NewsMedizinAuslaufen von Pay for Performance führt in England zum Rückgang dokumentierter Leistungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Auslaufen von Pay for Performance führt in England zum Rückgang dokumentierter Leistungen

Montag, 10. September 2018

Arzt mit Stethoskop und Dollar-Zeichen als Symbol für pay for performance /Aycatcher stock.adobe.com
Um die Versorgungsqualität zu fördern, knüpfte die britische Regierung bestimmte ärztliche Leistungen 2004 an die Vergütung (pay for performance). /Aycatcher stock.adobe.com

Dundee – Die Pay for Performance-Programme, über die Hausärzte in Großbritannien zeitweise ein Viertel ihres Einkommens generieren konnten, haben nicht unbedingt eine nachhaltige Wirkung erzielt. Nach dem Auslaufen der finanziellen Anreize kam es laut einer Studie im New England Journal of Medicine (2018; 379: 948-57) bereits im ersten Jahr zu einem Rückgang der Leistungen.

Die Pay for Performance-Programme, die im Jahr 2004 unter der damaligen Labour-Regierung eingeführt wurden, belohnten britische Hausärzte, wenn sie bestimmte Maßnahmen bei ihren Patienten durchführten – und dies in den elektronischen Krankenakten dokumentierten. Der Nutzen der Pay for Performance-Programme ist umstritten. Vor zwei Jahren konnte eine Studie keine sicheren Auswirkungen auf die Mortalität in der Bevölkerung nachweisen (Lancet 2016: 388: 268-274).

Anzeige

Bereits im Jahr 2014 wurden in England von der jetzt konservativen Regierung mehrere Anreize gestrichen (in Schottland wurde das Programm inzwischen vollständig gestoppt). Dies ermöglichte es einem Team um Bruce Guthrie von der Universität Dundee, die Auswirkungen des „Rückbaus“ zu untersuchen. In einer Zeitreihenanalyse untersuchten die Forscher die Angaben zu zwölf Leistungen, die inzwischen nicht mehr honoriert wurden, und sechs Leistungen, für die Ärzte weiterhin finanzielle Anreize erhalten, die nicht unerheblich sind: So werden für die Beratung zum Raucherstopp bei Patienten mit chronischen Erkrankungen umgerechnet 5.257 Euro gezahlt.

Deutlich weniger dokumentierte Beratungsleistungen

Die Ärzte reagierten unmittelbar auf das Auslaufen der finanziellen Anreize. Bei den Beratungsleistungen kam es bereits im ersten Jahr zu einem deutlichen Rückgang, obwohl die Ärzte die Leistung nur durch das Ankreuzen in der Krankenakte bestätigen mussten. Die Ärzte vermerkten zu 62,3 Prozent seltener, dass sie Patienten mit arterieller Hypertonie zur Lebensführung beraten hätten, wofür sie zuvor mit durchschnittlich umgerechnet 2.103 Euro honoriert wurden. Nach drei Jahren betrug der Rückgang 71,6 Prozent.

Auch die Beratung zur notwendigen Empfängnisverhütung bei Epilepsie-Patienten (vormals mit 471 Euro honoriert) wurde nach einem Jahr zu 60,5 Prozent und nach drei Jahren zu 65,9 Prozent seltener angegeben. Die Angaben, ob Patienten mit Epilepsie anfallsfrei sind (minus 48,7 Prozent beziehungsweise minus 53,6 Prozent), und die Beratung zu langfristigen reversiblen Kontrazeptiva (minus 36,6 Prozent beziehungs­weise minus 46,1 Prozent) erfolgten ebenfalls seltener. Unklar bleibt, ob die Ärzte auf die Beratungsleistungen selbst oder nur auf die Dokumentation verzichteten.

Hormonstatus, HbA1c- und Cholesterin-Werte seltener überprüft

Geringer, aber ebenfalls signifikant war der Rückgang bei klinischen „Prozess-Indikatoren“: Der HbA1c-Wert wurde nach drei Jahren bei Patienten mit schweren mentalen Erkrankungen zu 37,5 Prozent seltener überprüft. Beim Body-Mass-Index kam es in dieser Personengruppe zu einem Rückgang um 29,9 Prozent. Deutlich geringer (mit 9,2 Prozent und 10,1 Prozent) war der Rückgang bei der Überprüfung des Hormonstatus bei Patienten mit Schilddrüsen-Unterfunktion und die Cholesterin-Bestimmung von Patienten mit Koronarer Herzkrankheit.

Die Leistungen, bei denen die finanziellen Anreize bestehen blieben, wurden von den Ärzten in unveränderter Zahl in den Krankenakten notiert.

Die Bewertung der Ergebnisse durch Mitautor Martin Roland von der Universität Cambridge fällt verhalten positiv aus. Die relativ geringen Qualitätseinbußen bei der klinischen Kernversorgung (Blutdruckmanagement, Retinopathie-Screening und Labormessungen) sprächen dafür, dass Pay for Performance-Programme eine nachhaltige Wirkung erzielen könnten. Der Rückgang der Beratungsleistungen sollte vorsichtiger interpretiert werden. Es sei möglich, dass die Leistungen weiter erbracht, aber nicht dokumentiert würden.

Mitautor Mark Minchin vom National Institute for Health and Care Excellence (NICE) in London, das den staatlichen Gesundheitsdienst (NHS) berät, meinte dagegen, dass der NHS zumindest überwachen sollte, ob sich die Qualität nach dem Auslaufen der Pay for Performance-Programme verschlechtere. Das Problem bei solchen Untersuchungen sei die Unsicherheit darüber, ob Veränderungen in der dokumentierten Qualität echte Veränderungen in der Patientenversorgung abbilden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #88767
fjmvw
am Dienstag, 11. September 2018, 12:20

Sind Ärzte naiv oder verhalten sie sich rational?

Sind die englischen Ärzte bei den deutschen in die Schule gegangen? Wie kann es sein, dass nach dem Einstellen von Zahlungen für bestimmte Leistungen diese trotzdem noch von einem Drittel der Ärzte erbracht werden? Was machen die MFA, wenn der Arzt sagt „Also bis heute habe ich die Überstunden bezahlt. Ab morgen bezahle ich Überstunden nicht mehr“? Werden die MFA trotzdem noch Überstunden machen? Vermutlich nicht.

Man könnte den Artikel so verstehen, dass sich Leute darüber wundern, dass sich so viele Ärzte anreizkompatibel verhalten. Anreizkompatibel steht für „wird eine Leistung nicht bezahlt, wird sie auch nicht erbracht“. Rund zwei Drittel aller Ärzte verhalten sich so – in England. Und ein Drittel erbringt die Leistungen weiter, obwohl man sie dafür nicht mehr bezahlt.

Ärzte sollten bei ihren MFA in die Schule gehen. Wenn jemand etwas haben möchte, dafür aber nicht bezahlen will, dann muss er halt darauf verzichten. Einige Ärzte, in England rund ein Drittel, müssen diese Lektion wohl erst noch lernen.

Die deutschen Ärzte sollten sich an England ein Beispiel nehmen.
LNS

Nachrichten zum Thema

8. Mai 2019
Berlin – Vor dem Hintergrund von Diskussionen um Big Data und dem Hype um künstliche Intelligenz (KI) haben es Register in der medizinischen Forschung zuweilen schwer, aus dem Schatten dieser Themen
15,5 Millionen Euro für modellhafte Register der Versorgungsforschung
2. Mai 2019
Mannheim – Defizite bei der Versorgungsforschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland sieht die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung (DGK). Die
Kardiologen wollen Versorgungsforschung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorantreiben
29. März 2019
Berlin – Der Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) hat sich etabliert und ist geeignet, die Versorgung in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) mit weiterzuentwickeln. Das geht
Positives Zwischenfazit für den Innovationsfonds
26. März 2019
Berlin – Spitzenmedizin, medizinische Forschung und stationäre Krankenversorgung könnten in Berlin auf dem Niveau der besten internationalen Standorte stehen. Eine Strategie, um die internationale
Gesundheitsstadt Berlin: Ungenutztes Potenzial bei Charité und Vivantes
1. März 2019
Hamburg – Schon in fünf Jahren werden mehr Frauen als Männer in der ambulanten Versorgung tätig sein. Die Reputation ambulant tätiger Ärztinnen bleibt dennoch sowohl unter Patienten als auch
Ambulante Versorgung zunehmend weiblich
5. Dezember 2018
Berlin – 38 Projekte zu neuen Versorgungsformen werden künftig vom Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) gefördert. Die Projekte hat das Gremium heute auf seiner Internetseite
Innovationsausschuss fördert 38 weitere Projekte zu Versorgungsformen
2. November 2018
Berlin – Deutschland kann im internationalen Vergleich auf eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung mit sehr gutem Zugang zu wohnortnahen Gesundheitsdienstleistungen blicken. Künftig könnte
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER