NewsPolitikBevorzugte Organvergabe für Spender?
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Bevorzugte Organvergabe für Spender?

Mittwoch, 5. September 2018

/dpa

Berlin – In der Diskussion um die von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) avisierte Widerspruchslösung bei Organspenden hat der CDU-Politiker Michael Brand als Alternative eine bevorzugte Vergabe an die Bereitschaft zur Spende angeregt. Er halte eine solche Regelung für „sehr überlegenswert“, sagte er dem Tagesspiegel. Zugleich betonte Brand, es sei „keineswegs ausgemacht“, dass eine Widerspruchslösung mehr Organspenden bringe. Brand befürchtete, der forsche Ton könne auch „Menschen verschrecken, die man anders vielleicht gewinnen könnte“.

Der CDU-Gesundheitsexperte im Bundestag, Michael Hennrich, sagte den Stuttgarter Nachrichten und der Stuttgarter Zeitung, er schlage vor, Spendern bei der Aufstellung der Wartelisten für die Organspende „in begrenzten Umfang Bonuspunkte zu geben, die dann dazu führen, dass sie schneller ein Organ erhalten“.

Anzeige

Spahn hatte sich zuvor für neue Regeln stark gemacht, damit mehr Menschen Organe spenden. Demnach soll automatisch jeder als Spender gelten – solange man selbst oder ein Angehöriger nicht widerspricht. In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Donnerstag) spricht er sich zudem für eine Debatte zum Thema im Bundestag aus. Dabei dürfe es keinen Fraktionszwang geben. Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) erwartet ebenfalls ethische Debatten im Bundestag über den Umgang mit Organspenden und darüber hinaus auch Bluttests auf Behinderungen.

Kauder sagte der Rheinischen Post, dass es sich bei dem Thema Organspende „um eine klassische Gewissensentscheidung“ handele. Er rechne mit einer Initiative von Abgeordneten quer durch die Fraktionen zur Einführung einer Widerspruchslösung. Diese würde einen gravierenden Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Spender bedeuten. Es sei wichtig zu klären, ob auf Basis der erst vor wenigen Jahren verabschiedeten und von ihm unterstützten Entscheidungslösung alle Möglichkeiten ausgeschöpft würden, die Zahl der Organspenden zu steigern.

Spahns Vorstoß ist innerhalb der Union sehr umstritten. Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag (CDU), kritisierte den Minister. Dessen Maßnahmenpaket für bessere Strukturen und Zusammenarbeit bei der Organspende könne starke Wirkung entfalten, sagte sie der Zeitung. Es sei „jammerschade“, dass nun alles von der Debatte über einen Systemwechsel überlagert werde.

Kauder kündigte in der Rheinischen Post zudem an, bald auch über Bluttests für Schwangere zu sprechen, mit denen etwa das Downsyndrom beim ungeborenen Kind festgestellt werden kann. „Konkret steht die Frage an, ob diese Diagnosemöglichkeit von der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung übernommen werden sollte.“ Weitere ähnliche Tests zur Erkennung von Erbkrankheiten seien in Vorbereitung.

„Auch diese Tests werfen erhebliche ethische Fragen auf, bis hin zur Frage, wie die Gesellschaft zu Leben mit Behinderung steht. Das alles muss unbedingt durchleuchtet werden.“ Er habe noch keine abschließende Meinung dazu, sagte Kauder. „Wir müssen unter anderem intensiv darüber sprechen, wie die Information der Eltern verbessert werden kann, die sich für einen solchen Test entscheiden wollen.“

Unterdessen zeigt eine Umfrage zur Widerspruchslösung, dass auch die Bundesbürger gespalten sind. Wie eine eine Umfrage des Instituts YouGov ergab, befürworten 46 Prozent der Befragten „eher“ oder „voll und ganz“ eine Neuregelung. „Eher“ oder „voll und ganz“ dagegen sind demnach 38 Prozent. In einer Umfrage des Instituts Civey für die Welt sprachen sich 52 Prozent der Deutschen für solche neuen Regeln aus, dagegen waren demnach 42 Prozent.

In Deutschland warten laut Ministerium mehr als 10.000 Menschen auf Spenderorgane. Die Zahl der Spender erreichte laut Deutscher Stiftung Organtransplantation 2017 einen Tiefpunkt von 797. © kna/dpa/may/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Donnerstag, 6. September 2018, 23:48

Grundsatzentscheidung

Die Bemerkung, dass der Wechsel von der Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung bei der Organspende einen Paradigmenwechsel darstellt, ist durchaus richtig. Nur welche Paradigmen hier zur Disposition stehen, darüber herrscht offensichtlich noch erheblicher Diskussionsbedarf.

Die Zustimmungslösung ist eine freiwillige Spende, es gibt keine Verpflichtungen für den Spender bei der Spende der Organe und keine Verpflichtungen für den Empfänger bei der Zuteilung der Organe. Sicher ist dies die moralisch sauberste Lösung. Leider ist dies nicht die effektivste Lösung, um die Wartelisten zu verkürzen.

Widerspruchslösung ist entgegen anderen Behauptungen weder eine Zwangsabgabe noch eine Tauschbörse. Es ist in erster Linie ein Solidarsystem. Es werden in ihrem Leben nur die wenigsten Menschen damit konfrontiert, Spender oder Empfänger zu sein. Auch ist es selbstverständlich, mit den Lebensjahren fällt die Wahrscheinlichkeit Spender zu werden und es steigt die Wahrscheinlichkeit als potentieller Empfänger auf die Warteliste zu kommen. Der Unterschied eines Solidarsystems zu einem freiwilligen System besteht darin, dass es Abhängigkeiten und damit Verpflichtungen gibt. Die moralischen Argumente gegen die Widerspruchslösung sind aus meiner Sicht alle nicht zwingend.

Zwangsabgabe? Der Name Widerspruchslösung beinhaltet schon die Möglichkeit, aus diesem Solidarsystem auszusteigen. Der Haken dabei ist, alle Entscheidungen, die wir treffen, haben Konsequenzen. Die Entscheidung gegen eine Spende bedeutet, dass im Fall der Fälle ein anderer Mensch stirbt, bevor er eine Organspende bekommen hat. Ist es da nicht nur gerecht, dass eine derartig schwerwiegende Entscheidung nicht auch Konsequenzen für die Person haben sollte, die vorhat dieses solidarische System zu verlassen. Ansonsten kommen wir sehr schnell an einen Punkt, den ich als „Transplantationsparasitismus“ bezeichnen möchte, genau dieses Phänomen hat Practicus mit seinem Beitrag beschrieben. Deshalb auch meine Einstellung zu Sperrfristen bei bewusster Absage an eine Organspende.

Zwangsabgabe? Genau um dies zu verhindern, muss die Möglichkeit einer Entscheidung über Zustimmung oder Ablehnung bestehen. Die einzige offene Frage besteht darin, muss der potentielle Spender oder der potentielle Nichtspender den Entscheidungsprozeß durchlaufen und sich den existentiellen Fragen des Seins stellen. Wenn sich jemand aktiv als Spender dieser Problematik stellt, dann ist dies eine noble Geste. Andererseits sollte die Frage Spende oder Nichtspende schon im Vorfeld geklärt werden und nicht den Angehörigen aufgehalst werden, die damit oft überfordert sind. Wenn eine Organspende nicht stattfindet, weil Angehörige überfordert sind, dann kommen Menschen zu Schaden. Wenn dagegen ein Nichtspender beginnend mit einem diffusen Unbehagen den Prozeß der Entscheidungsfindung durchläuft, dann besteht der einzige Schaden darin, dass das vorher makellose Selbstbild einige hässliche Kratzer bekommen kann. Dem Gesetzgeber wird es egal sein, warum jemand aussteigt, vor sich selbst kann man dagegen nicht davon laufen.

Nicht einwilligungsfähige Personen? Ich gehe davon aus, dass das Verfassungsgericht hier einen klaren Riegel vorschieben wird. Widersprechen kann nur, wer geschäftsfähig ist. Bei Kindern oder Personen unter Vormundschaft wird es weiterhin bei der Zustimmungslösung bleiben.

Organisationsdefizite bei der Spendersuche? Sicher, die gibt es. Mit deutlichen finanziellen Anstrengungen kann die Spendersuche erheblich verbessert werden. Aber ich bin nun auch schon ein paar Jahre in diesem System tätig. Egal ob Unklinik, Krankenhaus oder niedergelassenes Labor, überall gibt es einen roten Faden. Jeder Sektor in der Versorgung bekommt von den Krankenkassen nicht so viel Geld wie er braucht, um effektiv zu arbeiten, sondern nur so viel wie nötig ist, um nicht zu kollabieren. Warum soll es dem Wunsch nach besserer organisatorischer Unterstützung der Organspende besser gehen als z.B. dem Wunsch der niedergelassenen Ärzte nach Aufhebung der Budgetierung? Bisher war das Totschlagargument des sparsamen Umgangs mit den Versichertengeldern immer stärker als die leise Stimme der Vernunft oder der Gerechtigkeit. Machen wir uns nichts vor, die Organspende ist ein teures Vergnügen. Die Geschäftsführer der Krankenkassen werden es nie zugeben, aber sie können sehr gut damit leben, wenn es noch ein paar mehr Todesfälle auf der Warteliste zur Organspende gibt. Das hört sich alles sehr pessimistisch an, und ich würde mich freuen wenn ich mich irre.

Das bedeutet, mit der Widerspruchslösung als solidarisches System kann man die Zahl der Spenden mit etwas Glück verdoppeln (vielleicht kann jemand passende Zahlen beisteuern) und kann den passiven Widerstand der Krankenkassen damit umgehen. Alle anderen Vorschläge zur Verbesserung der Spendersuche sind teuer und haben geringe Chancen auf Umsetzung. Unter diesen Bedingungen halte ich persönlich die Widerspruchslösung in Verbindung mit einer 10-jährigen Sperrfrist nach Ausstieg aus diesem System für die gerechteste Variante. Ein derartiger Paradigmenwechsel ist eine Grundsatzentscheidung. Wir Ärzte haben sicher ein Wort dabei mitzureden, aber die Entscheidung muss vom Gesetzgeber getroffen werden und sollte auch in der Bevölkerung mehrheitsfähig sein.
Avatar #110206
kairoprax
am Donnerstag, 6. September 2018, 16:09

dies ist eine gefährliche Argumentationsplattform!

Außerdem übersieht der Brand-Vorschlag die Probleme, die sich aus dem Spendertum ergeben. Bekanntermaßen hat man HIV-positive als Blutspender deswegen spenden lassen, um sie nicht zu diskriminieren. Wiie sieht es aus mit der großen Zahl von Virusträgern, auch Hepatitis, nicht nur HIV, wie mit den Menschen, die bereits eine Chemotherapie und einen Krebs hinter sich haben, oder mit anderen, die als Spender garnicht in Betracht kämen?
Stellen sie sich die Vorwürfe vor, denen solche Personen ausgesetzt ausgesetzt wären, denn sie könnten sich seelenruhig als Spender eintragen lassen, um Empfänger zu werden, ohne ernsthaft als Spender in Betracht zu kommen!
Es handelt sich ja nicht um eine Tauschbörse.
Aber geht man dem Prinzip der Tauschbörse nach, wird es rasch noch dubioser. Wie, wenn ich selbst ein Organ brauche, biete dafür im Gegenzug das Organ eines nahen Verwandten an? Ein Ringtausch, gewissermaßen.
Es stimmt nur auf den ersten Blick, daß es - wieviele auch immer - Menschen geben mag, die gerne Empfänger wären, aber nicht so gerne Spender. Das ist aber nicht das Kernprobnlem, und außerdem scheint es durchschaubar falsch.
Wenn ich aus welchen Gründen auch immer - zum Beispiel aus religiösen oder ethischen - gegen oder für eine Organspende bin, gelten diese Gründe sicher für die erste wie für die zweite Person.
Nein, nein, nein!
Hier wird abgelenkt von den echten Hinderungsgründen. Die sind nach wie vor das hohe Mißtrauen gegenüber der DSO (historisch begründbar!) und die Erfindung des Begriffs "hirntot", um der Tatsache zu entkommen, daß alle Spender Lebendspender sind, mithin keine Sachen, wie Tote, sondern Menschen mit allen Rechten eines Lebenden.
Wenn dann noch dazu kommt, daß die Krankenhäuser, die organe entnehmen sollen hoffnungslos unterfinanziert sind, dann nutzt es herzlich wenig, nur spendierfreudige Menschen für den Emüpfang frei zu geben.
Die Organspende in Deutschland zeigt Defizite, nicht wegen der Zahl der Soender, sondern wegen der Art und Weise, wie mit den Organen umgegangen wird.
Avatar #103205
Patroklos
am Donnerstag, 6. September 2018, 12:40

Paradigmenwechsel.

Die Caritas, die gerade bei Organspenden eine ganz grosse Rolle spielt, wird durch Merkur, den Gott der Händler ersetzt. Organspende nur bei Bereitschaft eines Gegengeschäftes (Handels). Für mich ist diese Entwicklung sehr bedenklich. Ich persönlich würde meine Bereitschaft zur Organspende bei einer Widerspruchslösung zurückziehen und das wird vielen anderen auch so gehen.

Es gibt eine Menge Menschen mit einem Organspendeausweis "on board", wie man einer Statistik aus 2014 (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/383252/umfrage/umfrage-in-deutschland-zum-inhalt-von-geldboersen-nach-geschlecht/) entnehmen kann. Es gibt viele Punkte in der Transplatationsorganisation der Kliniken, die verbessert werden können, z.B. die Finanzierung. Es gibt kein Notwendigkeit, eine solch tiefgreifende gesetzliche Änderung ins Gespräch zu bringen.
Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 5. September 2018, 23:31

Nicht Bonuspunkte für Spender

Erklärte Nichtspender lehnen das Organspendewesen ab - sowohl als potenzieller Spender wie auch als potenzieller Empfänger. Selbst "kein Erstzteillager" sein wollen, aber im Notfall andere gern dazu machen - das geht nicht!
Das ist wie bei EKD-Schneider: Offiziell strikt gegen Sterbehilfe für andere, aber die eigene Frau auf Wunsch in die Schweiz bringen...
Meine Organe kriegst du nicht, aber annehmen tu ich deine gern!
LNS

Nachrichten zum Thema

12. November 2018
Karlsruhe – Über Schadenersatzansprüche von Organspendern verhandelt morgen der Bundesgerichtshof (BGH). In einem Fall hatte eine Tochter ihrem Vater und im anderen ein Mann seiner Ehefrau eine Niere
Bundesgerichtshof verhandelt Klagen geschädigter Organspender
8. November 2018
Berlin – Transplantationsmediziner haben eine Kehrtwende bei den Organspenden in Deutschland gefordert. Für den Weg „aus dem Transplantationstief“ sei ein gesamtgesellschaftlicher Konsens nötig, um
Deutsche Transplantationsmediziner fordern Kehrtwende bei Organspenden
31. Oktober 2018
Berlin – Mit besseren Organisationsstrukturen und besserer Vergütung für die Krankenhäuser will die Bundesregierung die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Das Kabinett verabschiedete dazu
Transplantationsbeauftragte sollen gestärkt werden
30. Oktober 2018
Berlin – Bundesregierung und Organisationen des Gesundheitswesens wollen durch eine gemeinsame Initiative die Bereitschaft zur Organspende erhöhen. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) gab heute
Gemeinschaftliche Initiative soll Organspendebereitschaft erhöhen
29. Oktober 2018
Berlin – In der Debatte über eine Neuregelung der Organspende haben die Grünen Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) Versäumnisse vorgeworfen. Spahn solle von der Möglichkeit eines zentralen
Grüne kritisieren Spahn in Debatte um Organspende
25. Oktober 2018
Berlin – Im Bundestag formiert sich Widerstand gegen die Pläne von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) bei der Organspende wegen geringer Spenderzahlen eine Widerspruchslösung einzuführen.
Organspende: Widerstand gegen Widerspruchslösung
16. Oktober 2018
Berlin – Etwa 30.000 Hausärztinnen und Hausärzte werden in den nächsten Wochen Post zum Thema Organ- und Gewebespende vom Deutschen Hausärzteverband (DHÄV) und der Bundeszentrale für gesundheitliche
LNS
NEWSLETTER