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Politik

Mehrere Verbände beenden Mitgliedschaft in der Plattform Ernährung und Bewegung

Dienstag, 18. September 2018

zwei Jugendliche auf einer Wippe /Melina Hipler DAK-Gesundheit
Die Plattform Ernährung und Bewegung entwickelt Projekte, um Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu reduzieren. Sie wird gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags. /Melina Hipler, DAK-Gesundheit

Berlin – Gleich drei Verbände verkündeten heute in Berlin ihren Ausstieg aus der Plattform Ernährung und Bewegung (PEB). Zu groß war die Differenz der Interessen, die Verbände und Industrie im Netzwerk vertraten. Die gemeinsame Initiative von Politik, Verbänden und Wirtschaft, wozu unter anderem Ferrero, Nestlé und Coca Cola zählen, widmet sich seit 2004 dem Thema Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) haben sich gemeinsam dazu entschieden, ihre Mitgliedschaft zu beenden. „Wir wollen kein Feigenblatt sein für ein Agreement von Leuten, die sehr unterschiedliche Interessen verfolgen“, sagte Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ. Als Beispiel nannte er das gescheiterte Thema der Selbstverpflichtung. Wirtschaftliche Interessen würden verständlicherweise überwiegen. „Aber wir können nicht darauf vertrauen, dass diejenigen die Lösung bieten, die das Problem machen“, ist der Kinderarzt überzeugt.

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Bisherige Bemühungen des Netzwerks hätten nicht zum Erfolg in Sachen Übergewicht bei Kindern geführt, sind sich die drei Verbände einig: „Die dramatische Zunahme der deutlich schlechteren Gesundheits- und Lebenschancen für Kinder aus Familien mit niedrigem Einkommens- oder Bildungsstand ist nicht akzeptabel“, so Fischbach weiter. Zwar wurde ein weiterer Anstieg von Adipositas bei Kindern gestoppt, sagte Berthold Koletzko, Vorsitzender der DGKJ-Ernährungskommission und PEB-Vorstandsmitglied und verweist auf die aktuellen KiGGS-Daten. „Gleichzeitig hat der mittlere Unterschied der Adipositasprävalenz bei hohem im Vergleich zu niedrigem sozioökonomischem Status zugenommen.“

Eine gemeinsame und offene Diskussion über kontroverse Fragen war innerhalb der Plattform nicht gewünscht. Berthold Koletzko, DGKJ-Ernährungskommission

Den verfehlten Erfolg des Netzwerks begründen die Verbände zudem mit der mangelnden Diskussionsbereitschaft: „Eine gemeinsame und offene Diskussion über kontroverse Fragen war innerhalb der Plattform nicht gewünscht“, kritisierte Koletzko. Die große Mehrzahl der PEB-Mitglieder komme aus der Lebensmittelwirtschaft und blockiere die Diskussion über die notwendige Reduktion der Energiedichte und den hohen Gehalten an Zucker, gesättigtem Fett und Salz in verarbeiteten Lebensmitteln und Getränken oder eine klare und verbraucherfreundliche Auszeichnung gesünderer Lebensmittel, teilen DGKJ, BVKJ und DAG mit. Stattdessen betone PEB die Bedeutung der Bewegung, psychosozialer und anderer Einflussfaktoren auf kindliches Übergewicht.

Anhand von Pressemeldungen und Projekten können wir eindeutig belegen, dass die Balance zwischen Ernährung und Bewegung weiterhin besteht. Mirko Eichner, PEB-Geschäftsführer

An PEB kritisieren die drei Verbände darüber hinaus, dass die Balance zwischen Ernährung und Bewegung zugunsten der Bewegung ausgefallen sei. „Dieses Ungleichgewicht hat sicher etwas mit den PEB-Mitgliedern aus der Lebensmittel­industrie zu tun. Sie haben in der Vergangenheit dafür Sorge getragen, dass das Thema Ernährung nicht mehr im Fokus stand“, sagte Fischbach.

Dem widerspricht der PEB-Geschäftsführer Mirko Eichner deutlich: „Anhand von Pressemeldungen und Projekten können wir eindeutig belegen, dass die Balance zwischen Ernährung und Bewegung weiterhin besteht. Aus der Sportwissenschaft bekommen wir die Rückmeldung, dass wir zu viel Ernährungsthemen bearbeiten würden.“ Er sieht das Problem in einer „verzerrten Wahrnehmung“ der Beteiligten. Zudem wäre in der Satzung nicht verankert, dass PEB ein Ort für Beschlüsse zu Themen wie Selbstverpflichtung oder Werbeverboten sei. „Das war allen Mitgliedern bekannt“, sagte Eichner.

Für ein vorzeitiges Ende der Mitgliedschaft im Netzwerk PEB hatten sich auch bereits die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen entschieden. Sie alle hätten ähnliche Gesichtspunkte diskutiert, berichtete Koletzko. Andere Fachgesellschaften wie die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) haben sich von Anfang an dazu entschieden, kein Mitglied von PEB zu werden. Der ehemalige DDG-Geschäftsführer Dietrich Garlichs erklärte nicht nur PEB, sondern auch andere Initiativen wie beispielsweise In Form als nicht nachhaltig.

„Bisherige Initiativen gegen Diabetes Typ 2 haben ihr Ziel verfehlt“

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© gie/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 19. September 2018, 13:34

Kaffee/Tee/Kakao mit/ohne Zucker

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) haben eine neue Koalition gebildet.

"Wir dürfen diese Kinder keinesfalls zurücklassen, sondern müssen stärkere Anstrengungen unternehmen, um allen Kindern einen guten Start in ihre Zukunft zu ermöglichen", forderte Dr. Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ hat gemeinsam mit der DGKJ und der DAG am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Berlin.

3 Organisationen, 4 Forderungen:
• Mindeststandards für Kita- und Schulessen: Zuckerhaltige Getränke sollten dort wie in Belgien und Frankreich verboten werden. Stattdessen soll Wasser ausgeschenkt werden.
• Kennzeichnung von Lebensmitteln: Die Verbände plädieren für den in Frankreich eingeführten Nutriscore. Er kennzeichnet Lebensmittel vor allem aufgrund des Gehaltes an Zucker, gesättigtem Fett und Salz mittels eines einfachen Buchstaben- und Farbcodes. Bis zur Umsetzung in Deutschland könne es auch die App "Open Food Facts" tun. Damit ließen sich in Supermärkten Barcodes auf Verpackungen scannen lassen und darüber die Nutriscore-Daten abrufen.
• Werbekontrolle: Die Fachverbände fordern eine konsequente Beschränkung der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung. Ihr Einfluss auf ungesundes Ernährungsverhalten von Kindern sei wissenschaftlich belegt.
• Zuckersteuer: Eine Besteuerung zuckerhaltiger Limonaden und Tees könne die Getränkeauswahl positiv beeinflussen. Dies sei wichtig, weil süße Getränke in der Schule die Präferenzen für Süßes ins Erwachsenenalter transportierten, sagte Dr. Susanna Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositasgesellschaft.

Lieber Kollege Dr. med. Thomas Fischbach, Kinderarzt und schwergewichtiger Präsident des BVKJ, es ist löblich, dass Sie schwarzen Kaffee ohne Zucker trinken, weil Sie auf "Ihre Linie achten müssen".

Doch wenn viele Menschen Kaffee oder Tee in Maßen zuckern bzw. mit Milch versetzen oder Kakao trinken, führt das u. a. auch zu Glucose und Milchzucker-Aufnahme. Sind wir alle damit etwa schlechte Vorbilder für Kinder?

Ich persönlich meine, Nein!
Auch wenn viele akademische gebildete Öko-Aktivisten und FoodWatch-Funktionäre mit überwiegend pädagogischen Biografien demnächst Kinder zum Verzicht auf Kakao-Trinken mit Zucker (sie nennen das diskriminierend „Zuckermilch“) nötigen wollen: Diese sollten doch bitte zur Kenntnis nehmen, wenn man/frau als Erwachsene jeden Abend einen Wein wegschlotzt, wird dieser Alkohol durch die Dehydrogenase der Leber auch direkt in Glucose verstoffwechselt.

Etwa 50 Prozent aller Kinder in der Primarstufe werden ohne Frühstück in die Schule geschickt. Die brauchen dringend ab der 1. Pause Kohlenhydrate, Eiweiß und Fett, wobei schnell verwertbare Kohlenhydrate wie Zucker in adäquaten Mengen durch Kakao in idealer Weise auch den Gehirn-Stoffwechsel erreichen, anregen und stabilisieren.

Mit einer Zuckersteuer adäquat schmackhaft zubereitete, gesunde Speisen künstlich zu verteuern und für niedrige Einkommensschichten unbezahlbar zu mache, ist m. E. unverantwortlich und diskriminierend. Deshalb lastet auf Lebensmitteln auch nur der halbe Mehrwertsteuer-Satz.

Apodiktisch: "Die Abgabe zuckerhaltiger Getränke in Kita und Schulen soll unterbunden werden" zu fordern, ohne die reale Ernährungssituation von Kindern zu analysieren, ist populistisch und fahrlässig zugleich.

"Eine Zuckersteuer" zu fordern, ist ebenfalls kontraproduktiv. Dafür würde eine "Lebensmittelampel" völlig ausreichen. Und Ernährungs-, Gesundheits- und Krankheits-Informationen dazu.

Im Etat des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums stehen bei 81 Millionen Einwohnern insgesamt exakt nur 2,6 Cents pro Tag bzw. 9,50 € pro Einwohner und Jahr zur Verfügung.
https://www.aerztezeitung.de/praxis_wirtschaft/finanzen_steuern/article/971694/bmg-haushalt-jens-spahn-versprechen-drei-gesetze.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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