtet Alkoholproblematik am Arbeitsplatz
16. Mai 2019
Paris/Berlin – Auch in einigen Staaten Europas sterben immer mehr Menschen am Missbrauch von Opioiden. Das berichtet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf
OECD warnt vor Opioidkrise auch in Europa
15. Mai 2019
Rochester – Tramadol soll weniger suchterregend sein als andere Opioide. US-Patienten, die nach einer geplanten Operation zur Schmerzlinderung mit Tramadol behandelt wurden, benötigten jedoch später
US-Studie sieht Abhängigkeitspotenzial bei Tramadol
17. April 2019
Berlin – Durch technische Tricks an Geldautomaten hebelt die Automatenindustrie geltende Gesetze aus. Die Folgen: Das Suchtpotenzial beim legalen Glücksspiel an Geldspielautomaten sind enorm
Suchtforscher werfen Glücksspielindustrie Gesetzesverstöße vor
16. April 2019
Berlin – Das Risiko für eine Opioidkrise wie in den USA ist in Deutschland gering. Diese Auffassung vertritt die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Bundestag.
Bundesregierung sieht keine Anzeichen für Opioidkrise wie in den USA
16. April 2019
Boston/Melbourne/Toronto – Eine unangemessene Schmerzbehandlung nach Operationen hat wesentlich zur Opioidkrise in den USA und in weiteren Ländern beigetragen. Das meinen Wissenschaftler um Paul Myles
Unangemessene Schmerzbehandlung nach OP eine der Hauptursachen für Opioidkrise
16. April 2019
Berlin – Die Tabak-, Computerspiel- und Trinksucht von Millionen Beschäftigten hat nach Angaben der DAK-Gesundheit gravierende Folgen für die Arbeitswelt. Nach dem heute in Berlin veröffentlichten
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER