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Medizin

Benzodiazepine: Jede vierte Verordnung bei älteren Menschen führt zur Abhängigkeit

Dienstag, 11. September 2018

/sharky1, stockadobecom

Ann Arbor – Das Abhängigkeitspotenzial von Benzodiazepinen wird häufig unter­schätzt. Nach einer Studie in JAMA Internal Medicine (2018; doi: 10.1001/jamainternmed.2018.2413) erhielt ein Viertel aller älteren Patienten, denen Nichtpsychiater Benzodiazepine verschrieben hatten, auch nach einem Jahr weiterhin Rezepte.

Benzodiazepine werden meist bei Schlafstörungen verschrieben, die mit zunehmendem Alter zunehmen. Gerade im Alter sollten die Medikamente jedoch zurückhaltend eingesetzt werden. Die Wirklichkeit sieht jedoch häufig anders aus. Die Patienten des US-Programms SUSTAIN („Supporting Seniors Receiving Treatment and Intervention“), das ältere Menschen mit niedrigem Einkommen unterstützt, waren im Durchschnitt 78 Jahre alt, als ihnen zum ersten Mal ein Benzodiazepin verordnet wurde. Dabei sollten die Medikamente Patienten über 65 Jahre nur im Ausnahmefall verordnet werden, schreibt Lauren Gerlach, die an der Universität von Michigan ein „Program for Positive Aging“ betreut. 

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SUSTAIN erfasst nur Verordnungen von Nicht-Fachärzten. Diese hatten Benzodiazepine in der Regel für Schlafstörungen verordnet. Da sich die Schlafstörungen zwar (zunächst) verbessern, die Ursachen aber nicht beseitigt werden, besteht die Gefahr, dass Folgerezepte ausgestellt werden. Die Patienten, die ein Jahr nach der ersten Verordnung weiterhin Benzodiazepine erhielten, gaben viermal häufiger einen sehr schlechten Schlaf an als Patienten, die nur kurzzeitig Benzodiazepine erhielten. 

Insgesamt lag der Anteil der Patienten mit einer chronischen Verschreibung bei 26,4 Prozent (152 von 576 Patienten). Gerlach rät den Allgemeinmedizinern, bei der Erstverschreibung von Benzodiazepinen immer auch den Ausstieg zu planen.

Das Problem ist keineswegs auf die USA begrenzt. In Deutschland erhalten etwa 4 bis 5 Prozent der gesetzlich Krankenversicherten pro Jahr mindestens eine Verordnung eines Benzodiazepins oder eines Benzodiazepin-Derivats. Wie viele Menschen in Deutschland von Benzodiazepinen abhängig sind, ist nicht bekannt. Die Schätzungen reichen von 128.000 bis 1,6 Millionen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Dienstag, 11. September 2018, 21:37

Der Anteil

an Dauerverordnungen dürfte bei Neuroleptica und Antidepressiva oder NSAR genauso groß sein - die Folgen für die alten Menschen sind die gleichen, wenn nicht noch schlimmer. Schwindel, Sturzgefahr, anticholinerge NW wie Xerostomie, Obstipation, Bewegungsstörungen... auch die Antidementiva vom Cholinesteraseinhibitortyp sind nicht ohne
Die Benzodiazepine werden von den Senioren meist sehr sorgfältig nach Vorschrift eingenommen, auch Einnahmepausen alle drei oder vier Tage sind kein Problem - und die Dinger helfen!
Warum die Benzos zum Teufelszeug erklärt werden, während die übrigen Mittel von der Priscusliste munter weiterverordnet werden - keine Ahnung.
Hört auf, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, weil wir schlaflosen und oft angstkranken alten Menschen ihre Nächte erleichtern!
LNS

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