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Medizin

Statine im hohen Alter: Studie sieht Vorteile nur für Typ-2-Diabetiker

Freitag, 7. September 2018

/alexaphotoua, stockadobecom

Girona/Spanien – Ist es sinnvoll, hochbetagte Menschen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen mit einem Statin zu behandeln? In einer retrospektiven Kohortenstudie im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 362: k3359) wurde nur bei Menschen mit Typ-2-Diabetes in der Altersgruppe zwischen 75 und 84 Jahren eine verminderte Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Todesfällen gefunden.

Statine können das Fortschreiten einer Atherosklerose verlangsamen und dadurch einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorbeugen. Bei Menschen, die bereits andere Herz-Kreislauf-Ereignisse erlitten haben, ist eine Sekundärprävention auch für Patienten über 65 Jahre belegt. Für die Primärprävention, also die Behandlung von Patienten, die noch kein Herz-Kreislauf-Ereignis erlitten haben, wird der mögliche Nutzen derzeit in einer großen randomisierten klinischen Studie untersucht. Die Ergebnisse der australischen STAREE-Studie werden jedoch erst 2022 vorliegen.

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Derzeit können die Auswirkungen einer Therapie nur aus epidemiologischen Studien abgeschätzt werden. Ein zunehmend häufiger genutztes Instrument ist die Auswertung von elektronischen Krankenakten. Die spanische Datenbank SIDIAP hat seit 2010 die Angaben von mehr als 6 Millionen Hausarztpatienten zusammengetragen, darunter waren 2 Millionen Patienten, deren Daten erhöhten Qualitätsanforderungen genügen (SIDIAP-Q).

Rafel Ramos von der Universität in Girona und Mitarbeiter haben jetzt die Daten von SIDIAP-Q von 46.864 Hausarztpatienten ausgewertet, die zwischen Juli 2006 und 2007 ein Alter von über 75 Jahren erreicht hatten und die bisher frei von Herz-Kreislauf-Erkrankungen waren. Darunter waren 7.502 Patienten, bei denen neu mit einer Statinbehandlung begonnen wurde. Endpunkt war die Zahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den folgenden 5,6 Jahren.

Ramos teilte die Patienten nach dem Alter in 2 Gruppen: Die 75 bis 84 Jahre alten Patienten wurden den älteren gegenübergestellt. Außerdem wurden die Patienten danach unterteilt, ob sie an einem Typ-2-Diabetes litten oder nicht. Der Typ-2-Diabetes ist ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und Ramos durfte erwarten, dass Typ-2-Diabetiker eher von einer Statintherapie profitieren.

Dies war auch der Fall. In der Gruppe der 75 bis 84 Jahre alten Patienten, bei denen ein Typ-2-Diabetes bestand, kam es nach der Statinverordnung zu 24 % seltener zu einer atherosklerotischen Erkrankung als bei Patienten, die keine Statine erhalten hatten (Hazard Ratio 0,76; 95-%-Konfidenzintervall 0,65 bis 0,89). Die Gesamtsterblichkeit war um 16 % niedriger (Hazard Ratio 0,84; 0,75–0,94).

Für die 3 anderen Gruppen – Typ-2-Diabetiker ab 85 Jahre und Senioren ohne Diabetes in den beiden Altersgruppen – war keine signifikante Schutzwirkung erkennbar. Ramos rät deshalb bei den „jüngeren“ Typ-2-Diabetikern zu einer primärpräventiven Gabe von Statinen, zumal die Behandlung sich als gut verträglich erwiesen hat. Die Analyse der SIDIAP-Q lieferte keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko von Myopathien, Lebertoxizitäten oder einem Anstieg des Typ-2-Diabetes, den wichtigsten Risiken und Nebenwirkungen einer Statintherapie.

Retrospektive Analysen sind mit einer Reihe von Verzerrungen verbunden. Sie könnten sich in der aktuellen Studie daraus ergeben, dass sich die Patienten, die Statine erhielten, von den anderen unterschieden. Dies war nicht nur bei den Cholesterinwerten der Fall, deren Erhöhung in der Regel den Einsatz auslöst. Auffallend ist, dass den Patienten, die mit Statinen behandelt wurden, auch häufiger ASS und NSAID, Blutdruckmedikamente und Antidiabetika verschrieben wurden. Diese Unterschiede lassen sich mit statistischen Mitteln korrigieren, es bleibt jedoch immer die Möglichkeit, dass andere Unterschiede, etwa im Lebensstil oder in der ethnischen Herkunft nicht erfasst wurden. Die niedrigere Sterblichkeit könnte dann andere Gründe als die Statingabe haben. Es ist auch möglich, dass ein Nutzen in den anderen Gruppen übersehen wurde.

Aus diesem Grund fielen die Reaktionen der Experten auf die Studie reserviert aus. Der Kardiologe Oliver Weingärtner vom Universitätsklinikum Jena vermisst detaillierte Angaben zum Ausgangsrisiko der Patienten, von denen die Indikation für die Statingabe abhänge. Deren Ergebnisse würden wesentlich von der Einnahmetreue der Patienten beeinflusst, die in der Studie ebenfalls nicht berücksichtigt wurde. Philipp von Hundelshausen vom Institut für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten am Klinikum der Universität München hält die Ergebnisse für fraglich, weil trotz der Gesamtkohorten von fast 47.000 Patienten die Zahl der über 85-Jährigen, die mit Statinen behandelt wurden mit 743 in der Gruppe ohne Diabetes und mit nur 201 in der Gruppe mit Diabetes sehr gering war.

Beide Experten sind allerdings der Ansicht, dass das Thema wegen der zunehmenden Zahl von älteren Menschen wichtig ist. Die derzeitigen Leitlinien sind in ihren Empfehlungen zurückhaltend. Mangels Wirksamkeitsbelegen hält die European Society of Cardiology eine Therapie nur bis zum Alter von 65 Jahren für sinnvoll. Die American Heart Association setzt die Altersgrenze auf 75 Jahre fest, während das britische National Institute for Health and Care Excellence Statine in der Primärprävention bis zum Alter von 84 Jahren empfiehlt. In der Praxis bleibt die Statingabe in der Primärprävention wohl eine individuelle Entscheidung, bei der die unmittelbare Effektivität (Senkung des LDL-Cholesterins) und die Verträglichkeit sowie mögliche Interaktionen mit anderen Medikamenten eine Rolle spielen dürften. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #722455
´hajodba@gmx.de
am Freitag, 12. Oktober 2018, 11:24

"Statine zerstören "Muskelzellen" und verstärken somit die "Sarkopenie" bei älteren Menschen"

Als "über 70-jähriger Typ-2-Diabetiker der kein Insulin spritz", und
seit 16 Jahren in Behandlung ist kann ich über solche "Aussagen" nur
den Kopf schütteln, Ich durfte im Januar 2017 als "medizinischer Laie"
in einem "Leserkommentar" über meine "praktischen Erfahrungen"
zum Thema:

"Statine verhindern Trainingseffekt in der Muskulatur"

berichten, die ich im "Jahre 2006" beim "Kraft-Training" mit meiner
multimorbiden Lebensgefährtin gesammelt habe. Die damals mit
"69 Jahren" das Training absolvierte und "Schmerzen an einer Narbe
in der Buchmuskulatur" bekam. Wir setzten das "Statin§ ab und sie
hatte fortan "keine Schmerzen" mehr,

Heute befass ich mich als "über 70-Jähriger" aufgrund meiner eigenen
"Erfahrungen" intensiver mit "Folgen des altersbedingten Verlustes an
Muskulatur". Denn ich habe glücklicherweise "3 Stürze" überstanden,
ohne mich ernsthaft zu verletzen, Allerdings musste ich erkennen,
dass ich durch die "Sarkopenie" viel von meiner "Muskulatur an den
Beinen" verloren hatte und es mir folglich an "Kraft in den Beinen
mangelte". Etwas, das wohl bei allen "über 70-jähringen Diabetikern
Typ 2" der Fall ist. Und die sollen "Statine" schlucken?

Es fällt mir schwer, aufgrund "meiner Erfahrungen" zu glauben, dass
meine "Alters- und Patientengruppe" mit der "Einnahme von Statinen"
irgendwelche "Vorteile" erzielen können. Schließlich kann man einem
vermeintlich "hohen Cholesterin-Spiegel" auch durch die "Ernährung"
begegnen. Zumindest hat es bei funktioniert,

H. Jürgen Barth, Rodalben
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Freitag, 7. September 2018, 19:35

Antagonismus

Diabetiker sollten aufgrund des zwischen der Glucose und dem Vitamin C herrschenden Antagonismus reichlich Vitamin C nehmen. Die diabetische Arteriosklerose beruht nämlich auf dem auf diesem Antagonismus beruhenden relativen Vitamin-C-Mangel.
LNS

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