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Politik

Tag der Patientensicherheit: Chancen der Digitalisierung noch nicht ausgeschöpft

Montag, 17. September 2018

/Thomas Andreas, stockadobecom

Berlin – Viele Länder veranstalten heute bereits zum 4. Mal den Internationalen Tag der Patientensicherheit (ITPS). Wie groß die Resonanz und Beteiligung hierzulande ist, zeigt eine interaktive Deutschlandkarte. Im Mittelpunkt steht dieses Jahr die Digitalisierung.

Bei fast 40 Prozent der Patienten, die ins Krankenhaus kommen, könne man einen Zusammenhang mit einer schlecht kombinierten Medikation feststellen, sagte Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) letzte Woche in Berlin. Große Chancen für eine bessere Patientensicherheit sieht sie in der Digitalisierung. Das Potenzial sei jedoch noch lange nicht umrissen oder gar umgesetzt. „So gibt es beispielsweise in der Arznei­mittel­therapie­sicherheit noch viele ungeahnte Möglichkeiten – von IT-Lösungen zum Schutz vor gefälschten Arzneimitteln bis hin zum elektronischen Medikationsplan.“

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Von den Chancen der Digitalisierung ist auch der Vorsitzende des Innovations­ausschusses beim Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA), Josef Hecken überzeugt: „Der Innovationsausschuss fördert verschiedene Projekte, die das Funktionieren einer digitalen Anwendung in einem definierten Einsatzbereich modellhaft testen.“ Das sei notwendig, um die Praxistauglichkeit und den Mehrwert nachzuweisen, bevor die digitalen Projekte in die Regelversorgung kommen.

Die Kosten für vermeidbare Patientenschäden belaufen sich hierzulande auf rund 15 Prozent aller Gesundheitsausgaben – das hat eine Schätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ergeben. Das APS-Weißbuch Patientensicherheit beschreibt notwendige Maßnahmen zum Ausbau der Patientensicherheit.

Als Beispiel dient etwa das Projekt AdAM – Anwendung digital-gestütztes Arzneimitteltherapie- und Versorgungs-Management. Die Software unterstützt Hausärzte bei ihrem Arzneimittel­therapie-Management für Erwachsene, die auf mindestens fünf Arzneimittel angewiesen sind. Die Ärzte bekommen Krankenkassenabrechnungsdaten wie Diagnosen und Verordnungen, potenzielle Risiken und medizinisch-pharmazeutische Fachinformationen patientenbezogen zur Verfügung gestellt. Im Projekt KiDSafe – Verbesserung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Arzneimitteln durch Erhöhung der Arznei­mittel­therapie­sicherheit wird ein digitales Kinderarzneimittel-Informations­system zusammen mit pädiatrisch-pharmakologischen Qualitätszirkeln in Kinderkliniken und den zuweisenden Kinderarztpraxen eingeführt. Über die systematische Erfassung von unerwünschten Arzneimittelwirkungen und Medikationsfehlern sollen mögliche Sicherheitsrisiken der Arzneimittel bekannt werden.

François-Kettner hofft, dass längst angekündigte Anwendungen wie die ePatientenakte und der eMedikationsplan mit dem neuen Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn endlich vom Reißbrett in die Wirklichkeit überführt werden. „Wir glauben allerdings schon seit 15 Jahren daran. Die Datenautobahn für die Umsetzung sollte aber inzwischen stehen, so dass digitale Projekte jetzt in die Breite gehen können“, sagte die Vorsitzende des APS.

Auf die Ärzte und Pfleger kommt eine große Umstellung zu. Schon bald sollen sie jedes Patientengespräch in Echtzeit dokumentieren. Ruth Hecker, Universitätsklinikum Essen

Krankenhaus der Zukunft – dem E-health-Gesetzt voraus

Während die E-Health-Gesetz in den letzten Zügen ist, haben einige Universitäts­kliniken die Digitalisierung bereits selbstständig im Sinne der Patientensicherheit vorangetrieben. Auf dem besten Weg zum „Smart Hospital“ ist derzeit unter anderem das Universitätsklinikum Essen. Anfang 2019 wollen sie eine elektronische Patien­tenakte in allen Abteilungen einführen. „Die Mitarbeiter von 27 Kliniken durchlaufen aktuell Schulungen. Auf die Ärzte und Pfleger kommt eine große Umstellung zu. Schon bald sollen sie jedes Patientengespräch in Echtzeit dokumentieren“, kündigt Ruth Hecker an. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des APS und leitet die Stabsstelle Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement am Universitätsklinikum Essen.

Ein weiterer Bestandteil des Smart Hospital in Essen wird das Unit-Dose-System sein, um Medikationsfehler zu vermeiden. Das System leitet eine elektronische Verordnung an den zuständigen Klinikapotheker weiter. Dann werden die Arzneimittel patienten­spezifisch nach der ärztlichen Verordnung zusammengestellt, verblistert, an die Station weitergeleitet und elektronisch dokumentiert.

Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf (UKE), die ebenfalls mit dem Unit-Dose-System arbeiten, zeigte bereits 2014, dass die Unit-Dose-Versorgung die Patientensicherheit verbessert. Auf 2.981 Medikationen aus der Unit-Dose-Versorgung entfielen 21 Abweichungen (0,7 %). Im Vergleich dazu lag die Fehlerrate bei den 130 manuell gestellten Arzneimitteln mit 28 Abweichungen deutlich höher bei 21,5 %.

Bundes­ärzte­kammer fordert ein Gütesiegel für Apps

Zum Thema Digitalisierung hat das APS bereits Handlungsempfehlungen sowie eine Checkliste für die Nutzung von Gesundheitsapps herausgegeben. Letztere sei bisher die Broschüre, die am meisten beim APS angefordert wurde, berichtete François-Kettner. Aufgrund der Fülle des App-Angebots strebt das APS selbst kein Gütesiegel an. Ein bundeseinheitliches Gütesiegel für Apps forderte indes Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) anlässlich des Internationalen Tags der Patientensicherheit.

Gütesiegel für Gesundheitsapps gefordert

Berlin – Deutschland braucht ein bundeseinheitliches Gütesiegel für digitale Gesundheitsanwendungen. Das hat Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), anlässlich des Tags der Patientensicherheit am 17. September gefordert. „In der digitalen Welt müssen wir Patientensicherheit neu denken. Einfache Gesundheitsapps können eine gesunde Lebensführung unterstützen, aber auch großen

© gie/aerzteblatt.de

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