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Politik

Neue Debatte um Widerspruchslösung bei Organspende

Montag, 3. September 2018

/dpa

Berlin – Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) hat sich für die Widerspruchslösung bei der Organspende ausgesprochen und damit eine erneute Diskussion angeschoben. Künftig solle jeder Deutsche automatisch ein Spender sein, solange er oder die Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen würden, hatte er der Bild gesagt. Nur so könne die Organspende zum Normalfall werden.

Eine solche Neuregelung stelle zwar einen Eingriff des Staates „in die Freiheit des Einzelnen“ dar, sagte Spahn. Doch seien alle bisherigen Versuche der Politik, die stark zurück­gehende Zahl der Organspender wieder zu erhöhen, „leider ohne Erfolg“ geblieben. „Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über die Widerspruchslösung“, sagte der Minister.

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Einen eigenen Gesetzentwurf will er dazu aber nicht vorlegen. „Diese Diskussion sollten wir im Bundestag führen. Dort gehört das Thema hin“, sagte Spahn. Er sei bereit, diese Debatte „zu organisieren“. Spahn forderte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dazu auf, in die Diskussion über die Organspende einzusteigen. „Ich bin sehr gespannt auf ihre Meinung“, sagte der CDU-Politiker. Er selbst verfüge seit Jahren über einen Organspendeausweis und habe dort „das ‚Ja’ angekreuzt“.

Erst am vergangenen Freitag hatte Spahn einen Gesetzentwurf vorgelegt, der bessere Organisationsstrukturen und mehr Vergütung in den Kliniken vorsieht. Die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken sollen demnach mehr Zeit für ihre Arbeit und intern eine stärkere Stellung erhalten. Ein flächendeckendes Berichtssystem soll offenlegen, ob die Kliniken tatsächlich die Chancen für Organspenden wahrnehmen. Das Hauptproblem sei nicht die Spendenbereitschaft der Bevölkerung, hieß es aus dem Ministerium.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) begrüßte den Gesetzentwurf am Freitag im Grundsatz. Es sei höchste Zeit, dass der Gesetzgeber endlich die strukturellen Hürden beseitige, die für die niedrigen Organspendezahlen verantwortlich seien, sagte BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery. Bisher blieben die Krankenhäuser häufig auf den Entnahmekosten sitzen. Daher sei es besonders wichtig, dass die Organentnahme in Zukunft ausreichend finanziert werden solle. Er betonte, dass der Gesetzgeber mit den neuen Vergütungsregeln eine zentrale Forderung der Ärzteschaft aufgreift.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach bezeichnete es unterdessen als „unverständlich“, warum Spahn die Widerspruchslösung nicht in den Gesetzentwurf integriert habe, sagte er der Passauer Neuen Presse. „Ohne die Widerspruchslösung aber wird die Zahl der Organspender nicht weiter steigen. Sie ist notwendig, um viel Leid abzuwenden.“ Lauterbach sprach sich gegen den Vorschlag aus, die Spendenbereitschaft auf dem Führerschein zu markieren, wie es in den USA üblich ist.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte, Spahn irre, wenn er behaupte, dass „wir alles versucht hätten“. Viel Geld für Werbung auszugeben, könne nicht alles sein. „Vielmehr hat der Staat alles unternommen, um keine Verantwortung zu übernehmen. Weder bei den Richtlinien der Organentnahme noch bei der Organisation der Verteilung oder der Aufsicht.“

Nach wie vor liege alles in den Händen privater Akteure, so Brysch. „Bis heute ist das Transplantationssystem die staatlich organisierte Verantwortungslosigkeit.“ An diesen „elementaren Fehlern“ wolle Spahn nichts ändern. „Stattdessen setzt er die Axt an den Grundrechten an. Aber Schweigen ist nicht Zustimmung. Die Mitglieder der Bundes­tages werden sich bei einer offenen Diskussion dazu bekennen müssen, ob sie sich für oder gegen die Freiheitsrechte entscheiden wollen.“

Organabgabepflicht statt Organspende?

Die Einführung einer Widerspruchslösung würde „einen fundamentalen Paradigmenwechsel“ bedeuten, sagte der Sozialethiker Peter Dabrock, der auch Vorsitzender des Deutschen Ethikrates ist. „Die bisherige Organspende trägt den Charakter von Freiwilligkeit und von wohltätiger Solidarität mit Schwerkranken“, betonte der evangelische Theologe. Jetzt würden Verpflichtung und Abgabe in den Mittelpunkt gestellt. Es wäre ehrlich, dann von Organabgabepflicht statt von Organspende zu sprechen.

Die bisher als selbstverständlich erachtete Integrität des Körpers würde in Frage gestellt. Dabrock fügte hinzu, eine solche Lösung, in diesem allerhöchst persönlichen Bereich eine Aussagepflicht zu verlangen, widerspreche dem Geist, mit dem Gesetzgeber und Gerichte bisher die Verfassung ausgelegt hätten. „Es muss aber auch möglich sein, sich mit dieser Frage nicht beschäftigen zu wollen“, erklärte er.

Fraktionsübergreifende Debatte notwendig

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, sprach sich gegen die Widerspruchslösung aus. Diese missachte das Selbstbestimmungsrecht der Bürger. Es mangele nicht am Willen der Bürger, sondern am Organisationsablauf in den Kliniken.

Die Grünen-Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit, forderte heute eine fraktionsübergreifende Debatte zur Widerspruchsregelung im Bundestag. Sie mahnte aber zugleich, die von Spahn vorgelegten Reformen in den Krankenhäusern schnell zu verbessern. „Das hilft allen Menschen, die händeringend auf ein Organ warten, bedeutend mehr als alle Menschen pauschal zu Organspendern zu erklären“, sagte sie. Sie nannte es „fahrlässig“ dringend notwendige Reformen kleinzureden, weil man meine in der Widerspruchsregelung die zentrale Lösung für die bestehenden Probleme gefunden zu haben.

Andere Länder machen es vor

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer Rheinland-Pfalz begrüßte heute den Vorstoß des Ministers. „Dieser Systemwechsel ist ein richtiger und notwendiger Schritt“, erklärte der Präsident der Lan­des­ärz­te­kam­mer Günther Matheis. Zwar gebe es bundesweit ein sehr großes Engagement vieler Partner, um die Organspende zu fördern. „Doch so sehr wir uns um Aufklärung bemühen. Und so sehr wir viele Verbesserungen initiieren: Die Zahl der Organspender geht seit Jahren immer mehr zurück. Und das stimmt sehr bedenklich“, fügte er hinzu.

Die Lan­des­ärz­te­kam­mer verwies darauf, dass die Widerspruchsreglung in den meisten europäischen Staaten die Regel sei. Es gebe diese bereits in Belgien, Bulgarien, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Kroatien, Lettland, Luxemburg, Norwegen, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Slowenien, Slowakei, Spanien, Tschechien, Türkei, Ungarn und Zypern. In all diesen Ländern seien automatisch alle volljährigen Bürger Organspender – wenn sie dem nicht ausdrücklich widersprechen.

Matheis stellte klar, dass dies auch zu höheren Spenderzahlen führe. In Spanien beispielsweise seien 2016 auf eine Million Einwohner rund 43,4 Organspender realisiert worden. Das Land sei zum wiederholten Mal das Land mit den meisten Organspenden. In Portugal waren es 32,6 und in Frankreich 28,7. Zum Vergleich: In Deutschland lag diese Rate 2016 bei 10,4. Im vergangenen Jahr sank sie weiter auf 9,7 Spender.

Zeit für Auseinandersetzung

Aus medizinischer Sicht wäre die Widerspruchslösung eine hilfreiche Lösung, damit Schwerstkranken auf der Warteliste rascher geholfen werden kann und damit weniger Patienten während ihrer Wartelistenzeit sterben, forderte Matheis: „Ich finde, es ist Zeit, darüber offen und ehrlich zu reden und für eine transparente Debatte über die Organspende und die Einführung der erweiterten Widerspruchslösung bereit zu sein.“

Ähnlich beurteilt das die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). Nur durch eine gesellschaftlich geführte Diskussion könne dauerhaft ein Klima erzeugt werden, in dem die Bereitschaft zur Organspende zunehme und zeitgleich Ängste vor der Organspende abgebaut würden.

„Ich persönlich befürworte die Widerspruchslösung, weil sie dazu führen wird, dass sich die Menschen frühzeitig gemeinsam mit ihren Angehörigen mit der Entscheidung für oder gegen die Organspende auseinandersetzen“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß. Die heutige Situation, in der vielfach die Angehörigen mit dieser Frage erst konfrontiert würden, wenn der Patient unheilbar erkranke oder bereits hirntot sei, sei für viele eine Überforderung. © kna/may/aerzteblatt.de

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Avatar #103205
Patroklos
am Mittwoch, 5. September 2018, 13:07

Nein Danke.

Ich selbst würde meinen zustimmenden Organspendeausweis wegwerfen und einer Organentnahme ausdrücklich wirdersprechen, wenn es zu einer Widerspruchslösung kommen sollte. Die Entscheidung über eine Organspende sollte freiwillig bleiben und auch nicht an irgendwelche optionalen Geschäfte angeknüpft werden, wie hier verschiedentlich gefordert.
"Was für eine Forderung: Nur wenn ich selbst spendenbereit bin, bekomme ich auch ein Organ. "
Ist das noch Medizin, die ärztlich dominiert sich an medizinischen Kriterien orientiert oder hat hier der Betriebswirt die Macht übernommen?
Es gibt sehr viele Menschen, die im Besitz eines Spenderausweiswes sind und ihre Bereitschaft zur Organspende bekunden. Die finanzielle Ausstattung und die Organisation des Transplantationswesens lassen in Deutschland zu wünschen übrig. Hier sollte man zuallererst ansetzen, bevor man eine Diskussion über solche, aus meinem Empfinden, tief in das Persönlichkeitsrecht eingreifenden Gesetzesvorhaben beginnt.
Avatar #88255
doc.nemo
am Mittwoch, 5. September 2018, 09:01

Wer nicht will, muss nicht!

Zur gefühlten zwanzigsten Debatte über die Widerspruchslösung in den letzten 30 Jahren kocht die heilige Empörung der Gegner schon wieder über, und es ist erneut zu befürchten, dass die Politik angesichts des aggressiv geführten Widerstands schon nach wenigen Tagen den Rückzug antritt, wie in der Vergangenheit auch. Da kursieren dann so dämliche Begriffe wie „automatische Organspende“ in der Tagespresse, das angeblich „eingeschränkte Selbstbestimmungsrecht“ gehört da noch zu den harmloseren Fehleinschätzungen. Völlig unbeachtet bleibt die Tatsache, dass nur ein winziger Teil der Verstorbenen auch tatsächlich als Organspender in Frage kommt und keine Rede von einer „automatischen Organentnahme“ oder gar einem staatlich sanktionierten „Ausschlachten“ sein kann. In vielen Staaten funktioniert die Widerspruchslösung, ohne dass sich die Bürger als Schlachtvieh empfinden, auf dessen Organe der Staat nur gierig wartet. Mir ist schleierhaft, woher diese (pseudo-)ethische Wehleidigkeit in Deutschland kommt. Ist sie noch Nazi-Erbe? Man kann die Widerspruchslösung doch so ausgestalten, dass jeder sich problemlos aus dem Pool der möglichen Spender entfernen kann (und langsam bekomme ich das Bedürfnis, Praktikus und anderen Foristen zuzustimmen, dass er dann auch aus dem Pool möglicher Empfänger entfernt werden sollte). Die glaubenskriegsähnliche Diskussion wieder auf die Hirntodfrage zu fokussieren, ist ebenfalls gängiges Stilmittel. Ein Gang zur Behörde, den man auch online gestalten könnte, ist jedem zumutbar; wenn es um staatliche Vergünstigungen wie den Schwerbehindertenausweis geht, nehmen die Bürger doch auch jeden nur erdenklichen Aufwand in Kauf. Ja, mein Beitrag ist hart und wütend, und ich weiß schon, wen alles er empören wird, aber es ist mir egal! Ich selbst würde jedenfalls nicht widersprechen, selbst wenn ich noch nicht zu alt wäre, um spenden zu können.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Dienstag, 4. September 2018, 23:11

Widerspruchslösung als Heilmittel?

Die Diskussion um die Widerspruchslösung wird sehr emotional geführt, und das ist richtig so, weil wir uns hier in einem Grenzgebiet der Ethik befinden und es einfache Lösungen nun einmal nicht gibt.

Ich persönlich bin ein Befürworter der Widerspruchslösung, idealerweise kombiniert mit einer 10-jährigen Sperrfrist und bin damit wahrscheinlich auf einer ähnlichen Linie wie Practicus. Auf den ersten Blick erscheint eine Widerspruchslösung als ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht und als eine Enteignung des menschlichen Körpers.

In dieser Situation möchte ich alle Widersacher einer Widerspruchslösung bitten folgendes Gedankenexperiment durchzuführen: Zu jedem Organspender gehört auch immer ein Organempfänger, das sind die beiden Seiten einer Medaille. Das aktuelle Missverhältnis zwischen Spendern und Empfängern ließe sich durch einen Federstrich ganz einfach entschärfen, auf die Warteliste kommt nur, wer vorher mindestens 10 Jahre als Besitzer eines Spenderausweises seine Bereitschaft für die Teilnahme in einem solidarischen System erklärt hat. Der Haken dabei ist, fast alle der Menschen, die ein Organ benötigen haben keine 10 Jahre Zeit, um sich dann kurzfristig umzuentscheiden. Wer die Chance haben möchte ein Organ zu bekommen, muss auch bereit sein, als Spender diesem solidarischen System zu dienen. Alles Andere ist Heuchelei. Wenn wir also das aktuelle System der Zustimmungslösung um eine 10-jährige Sperrfrist ergänzen, wäre dieser Zusammenhang offensichtlich. Das Problem hierbei ist die menschliche Natur, die Entscheidung für einen Spendeausweis setzt eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit voraus. Ein Großteil der Menschen kommt in diesem Bewältigungsprozeß nicht über Phase eins hinaus, der Verleugnung des Problems, siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Kübler-Ross

Wie also sollen die Menschen, die sich nicht mit dieser Problematik auseinandersetzen wollen, an ein Spenderorgan kommen? Soll man sie sterben lassen? Oder man stelle sich folgendes Scenario vor: eine alleinerziehende Mutter von 4 Kindern hatte schlicht keine Zeit sich um einen Spenderausweis zu kümmern und benötigt plötzlich ein Spenderorgan. Soll man dieser Person ein lebensrettendes Organ verweigern? Der Mensch kann nicht gezwungen werden, sich mit unangenehmen Wahrheiten auseinanderzusetzen. In der Medizin gibt es das Recht auf Nichtwissen, z.B. bei der HIV-Diagnostik oder im Gendiagnostikgesetz:
https://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_Nichtwissen

Der Sinn einer Widerspruchslösung besteht deshalb nicht in einer Enteignung des potentiellen Spenders sondern in der Annahme, dass alle Menschen bis zu ihrem Widerspruch auch potentielle Kandidaten als Empfänger für eine Warteliste sind. Wer kein Organ bekommen möchte, der darf auch nicht als Spender missbraucht werden. Wer sich in einer Widerspruchslösung gegen eine Spende ausspricht, muss sich dafür nicht entschuldigen, dies ist eine freie Entscheidung. Aber unabhängig davon, was der Gesetzgeber schreibt, ist ein derartiger Widerspruch aus moralischer Sicht auch der Ausstieg aus einem solidarischen System. Was den Ruf nach dem Verfassungsgericht betrifft, es gibt in der Bundesrepublik auch Beispiele, wo solidarische Systeme über die Einzelinteressen gestellt werden. Ich werde zum Beispiel auch nicht gefragt, ob ich Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zahlen möchte, diese Beiträge werden einfach von meinem Gehalt abgezogen.

Übrigens hat auch eine Widerspruchsregelung ihre Grenzen. Widersprechen kann natürlich nur, wer einwilligungsfähig ist. Kinder und Personen unter Vormundschaft sollten selbstverständlich von der Widerspruchslösung ausgeschlossen werden, hier gilt weiterhin die Einverständnislösung.

Was bringt die Widerspruchslösung?

Auch wenn ich die Widerspruchslösung aus Gründen der Gerechtigkeit befürworte, habe ich Zweifel, ob damit sich die Probleme bei der Verfügbarkeit von Spenderorganen lösen lassen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die erste wichtige Maßzahl die Zahl der potentiellen Spender. Die zweite Maßzahl ist die Zahl der rechtlichen Freigaben zur Spende (derzeit nach Einwilligung). Die dritte und wichtigste Maßzahl ist die Anzahl der tatsächlich realisierten Spenden. Es ist offensichtlich, dass mit jedem Schritt in diesem Prozess die Zahl der Spender sinkt. Aber wo ist der wirkliche Flaschenhals? In meiner subjektiven Wahrnehmung ist die Zustimmungsrate auch in den letzten Jahren relativ konstant geblieben (wer hier saubere Zahlen hat, möge diese gern präsentieren). Das echte Hauptproblem ist die unzureichende Identifizierung potentieller Spender, gerade kleinere und mittlere Krankenhäuser sind hier oft überfordert. Eine Unterstützung dieser Häuser wird wahrscheinlich mehr zusätzliche Organe bringen als die Einführung der Widerspruchslösung.

Weitere Probleme im Zusammenhang mit der Organspende

Die Organspende beruht auf der Tatsache, dass Sterben kein Ereignis, sondern ein Prozess ist, bei dem zum Zeitpunkt der Organentnahme Teile des Patienten noch am Leben sind. Der Begriff Explantation ist ein Euphemismus. Der natürliche Sterbeprozeß wurde durch medizinische Maßnahmen unterbrochen, die Organentnahme ist bei strenger Auslegung eine Vivisektion, am Ende der Organentnahme steht das unweigerliche Lebensende durch Kreislaufstillstand. Man sollte deshalb besser sagen, die Organentnahme ist ein Tötungsdelikt, welches unter ganz bestimmten Umständen nicht strafbar ist: nämlich rechtliche Freigabe zur Organspende und sicherer Nachweis des Hirntodes. Wer jetzt ein Deja vu zum §218 erlebt, braucht sich nicht zu wundern. Wir haben hier eine spiegelbildliche Situation. Während der Schwangerschaft wird aus einer Sache (Embryo) eine Person, während des Sterbeprozesses wird aus einer Person eine Sache (das Spenderorgan, der Leichnam). Nur ein Toter kann seine Organe spenden, erst nach dem Tod werden die Organe zur Sache. Die Bundesärztekammer hat dazu eine umfangreiche Richtlinie veröffentlicht und sich gleichzeitig vor dem Kern des Problems gedrückt:
https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/irrev.Hirnfunktionsausfall.pdf

Die Freigabe zur Explantation erfolgt nach dieser Richtlinie. Wie der Name schon sagt, es geht hier um den irreversiblen HirnFUNKTIONSausfall. Das ist aber nicht dasselbe wie Hirntod, die Mehrzahl der Kriterien der Leitlinie betreffen die Funktion und damit UNSICHERE Todeszeichen, dagegen ist der Nachweis der SICHEREN Todeszeichen das Privileg des Pathologen. Deshalb ist der Zeitpunkt der Freigabe zur Explantation nur der Zeitpunkt des MUTMASSLICHEN Hirntods. Den Zeitpunkt des sicheren Hirntods kann nun einmal nur der Pathologe durch eine Autopsie bestimmen. Gleichzeitig ist es aus ethischen Gründen unbedingt erforderlich, dass der Zeitpunkt des SICHEREN Hirntods vor dem Zeitpunkt der Organentnahme liegt. Dies ist mit der gegenwärtigen gesetzlichen Regelung unmöglich, deshalb habe ich zum jetzigen Zeitpunkt auch ein tiefes Unbehagen beim Thema Organspende. Aus meiner Sicht ist eine verpflichtende Autopsie nach der Organentnahme unbedingt erforderlich. Dann gibt es vier relevante Zeitpunkte: Erstens das Ereignis, welches zur Funktionsstörung des Gehirns führt. Zweitens der Zeitpunkt der Freigabe zur Organspende nach RILIBÄK. Drittens der Kreislaufstillstand nach Organentnahme. Und viertens der ungefähre Zeitpunkt des Hirntodes als Gutachten durch den Pathologen. Aus meiner Sicht kommen nur der dritte oder vierte Zeitpunkt als Todeszeitpunkt für den Totenschein in Betracht. Der dritte Zeitpunkt als Todeszeitpunkt ist gleichbedeutend mit einer Tötung durch Vivisektion. Dieses Dilemma ist aus meiner Sicht wesentlich relevanter als die ganze Diskussion über Zustimmungslösung oder Widerspruchslösung. Nur wenn die Angehörigen zweifelsfrei wissen, dass die Organentnahme NACH dem SICHEREN HIRNTOD erfolgt ist, können sie die Situation ohne Schuldgefühle verarbeiten. Und so ganz nebenbei, es gibt immer wieder Fälle einer Organentnahme bei unerkannter viraler Encephalitis. Eine frühzeitige Autopsie des Gehirns könnte hier die Weitergabe der Organe stoppen oder zumindest eine frühzeitige Postexpositionsprophylaxe ermöglichen.
Avatar #739503
Rhoenblick
am Dienstag, 4. September 2018, 09:48

Wo bleibt das Selbstbestimmungsrecht in Deutschland?

Die Deutschen dürfen nicht mehr über ihren Tod bestimmen, auch wenn sie schwer krank, ja dem Tode geweiht sind. Nun gehört den Deutschen grundsätzlich auch ihr Körper nicht mehr - der gehört nach der Vorstellung von Herrn Spahn der Allgemeinheit: denn der Deutsche muss ausdrücklich einer Organentnahme widersprechen. Jedoch - Widersprüche werden in dem immer noch von der Obrigkeit gegängelten Deutschland in bescheidener Zahl eingereicht werden. Werden sie dann auch berücksichtigt?
Fazit:
die Deutschen leiden, bis sie vom Tod erlöst werden, dann wird ihr Körper ausgeweidet - als Ersatzteillager benutzt - und das was übrig bleibt wird in den Sarg gelegt.
Gut, dass ich Schweizer bin.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 3. September 2018, 22:07

Informations- und Selbstbestimmungslösungen, ja!

Eine Widerspruchslösung ist in Deutschland verfassungswidrig! Sie verstößt z. B. gegen die "informationelle Selbstbestimmung".

Eine Organspende ist tatsächlich ein Akt der Hilfsbereitschaft, Solidarität und Nächstenliebe. Aber die u. U. lebensrettende Transplantation von Herz, Leber, Niere, Lunge, Gesicht, Hornhaut etc. hilft, heilt und schützt nicht vor dem späteren biologischen Tod des Empfängers. Sie gewährt nur Aufschub, ebenso wie wir das Leben potenzieller Organspender schützen müssen, auch wenn diese selbstbestimmt sterben wollen.

Die Widerspruchslösung würde unterschiedslos jeden erfassen, der vergessen hatte, zu widersprechen oder es schlicht und ergreifend nicht kann: Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, bio-psycho-sozial Benachteiligte oder Menschen mit geringem Bildungshorizont. Das widerspricht dem verfassungsmäßigen Auftrag von Benachteiligungsverbot und Chancengleichheit.

Die Entscheidungslösung ist dagegen ehrlicher und selbstbestimmter, allen Unkenrufen zu Trotz. Vgl. dazu auch
http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/organspende-mein-koerper-ist-kein-ersatzteillager-kommentar-15755803.html

Meine persönlichen Leitsätze zur Organspende:

1. Eine Widerspruchslösung wird spätestens vorm Bundesverfassungsgericht (BVG) an ihrer potentiellen Verfassungswidrigkeit scheitern. Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/organspende/default.aspx?sid=660255

2. Eine Entscheidungslösung funktioniert nur, wenn Medizin, Medien und Meinungsbildner in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft auf die Bürgerinnen und Bürger zugehen, sich mit Sachargumenten erklären und Informations- und Selbstbestimmungslösungen vorleben.

3. Amtliche Eintragungen zur Organspendenbereitschaft in Personalausweis, Reisepass und/oder Führerschein sind ebenso wie die Dokumentation religiöser, weltanschaulicher, politischer, ethischer, sexueller und verhaltensmäßiger Grundüberzeugungen obsolet.

4. Dass 75 % laut Umfragen zur Organspende bereit sind, aber nur 15 % einen Spenderausweis haben, bedeutet im Subtext, dass die Mehrheit lieber ein (lebensrettendes) Organ bekommen möchte, als dass im finalen Sterbeprozess (Hirntodkriterium) perimortal Spenderorgane entnommen werden.

5. Das moralisch-ethische Dilemma der Entnahme möglichst vitaler Organe bei maximal fortgeschrittenem Sterben kann nicht in jedem Einzelfall für alle Beteiligten befriedigend  aufgelöst werden: Ein offener Diskurs über den perimortalen und n i c h t postmortalen Ablauf von Organentnahmen ist notwendig, um Spekulationen oder Gerüchtebildungen zu vermeiden.

6. Auch bei optimaler Konfliktlösung wird die Zahl der (potentiellen) Organempfänger immer größer sein als die der geeigneten Organspenderinnen und -spender.

Der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter selbst hat sich klar für die Widerspruchslösung ausgesprochen. „Nur so kann die Organspende zum Normalfall werden“, sagte Jens Spahn der „Bild“-Zeitung (Montag). Und SPD-Fraktions-Vize Professor Professor Karl Lauterbach sieht das ähnlich: Ohne die Widerspruchslösung werde die Zahl der Organspender nicht weiter steigen. "Sie ist notwendig, um viel Leid abzuwenden", sagte er im Interview mit der "Passauer Neuen Presse"
Beides belegt unisono, dass den beiden selbsternannten "Gesundheits"-Politikern elementare juristische und verfassungsrechtliche Grundkenntnisse fehlen.

Jämmerlich versagt haben die Kassen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen (GKV): Sie zahlen derzeit für die Finanzierung der Transplantations-Beauftragten in den knapp 1.300 potenziellen Organ-Entnahmekliniken in Deutschland gerade zwei Millionen Euro/Jahr: Das sind nur 4,21 € pro Tag und Klinik. Zugleich wird die immer noch rein privatwirtschaftlich operierende Deutsche Stiftung Organspende (DSO) in Frankfurt jährlich mit 44 Millionen € alimentiert.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #79783
Practicus
am Montag, 3. September 2018, 21:54

Es gibt eine einfche Lösung

wer nicht seit wenigstens 5 oder 10 Jhren (Kinder ausgenommen) Organspendeausweis besitzt, verzichtet für sich selbst auf den Empfang eines Spenderorgans, von Stammzellen bis Heerz und Lunge. Die Ausweise werden in einem zentralen Register gespeichert, um keine Zweifel aufkommen zu lassen. Und bei eingetragenen Spendern haben Angehörige kein Widerspruchsrecht mehr gegen die Verfügung des Verstorbenen - Punkt und fertig
Avatar #110206
kairoprax
am Montag, 3. September 2018, 19:27

kann man den Unmut weiter steigern?

Wenn es eine Möglichkeit gibt, der ohnehin stark ausgeprägten Verärgerung oder dem noch stärker ausgeprägten Mißtrauen gegen die Praxis der Organspende, gegen die unethisch-unlogisache Konstruktion vom Hirn-Tod, oder auch nur gegen die gewinnorientierte Politik der Stiftung Organtransplantation eins draufzusatteln, dann dürfte das der Zwang zur Organspende sein, den man nur durch aktives Widersprechen abwenden kann.
Ich denke, wenn überhaupt hat hier das Bundesverfassungsgericht das letzte wort, und nicht Herr Spahn.
LNS

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