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Politik

Merkel für Widerspruchslösung bei Organspenden

Donnerstag, 6. September 2018

Angela Merkel /dpa

Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürwortet neue Regeln für eine automatische Einwilligung in Organspenden außer bei erklärtem Widerspruch. „Ich persönlich habe große Sympathie für die doppelte Widerspruchslösung, weil ich dann doch aktiv einmal im Leben darüber nachdenken muss, ob ich das möchte oder nicht“, sagte die CDU-Chefin heute im RTL-Sommerinterview.

„Das beraubt mich keiner Freiheit, aber ich muss mich mit dieser Frage auseinandersetzen und tue damit, glaube ich, für andere Menschen etwas sehr Wichtiges“, so die Kanzlerin. Es sei richtig, dass es dazu eine Debatte im Bundestag geben solle, bei der jeder Abgeordnete ohne Fraktionszwang für sich entscheide.

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Merkel unterstützte damit einen Vorstoß von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), der angesichts niedriger Organspendezahlen für die Umstellung auf eine doppelte Widerspruchslösung wirbt.

Das bedeutet, dass zunächst automatisch jeder als Spender gilt. Dann soll man dazu aber zu Lebzeiten ausdrücklich Nein sagen können, ansonsten sind – als doppelte Schranke – auch noch die Angehörigen zu fragen. Bisher gilt das umgekehrte Prinzip, wonach Organentnahmen nur mit ausdrücklicher Zustimmung erlaubt sind.

In Deutschland warten laut Ministerium mehr als 10.000 Menschen auf Spenderorgane. Die Zahl der Spender erreichte 2017 einen Tiefpunkt von 797. Merkel sagte, die Zahl sei „viel, viel zu gering“. Sie selbst hat nach eigenen Worten einen Organspendeausweis.

© dpa/aerzteblatt.de
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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 6. September 2018, 20:30

Widerspruchslösung alternativlos?

Der (doppelten) Widerspruchslösung gehen die Argumente aus, und sie ist keineswegs alternativlos!
Angesichts Tausender potenzieller Organempfänger-Patientinnen und -Patienten auf den Wartelisten eine Debatte über die derzeit rechtsgültige individuelle Entscheidungslösung bei schwindender Organspende-Bereitschaft neu entfachen zu wollen, bedeutet, dass sich sogar unsere Regierungschefin, Frau Dr. Angela Merkel alternativlos für die Position des Utilitarismus entscheiden möchte, um damit einem vermeintlichen Druck der Straße nachzugeben.

In vielen Ländern der EU mit Widerspruchslösungen wird es dann nicht mehr lange dauern, bis sich das noch mehr an Kosten/Nutzen-Gedanken und rein medizin-ökonomischen Erwägungen orientierende "Non-Heart-Beating-Donor" Konzept durchsetzen wird: Damit sollen die Organentnahmen früher, d.h. mit dem letzten Herzschlag ohne authentische Reanimations-Bemühungen, stattfinden können.

Der populistische Vorstoß von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), nur angesichts niedriger Organspendezahlen für eine Umstellung auf die doppelte Widerspruchslösung zu plädieren, ist und bleibt zweifelhaft. Und dubios obendrein, wenn mit Paralogismen behauptet wird, diese Neuregelung sei angeblich  keine "Organabgabepflicht".

Wenn dann die Organspendezahlen nicht sofort ansteigen würden, aber doch!

Und weiter O-Ton Jens Spahn: "Eine Pflicht, zu der man konsequenzlos "Nein" sagen kann, ist keine Pflicht", schrieb er in einem Beitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Donnerstag). "Ich finde, das "Nein" aussprechen zu müssen, ist angesichts der bedrückenden Lage auch in einer freien Gesellschaft zumutbar" ist an Scheinheiligkeit kaum zu überbieten.

Denn die Widerspruchslösung würde unterschiedslos jeden erfassen, der vergessen hatte, zu widersprechen oder es schlicht und ergreifend nicht kann: Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, bio-psycho-sozial Benachteiligte oder Menschen mit geringem Bildungshorizont oder Teilhabeverlust. Das widerspricht dem verfassungsmäßigen Auftrag von Benachteiligungsverbot und Chancengleichheit bzw. informationeller Selbstbestimmung.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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