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Politik

Spahn setzt Debatte um Organspende fort

Dienstag, 4. September 2018

/dpa

Berlin – Der Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), in Deutschland eine Widerspruchslösung bei der Organspende einzuführen, hat zu einer anhaltenden Diskussion geführt. Quer durch alle Parteien hinweg gibt es Befürworter und Gegner des Vorschlags. Spahn selbst verteidigte heute im ARD-Morgenmagazin seinen Vorschlag. Dieser sei zwar „ein starker Eingriff in die Freiheit“. Alle bisherigen Versuche, die Zahl der Organspender zu erhöhen, seien aber erfolglos geblieben. „Drei Menschen sterben jeden Tag, weil das Organ, das sie sehnsüchtig erwartet haben, nicht kam“, sagte der Minister.

Bisher muss ein potenzieller Spender noch zu Lebzeiten in die Organspende eingewilligt haben, oder seine Angehörigen stimmen dem im Todesfall zu. Mit einer Widerspruchslösung, wie Spahn sie vorgeschlagen hat, wäre jeder automatisch Spender, wenn nicht er oder seine Angehörigen ausdrücklich widersprechen. 84 Prozent der Deutschen stünden der Organspende positiv gegenüber, sagte Spahn. „Aber viel, viel weniger haben einen Organspendeausweis.“ Die „abstrakte Bereitschaft“ zur Organspende helfe den 10.000 Menschen, die in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan warteten, jedoch nicht weiter.

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Das Thema Organspende sei mit vielen Ängsten, Sorgen und Fragen verbunden, räumte Spahn ein. „Aber man bearbeitet Ängste am besten, indem man die Dinge bespricht, und indem wir eine ausführliche, breite Debatte führen.“ Die durch seinen Vorstoß hervorgerufene Debatte sei aus seiner Sicht daher schon „ein Wert an sich“.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) hatte sich hinter Spahn gestellt. BÄK-Präsident Frank Ulrich Montgomery sprach aktuell von einer „sehr guten Idee“. Er hatte sich bereits im April dieses Jahres für einen Systemwechsel in der Organspende ausgesprochen. Er persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig, sagte er, betonte aber zugleich, eine Debatte um die Widerspruchslösung müsse „mit großer Sensibilität“ geführt werden. Die Frage beträfe ethische, religiöse und rechtliche Fragen. Der BÄK-Präsident nannte es zugleich fraglich, ob eine Widerspruchslösung in Deutschland politisch umsetzbar ist.

Viele Politiker in der Union hatten sich immer wieder gegen die Widerspruchslösung ausgesprochen. Gegenwind erhielt Spahn auch heute. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, reagierte im Gespräch mit Stuttgarter Nachrichten und Stuttgarter Zeitung verärgert. „So geht es nicht. Wir machen unseren eigenen Gesetzentwurf mit einer Debatte kaputt, die viel zu früh kommt“, sagte sie im Hinblick auf den am vergangenen Freitag von Spahn vorgelegten Gesetzentwurf, der strukturelle Verbesserungsvorschläge vorsieht. Maag warnte, so könnten noch mehr Ängste geweckt und das Vertrauen in die Organspende gemindert werden.

Der CSU-Gesundheitspolitiker Stephan Pilsinger kritisierte Spahn ebenfalls. „Man sollte nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen“, sagte er den Zeitungen. Die Widerspruchsregelung treffe auf „enorme Ängste und Vorbehalte in der Bevölkerung, löst aber kein Problem“.

Dagegen lobte Fraktionsvize Georg Nüßlein Spahns Vorstoß. Er sehe „diesmal die Chance, dafür eine Mehrheit im Parlament zu finden“. Die Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitikerin Claudia Schmidtke betonte, der Bundestag könne nun das machen, wofür er gewählt worden sei. „Eine breite gesellschaftliche Debatte organisieren, im eigenen Plenum kanalisieren und schließlich eine kluge, ethisch vertretbare Entscheidung treffen. Jeder Abgeordnete und jede Abgeordnete kann, mit individuellem Erfahrungshintergrund ausgestattet, um Positionen ringen“, sagte sie.

Dass sie sich für eine Widerspruchslösung einsetze, liege in ihrer beruflichen Erfahrungen begründet, die sie tagtäglich mit Menschen zusammengebracht habe, die mit bereits gepackten Koffern monatelang auf rettende Organe warteten. „Ich halte es für eine zutiefst moralische Verpflichtung der Politik, diesen Menschen zu helfen“, sagte sie. Zugleich verstehe sie die Gegenargumente gut, die lange Zeit auch meine eigenen waren. „Ich empfinde daher eine Widerspruchslösung nach niederländischem Vorbild, gepaart mit Aufklärungskampagnen und einem Vetorecht für die verbliebenen Angehörigen, als gangbaren Weg, um breite gesellschaftliche Zustimmung zu erreichen“, so Schmidtke. © afp/dpa/may/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 4. September 2018, 21:08

Organspende-Bereitschaft wagen?

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" statt "doppelter Widerspruchslösung": Organspenden in "informationeller Selbstbestimmung" als freiheitliche Entscheidungslösung sind in der Tat Akte der Hilfsbereitschaft, Solidarität und Nächstenliebe.
 
Die Widerspruchslösung würde unterschiedslos jeden erfassen, der vergessen hatte, zu widersprechen oder es schlicht und ergreifend nicht kann: Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, bio-psycho-sozial Benachteiligte oder Menschen mit geringem Bildungshorizont. Das widerspricht dem verfassungsmäßigen Auftrag von Benachteiligungsverbot und Chancengleichheit bzw. informationeller Selbstbestimmung.

Die europaweit verbreitete Widerspruchslösung offenbart ein irregeleitetes, paternalistisch geprägtes Verständnis von Transplantations-Medizin. Der Staat, das System der medizinischen Versorgung und die Institutionen, welche mit Organisation, Hirntod-Feststellung, Ex- und Implantation von möglichst lebensfrischen Spenderorganen betraut sind, wollen die Deutungshoheit gegenüber den Patientinnen und Patienten zurückgewinnen und die bio-psycho-sozialen bzw. medizin-ökonomischen Rahmenbedingungen der Transplantations-Medizin bestimmen.

Die individuell-aktive Entscheidungslösung ist dagegen ehrlicher und selbstbestimmter, allen Unkenrufen zu Trotz. Eine Entscheidungslösung funktioniert nur, wenn Medizin, Medien und Meinungsbildner in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft nicht erst am Krankenbett auf die Bürgerinnen und Bürger zugehen, sich mit Sachargumenten erklären und Informations- und Selbstbestimmungslösungen vorleben.

Das individuelle, moralisch-ethische Dilemma der Entnahme möglichst vitaler Organe bei maximal fortgeschrittenem Sterben kann nicht in jedem Einzelfall für alle Beteiligten und Angehörigen befriedigend aufgelöst werden: Ein offener Diskurs über die Gratwanderung bei den p e r i - mortalen Abläufen von Organentnahmen bei festgestelltem Hirntod und rein intensiv-medizinisch-künstlicher Lebenserhaltung von Spenderorganen ist notwendig, um Spekulationen, "Fake-News", haltlose Behauptungen oder Gerüchtebildungen zu vermeiden.

Die bisherige Organisation der Transplantations-Medizin offenbart kontraproduktive Lücken: Offensichtlich scheuten die Gesetzlichen Krankenkassen der GKV bisher zusätzlich steigende Kosten, in dem sie zu kurz gehaltene Transplantations-Beauftragte und Organ-Explantatinsteams gegenüber den operativen Transplantations-Medizinern mit ihren Organ-Implantationen finanziell und logistisch diskriminiert haben.

Wenn der Spahn'sche Entwurf eines Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) von einer medizin-rechtlich eher abwegigen Debatte um eine wie auch immer geartete Widerspruchslösung überlagert wird, scheitert u.U. das ganze Projekt.

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" bedeutet Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut, Offenheit, medizinisch-kulturelle Reflexion und juristischer Sachverstand.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Ramatuelle/F)
Avatar #103205
Patroklos
am Dienstag, 4. September 2018, 14:54

Nein Danke.

Sollte die bisher nur angedachte Widerspruchslösung ernsthaft in Erwägung gezogen und in die Realität umgesetzt werden, wandert mein bisher zustimmender Organspendeausweis in den Müll.
Ich werde einer Organspende dann ausdrücklich widersprechen. So lasse ich mich oder meinen Körper nicht verzwecken.
LNS

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