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Medizin

Wie sich der Pflegebedarf in den nächsten 20 Jahren voraussichtlich entwickelt

Montag, 3. September 2018

/dpa

Newcastle – Epidemiologen der Universität von Newcastle haben über ein dynamisches Mikrosimulationsmodell den Pflegebedarf der alternden Bevölkerung in England in den kommenden 20 Jahren bestimmt. Die Simulation prognostiziert eine abnehmende Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden – wegen der großen Zahl älterer Menschen steigen die absoluten Zahlen aber dennoch an. Die einfache Formel „höheres Durchschnittsalter der Bevölkerung gleich mehr Pflegeaufwand“ ist laut den Ergebnissen zu undifferenziert. Die Arbeit ist in der Fachzeitschrift The Lancet Public Health erschienen (2018; doi: 10.1016/S2468-2667(18)30118-X).

„Die Studie verwendet ein dynamisches Mikrosimulationsmodell, das heißt eine Computersimulation einer Bevölkerung, die repräsentiert wird durch eine repräsentative Stichprobe einzelner Individuen und deren Charakteristika“, kommentiert Martin Spielauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO), die Methodik.

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Der Ansatz erlaube die detaillierte Modellierung individueller Lebensläufe im familiären Kontext inklusiver chronischer Erkrankungen, das Zusammentreffen unterschiedlicher Erkrankungen und resultierende Pflegeintensitäten. Auch das Risikoverhalten werde erfasst, wodurch der Stellenwert von Prävention auf den zukünftigen Pflegebedarf abgeschätzt werden könne. „Die Methodik ist aufwendig, aber – gemessen an der Bedeutung und Kostendynamik von Pflege im Kontext der alternden Bevölkerung – angemessen und durchaus beispielgebend im europäischen Kontext“, so Spielauer. 

Ergebnisse

Laut den Forschern wird die Zahl der Menschen ab 65 Jahren, die selbstständig leben können und nicht auf Pflege angewiesen sind, um mehr als 60 Prozent steigen. Vor allem unter den Männern, die zwischen 2015 und 2035 „junge Alte“ (65 bis 74 Jahre) sind, gebe es immer mehr, die ohne Hilfe auskommen. Die zukünftigen „sehr Alten“ (85 Jahre und älter) würden dagegen ähnlich pflegebedürftig sein wie frühere Kohorten – doch weil viel mehr Menschen so alt würden, werde sich die absolute Anzahl fast verdoppeln.

„In den nächsten 20 Jahren wird die englische Bevölkerung im Alter von 65 Jahren oder älter einen Anstieg der Zahl der unabhängigen, aber auch derjenigen mit komplexen Pflegebedürfnissen verzeichnen. Dieser Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass mehr Menschen, die 85 Jahre oder älter sind und ein höheres Maß an Abhängigkeit, Demenz und Komorbidität aufweisen“, schreiben die Wissenschaftler. Gesundheits- und Sozialdienste sollten sich an die komplexen Pflegebedürfnisse einer immer älter werdenden Bevölkerung anpassen, so ihre Empfehlung.

„Die Ergebnisse gelten grob auch für Deutschland, Österreich und die Schweiz, wo es heute jeweils eine große Anzahl von 45- bis 55-Jährigen gibt – tatsächlich ein viel größerer relativer Anteil als im Vereinigten Königreich“, meinte Timothy Riffe, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Gesundheitszustand der Bevölkerung, Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock. Auch wenn sich die Situation für diese Menschen im Durchschnitt verbessere, werde die gesamte Krankenlast zunehmen, weil es viel mehr Menschen in diesen Alterskohorten geben werde.

„Eine Unze Prävention ist ein Pfund Heilung“, lautet sein Fazit. „Reduzieren Sie heute Risikofaktoren wie Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum und beschränken Sie Verhaltensweisen, die zu Übergewicht führen, wie zum Beispiel Auswahl ungesunder Lebensmittel, unzureichende Bewegung, Stress und schlechte Schlafqualität – diese sind alle eng miteinander verbunden“, so seine Empfehlung.

Die Risikofaktoren Übergewicht, Rauchen und übermäßiges Trinken in Schach zu halten, werde in den kommenden Jahrzehnten einen großen Beitrag zur Verringerung der Belastungen des Alterns leisten. „Und dies ist jetzt sicherlich billiger, als in Zukunft die verschiedenen Krankheiten zu behandeln, die auftreten werden, wenn wir nicht in Prävention investieren“, so Riffe.

Eine Ausnahme sei Demenz. „Demenz ist anders als die anderen Krankheiten: Wir wissen nicht, wie wir sie verhindern können, und auch nicht, wie wir sie heilen können. Aus diesem Grund ist Demenz und die zukünftige Belastung durch Demenz ein wissenschaftliches Grenzgebiet, das zusätzliche Investitionen erfordert“, so der Wissenschaftler. © hil/aerzteblatt.de

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