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Medizin

Chronische Schmerzen eine häufige Suizid-Ursache

Mittwoch, 12. September 2018

/dpa

Atlanta/Georgia – Chronische Schmerzen sind ein häufiger Beweggrund für einen Suizid. In einer US-Studie hatten fast 9 % der Menschen, die sich das Leben nahmen, chronische Schmerzen in der Vorgeschichte. Die Ergebnisse wurden in den Annals of Internal Medicine (2018; doi: 10.7326/M18-0830) veröffentlicht.

Die hohe Zahl von Morden und Selbstmorden – sie sind die dritthäufigste Todesur­sache im Alter von 15 bis 34 Jahren – bewogen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im Jahr 2003 zur Gründung des National Violent Death Reporting System (NVDRS). Die Mitarbeiter dort werten die Totenscheine und die Autopsie­berichte aus und versuchen über andere Quellen möglichst viele Informationen über die Opfer zu erhalten.

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Emiko Petrosky von der CDC in Atlanta und Mitarbeiter haben jetzt die Daten zu 123.181 Suiziden ausgewertet, die die NVDRS in den ersten 10 Jahren bearbeitet hat. Bei 10.789 Personen (8,8 %) fanden die Forscher Hinweise auf eine chronische Schmerzerkrankung. Der Anteil ist von 7,4 % im Jahr 2003 auf 10,2 % im Jahr 2014 angestiegen.

Am häufigsten litten die Patienten unter Rückenschmerzen, Krebs oder Arthritis. Mehr als die Hälfte hatte mehr als eine Erkrankung, die mit Schmerzen einherging.

Schmerzen sind relevanter als akute Lebenskrisen oder Drogenprobleme

Ein Begleitfaktor bei Suiziden sind psychische Erkrankungen. Sie lagen bei den Schmerzpatienten, die sich das Leben nahmen, jedoch genau so häufig vor wie bei Selbstmördern ohne Schmerzen. Alkohol- oder Drogenprobleme, Partnerkonflikte oder eine akute Lebenskrise (etwa der Verlust des Arbeitsplatzes) waren sogar seltener, was dafür sprich, dass die Schmerzen ein wichtiger Beweggrund für den Suizid waren.

Der Anteil der Menschen, die sich wegen chronischer Schmerzen das Leben nahmen, könnte in Wirklichkeit wesentlich höher sein, als der Anteil von 9 % vermuten lässt. In den wenigen Abschiedsbriefen, die die Forscher auswerten konnten, hatten 2/3 der Selbstmörder angegeben, dass eine schmerzhafte Erkrankung oder chronische Schmerzen ein wesentlicher Grund für ihren Freitod war.

Unzureichende Versorgung mit Schmerzmedikamenten

Die Studie konnte nicht klären, warum die Schmerzen nicht ausreichend therapiert wurden. Es ist laut Petrosky durchaus möglich, dass einige Patienten unterversorgt waren. Nur bei 52 % der Schmerzpatienten wurden Opioide in den Blutproben nachgewiesen. Der Anteil der Überdosierungen an den Suiziden war mit weniger als 2 % aller Todesfälle gering.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #10455
pstachwitz
am Donnerstag, 13. September 2018, 17:22

Schmerz und Depression

Depression ist bekanntermaßen eine sehr häufige Ko-Morbidität bei Pat. mit chronischen Schmerzen. Die Autoren selbst diskutieren das Problem wie folgt: „Chronic pain and depression have complex and bidirectional associations: Depression is a risk factor for chronic pain (30), and chronic pain, in turn, is a risk factor for depression (31, 32). Disentangling this complexity was not possible in our analysis.“

Insofern erscheint es sehr anspruchsvoll, chronischen Schmerz anhand der durch die Autoren ausgewerteten Daten als einzelne Ursache für Suizide zu isolieren. Das war aber offenbar auch nicht die Absicht der Autoren („Establishing the causal role of pain in suicide was beyond our study's scope.“) die allerdings trotzdem zu der Schlussfolgerung kommen, dass „chronic pain might be an important risk factor for suicide (11–14).“

In der Gesamtschau stärken die Ergebnisse dieser Auswertung nach meinem Eindruck klar die Notwendigkeit einer multi-modalen Schmerztherapie auf Grundlage des für den chronischen Schmerz zu recht längst etablierten bio-psycho-sozialen Krankheitsmodells. Mit der Empfehlung des Kollegen „Freudi“, dass „Schmerztherapeuten und Psychiater/Psychotherapeuten [...] intensiver zusammenarbeiten [sollten]“ rennt er bei den Schmerztherapeuten weit offene Türen ein. Schmerztherapeutisch-multimodale Therapiekonzepte sind jedoch im ambulanten Setting und unter den waltenden Abrechnungsmodalitäten unverändert schwierig zu etablieren. Nicht selten finden sich daher bei vielen Patienten mit chronischen Schmerzen, die bei weitem nicht alle durch Schmerztherapeuten versorgt werden können (!), mono-modale Ansätze, die oft auf einem ganz überwiegend somatischen Krankheitsverständnis beruhen und daher in erster Linie auf medikamentöse und/oder invasiv-operative Therapiekonzepte setzen (die zudem häufig durch entsprechende Vergütungsmechanismen eher noch befördert werden).

Die Etablierung interdisziplinär-integrierter ambulanter Behandlungskonzepte nach dem Vorbild der Sozialpsychiatrie-Vereinbarung (SPV) im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, so wie bereits vor einigen Jahren von der Grünen Gesundheitsexpertin Klein-Schmeinck angeregt, erschiene mir jedenfalls durchaus geeignet, die Situation im Bereich der ambulanten Schmerztherapie im Sinne erheblich zu verbessern.

- - -
Hinweis: Die in der Studie genannte Schmerzursache „arthritis“ sollte m.E. korrekterweise ins Deutsche mit „Arthrose“ (und nicht „Arthritis“) übersetzt werden.
Avatar #683778
Freudi
am Mittwoch, 12. September 2018, 23:41

Risikofaktor: Chr. Schmerzen

Liebe Kollegen(gn)!
Fragen Sie einfach mal Pat. mit chr. Schmerzen. Allenfalls eine Minderheit hat vielleicht keine Zeichen einer Depression!
Chr. Schmerzen verursachen chr. Stress und damit hohe Cortisol-Spiegel, die offensichtlich zu einem nicht unerheblichen Zelluntergang im Hippocampus und im präfrontalen Cortex führen. Und damit ist der Depression der Weg bereitet.... Schmerztherapeuten und Psychiater/Psychotherapeuten sollten intensiver zusammenarbeiten. Vielleicht gelingt es ja, die Zahl der Suicide wieder auf unter 10.000/Jahr zu senken?!
LNS

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