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Medizin

Glutenhaltige Kost in der Schwangerschaft könnte Typ-1-Diabetes beim Kind fördern

Donnerstag, 20. September 2018

/dpa

Kopenhagen – Ein hoher Glutengehalt der Nahrung von Frauen während der Schwangerschaft war in einer prospektiven Kohortenstudie mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko des Kindes an einem Typ-1-Diabetes verbunden. Die im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2018; 362: k3547) publizierten Ergebnisse bestätigen eine Hypothese, die sich bisher vor allem auf tierexperimentelle Befunde stützte.

Die Zahl der Kinder, die an einem Typ-1-Diabetes erkranken, hat bis vor Kurzem in Nordeuropa jährlich um 3 bis 4 % zugenommen. Die Ursachen sind unklar. Die meisten Kinder bilden jedoch bereits in den ersten Lebensjahren Antikörper, die später die insulin-produzierenden Betazellen zerstören. Viele Forscher sind deshalb überzeugt, dass die Autoimmunerkrankung in der frühesten Kindheit, wenn nicht bereits vor der Geburt beginnt. 

Als möglicher Auslöser wird derzeit Gluten diskutiert, das in Weizen, Roggen und Hafer enthalten ist, die eine wichtige Grundlage für die Ernährung in Nordeuropa bilden. Das Klebereiweiß wird im Darm kaum von Enzymen abgebaut. Es könnte deshalb im Darm eine Immunreaktion auslösen, die sich dann gegen die Betazellen richtet. Die ersten Lebensmonate gelten als kritisch, da der Darm des Säuglings dann von Bakterien besiedelt wird und das Immunsystem lernt, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden.

Forscher vom Bartholin Institute in Kopenhagen konnten vor einiger Zeit zeigen, dass NOD-Mäuse, die normalerweise an einem Typ-1-Diabetes erkranken, gesund bleiben, wenn sie lebenslang glutenfrei ernährt werden. Die Inzidenz sank von 65 auf 15 % (Diabetes Metab Res Rev. 1999; 15: 323–7). Später fanden die Forscher heraus, dass diese Schutzwirkung auch dann bestand, wenn die Muttertiere während der Schwangerschaft glutenfrei ernährt wurden (Journal of Diabetes Research 2016; doi: 10.1155/2016/3047574).

Der Pathomechanismus ist nicht klar. Die dänischen Forscher vermuten, dass eine Sensibilisierung der Mutter, die den Kindern nach der Geburt über die Antikörper in der Muttermilch vermittelt wird, es dem Immunsystem des Kindes später erleichtert, eine angemessene Immunantwort zu entwickeln.

Was auch immer der Grund sein mag. Julie Antvorskov vom Bartholin Institute in Kopenhagen und Mitarbeiter können jetzt in einer prospektiven Beobachtungsstudie zeigen, dass die Kinder häufiger an einem Typ-1-Diabetes erkranken, wenn die Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft einen hohen Glutengehalt hatte.

Grundlage der Untersuchung sind die Daten von 63.529 Teilnehmerinnen der Danish National Birth Cohort, die in der 25. Schwangerschaftswoche einen 360-Punkte-Fragebogen zu ihren Ernährungsgewohnheiten ausgefüllt haben. Antvorskov errechnete aus den Angaben den Glutengehalt der Nahrung und setzte ihn mit den späteren Erkrankungen der Kinder an einem Typ-1-Diabetes in Verbindung.

Ergebnis: Die Kinder der Mütter mit der höchsten Glutenaufnahme (20 g/Tag oder mehr) erkrankten doppelt so häufig an einem Typ-1-Diabetes wie die Kinder, deren Mütter am wenigsten Gluten mit der Nahrung aufgenommen hatten (weniger als 7 g/Tag). Die von  Antvorskov errechnete Hazard Ratio von 2,00 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,02 bis 4,00 signifikant. 

Für einen Zusammenhang spricht auch, dass die Wirkung dosisabhängig war: Pro 10 g/Tag Gluten in der Nahrung der Mutter stieg das Diabetesrisiko des Kindes um 31 % (adjustierte Hazard Ratio: 1,31; 1,001 bis 1,72). Eine Dosis-Wirkungs-Beziehung ist in epidemiologischen Studien ein Hinweis auf eine Kausalität.

Einen Beweis dafür, dass Gluten in der Nahrung schuld ist an der Zunahme des Typ-1-Diabetes, vermögen Maija Miettinen und Suvi Virtanen vom Staatlichen Gesundheitsinstitut in Helsinki in den Ergebnissen nicht erkennen. Die Ergebnisse seien zwar interessant. Derzeit sei es aber noch zu früh, Schwangeren zu einer glutenarmen Ernährung während der Schwangerschaft zu raten, schreiben die beiden Forscherinnen in einem Editorial. Als nächstes sollte abgewartet werden, ob andere Forschergruppen zu demselben Ergebnis kommen. © rme/aerzteblatt.de

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