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Ausland

Europäische Kommission legt Gesetzentwurf zur Abschaffung der Zeitumstellung vor

Mittwoch, 12. September 2018

/tauav, stock.adobe.com

Straßburg – Die Menschen in der Europäischen Union (EU) sollen nach dem Willen der EU-Kommission schon im kommenden Jahr das letzte Mal die Zeit umstellen müssen. „Die Zeitumstellung gehört abgeschafft“, sagte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker in Straßburg. Seine Behörde legte heute einen Gesetzesvorschlag vor, nach dem im März 2019 zum letzten Mal verpflichtend alle EU-Staaten an der Uhr drehen müssten.

„Die Zeit drängt“, sagte Juncker in seiner Rede zur Lage der Union im Straßburger EU-Parlament. Voraussetzung für diesen Zeitplan ist, dass das Europaparlament und die EU-Staaten dem Vorschlag der EU-Kommission bis spätestens März 2019 zustimmen. Die Länder könnten dann selbst entscheiden, ob sie dauerhaft in der Sommer- oder in der Winterzeit bleiben wollen.

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Juncker rief heute dazu auf, diese Entscheidung so zu treffen, dass für den euro­päischen Binnenmarkt keine Probleme entstehen. Die EU-Kommission werde deshalb Gespräche zwischen den einzelnen Ländern fördern. „Es ist wünschenswert, dass die Mitgliedstaaten in abgestimmter Weise die Entscheidungen über die Standardzeit treffen, die jeder von ihnen ab 2019 anwenden wird“, teilte die Behörde mit.

Junckers Vorstoß kommt nicht von ungefähr. Mitte August war eine EU-weite Online-Umfrage ausgelaufen, bei der sich 84 Prozent der Teilnehmer für die Abschaffung der Zeitumstellung aussprachen. Die meisten sind für eine dauerhafte Sommerzeit. Insgesamt gingen 4,6 Millionen Antworten bei der EU-Kommission ein – ein Rekord, aber immer noch weniger als ein Prozent der EU-Bürger. Allein drei Millionen Teilnehmer kamen aus Deutschland.

Wenn künftig in Deutschland die ewige Sommerzeit gelten sollte, ginge beispielsweise am 1. Januar 2019 die Sonne in Frankfurt/Main morgens erst um 9.24 Uhr auf, aber auch erst gegen 17.30 Uhr unter. Wenn eine dauerhafte Winterzeit eingeführt werden würde, hätte das umgekehrt Folgen für die langen Sommerabende: Am 1. Juli 2019 würde die Sonne in Frankfurt statt um 21.37 Uhr nun schon um 20.37 Uhr untergehen. Dafür würde sie bereits um 4.20 Uhr aufgehen.

Schon jetzt gibt es drei Zeitzonen in der EU. In Deutschland und 16 weiteren Staaten herrscht dieselbe Zeit. Acht Länder – unter ihnen Bulgarien, Estland, Finnland, Griechenland und Zypern – sind eine Stunde voraus. Drei Staaten sind eine Stunde zurück, nämlich Irland, Portugal und Großbritannien.

Nach den Plänen der EU-Kommission sollten Europaparlament und EU-Staaten dem Vorschlag nun zügig zustimmen. Jedes Land solle der Brüsseler Behörde bis April 2019 mitteilten, ob es dauerhaft in der Sommer- oder in der Winterzeit bleiben möchte. Jene Staaten, die die ewige Sommerzeit einführen, müssten die Zeit am 31. März 2019 das letzte Mal eine Stunde vorstellen.

Aus dem Europaparlament kam in den vergangenen Wochen bereits deutliche Unterstützung für den Vorstoß. Unter den EU-Staaten ist die Stimmung nicht ganz so deutlich. Einige Länder haben sich jedoch schon positioniert. Litauen, Estland und Lettland sprachen sich etwa ebenso für eine Abschaffung der Zeitumstellung aus wie Finnland.

Infolge der Online-Abstimmung drückte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihr Wohlwollen für die Abschaffung der Zeitumstellung aus. In Deutschland gibt es die Sommerzeit seit 1980. Seit 1996 stellen die Menschen in allen EU-Ländern die Uhren am letzten Sonntag im März eine Stunde vor und am letzten Oktobersonntag wieder eine Stunde zurück. Eigentlich soll das Tageslicht besser genutzt und dadurch Energie gespart werden. Der tatsächliche Nutzen ist umstritten. Viele Menschen klagen zudem über gesundheitliche Probleme.

Der CDU-Europaabgeordnete und gesundheitspolitischer Sprecher der größten Fraktion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), Peter Liese, begrüßte den Vorschlag. „Europa nimmt die Interessen seiner Bürger ernst“, sagte er. Viele Bürger würden unter der Zeitumstellung leiden und die erwarteten Vorteile, wie Energie­einsparung, hätten sich nicht eingestellt. Liese hofft, dass das Parlament das Gesetzgebungsverfahren schnell abschließen wird.

Wissenschaftler äußerten heute auch Bedenken und warnten vor einer ewigen Sommerzeit. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München, sieht bei einer ewigen Sommerzeit „riesige Probleme“. Man erhöhe die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme, sagte er.

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen. Er kritisiert, dass die Online-Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. Ingo Fietze von der Berliner Charité sagte: „Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

Schlafforscher für Normalzeit

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus. „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist“, sagt der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. „Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, sagte Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerk­samkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. „Mit der Zeit droht ein Schlafmangel – wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft“, sagte Schlafforscher Hans-Günter Weeß kürzlich dem Stern.

Befürworter der Sommerzeit führen hingegen ins Feld, dass die Stunde mehr Licht am Abend Sport und Bewegungen fördert.

© may/dpa/aerzteblatt.de

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