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Medizin

Studie weckt Zweifel: Sind Probiotika wirkungslos oder schaden sie sogar?

Freitag, 7. September 2018

/Alex, stock.adobe.com

Rehovot/Israel – Probiotika gelten als probates Mittel, um die Regeneration der Darmflora nach einer Antibiotikatherapie zu fördern. Experimentelle Studien in Cell (2018; doi: 10.1016/j.cell.2018.08.041 und 2018.08.047) zeigen jedoch, dass nicht immer die gewünschten Effekte erzielt werden.

Antibiotika töten nicht nur Krankheitserreger ab, sie beseitigen auch Bakterien, die im Darm wichtige Funktionen bei der Verdauung und dem Schutz vor Infektionen haben. Vor allem nach einer oralen Antibiotikagabe kommt es häufig zu Durchfällen. Viele Patienten nehmen deshalb im Anschluss an eine Antibiotikabehandlung Probiotika ein. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen dies teilweise. Die Cochrane Collaboration hält die Behandlung für evidenzbasiert, wenn auch auf einer etwas unsicheren Grundlage von vielen kleineren Studien.

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Ein Forscherteam um den Immunologen Eran Elinav vom Weizmann Institute of Science in Israel war deshalb überrascht, dass experimentelle Ergebnisse bei Mäusen zu einem anderen Ergebnis kamen. Die Probiotika verzögerten bei den Tieren die Erholung der Darmflora anstatt sie zu beschleunigen.

Die Forscher führten daraufhin 2 experimentelle Studien an gesunden Probanden durch. In der 1. Studie unterzogen sich 25 gesunde Versuchspersonen sowohl einer oberen Endoskopie als auch einer Koloskopie. Dabei wurden Proben aus verschiedenen Abschnitten des Gastrointestinaltrakts entnommen.

15 Probanden wurden dann auf 2 Gruppen verteilt: Die 1. Gruppe nahm in den folgenden 4 Wochen täglich 1 Probiotikum mit 11 verschiedenen Bakterienstämmen ein. In der 2. Gruppe enthielten die Präparate keine lebenden Bakterien. 3 Wochen nach Ende der Behandlung wurden alle Teilnehmer erneut endoskopiert, um die Reaktion des Gastrointestinaltrakts auf Probiotikum oder Placebo zu untersuchen.

Die Ergebnisse fielen sehr unterschiedlich aus. Die Forscher unterschieden 2 Patiententypen: Bei den „Persisters“ hatten die Probiotika im Darm überlebt. Bei den „Resisters“ waren sie jedoch vollständig verschwunden. Zu welcher Gruppe der Proband gehörte, konnten sie bereits vor der Behandlung anhand der Zusammensetzung der Darmflora vorhersagen. Aber auch die Genexpression in der Darmschleimhaut ließ gewisse Hinweise auf die Überlebenschancen der Probiotika zu.

Probiotika seien deshalb nicht für alle Menschen geeignet, folgert Elinav. In Zukunft könnte ein Stuhltest darüber entscheiden, welches Probiotikum für den einzelnen Menschen am ehesten geeignet ist.

In der 2. Studie haben die Forscher den Einfluss der Probiotika nach der Gabe von Antibiotika untersucht. Sie verabreichten 21 Probanden zunächst für 1 Woche ein Breitbandantibiotikum (Ciprofloxacin plus Metronidazol). Danach führten sie bei den Probanden eine obere Endoskopie und eine Koloskopie durch, um die Veränderungen im Mikrobiom zu untersuchen.

Als nächstes wurden die Probanden zufällig 1 von 3 Gruppen zugewiesen. In der 1. „Watch and Wait“-Gruppe sollte sich das Mikrobiom von selbst erholen. Die 2. Gruppe nahm über 4 Wochen täglich das Probiotikum mit den 11 Bakterienstämmen ein. Der 3. Gruppe wurden über eine Sonde Darmbakterien verabreicht, die vor der Antibiotikagabe aus dem Darm entnommen worden waren (autologes fäkales Mikrobiomtransplantat, aFMT).

Nach der Antibiotikabehandlung gelang es den Probiotika in der Regel, den Darm zu besiedeln. Doch zur Überraschung der Forscher wurde weder bei der Darmflora noch in der Schleimhaut der Zustand aus der Zeit der vor der Antibiotikabehandlung erreicht. Die Probiotika behinderten im Vergleich zur „Watch and Wait“-Gruppe die Regeneration der Darmflora. Nach der aFMT kam es dagegen innerhalb weniger Tage zur Erholung des Darms.

Elina schließt daraus, dass eine ungezielte Gabe von Probiotika den meisten Patienten nicht nutzt und vielleicht manchmal sogar schadet. Die effektivste Methode wäre die Entnahme von Stuhlproben vor der Antibiotikagabe und die Herstellung eines individuellen Präparats zur anschließenden aFMT.

Fäkale Mikrobiomtransplantate, die allerdings aus Stuhlproben fremder Spender gewonnen werden, werden seit einigen Jahren zu als Ultima Ratio bei Clostridium-difficile-Infektionen erprobt. Die Behandlung ist jedoch aufwendig und wird derzeit nur selten durchgeführt. Ob sie sich auch zur Behandlung einer antibiotikainduzierten Diarrhö eignen würde, müsste zunächst in klinischen Studien untersucht werden. Die Experimente der israelischen Forscher wurden ausschließlich an gesunden Probanden durchgeführt. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 9. September 2018, 21:56

In 40 Jahren Medizin

habe ich vor allem eine Erfahrung gemacht: Trotz wesentlich grozügigerem Antibioticaeinsatz als heute waren C. difficile-Infektionen eine absolute Rarität! Die dramatische Zunahme erfolgte in dem Maß, wie sich die standardmäßige, nicht indizierte Verabreichung hochdosierter PPI in den Kliniken durchgesetzt hat!
Man muss einfach aufhören, jeden Krankenhauspatienten mit einem PPI zu behandeln - warum eigentlich? Stress-Ulkus-ProphylaxeOhne PPI keine Clostridienenteritis, so einfach ist das!
Avatar #115441
docwok
am Sonntag, 9. September 2018, 18:05

Gruppengröße

Die gewählte Gruppengröße macht diese Studien nicht besonders aussagekräftig.
LNS

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