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Politik

Kritik an Hochpreispolitik bei neuen Arzneimitteln

Donnerstag, 20. September 2018

/dpa

Berlin – Die Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) sind 2017 auf 39,9 Milliarden Euro gestiegen. Das ist ein Plus von 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hauptursache für diesen Anstieg sind die Ausgaben für patentgeschützte Arzneimittel, die 2017 bei 18,5 Milliarden Euro lagen. Das erklärte Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports (AVR), heute anlässlich der Vorstellung der aktuellen Ausgabe in Berlin. Der Umsatzanteil patentgeschützter Medikamente an den Arzneimittelausgeben habe sich in den letzten 20 Jahren von 33 auf 45 Prozent erhöht, sagte Schwabe. Von den 34 neuen Wirkstoffen, die 2017 neu auf den Markt gekommen seien, kosteten 24 mehr als 20.000 Euro im Jahr. Bei den meisten Onkologika lägen die Jahrestherapiekosten bei mehr als 60.000 Euro. Dabei sei oft keine klare Relation zum therapeutischen Zusatznutzen erkennbar.

Schwabe räumte ein, dass es bereits zahlreiche Instrumente gibt, um Einsparungen bei den Arzneimittelkosten zu erzielen. Das wichtigste seien die Arzneimittelfestbeträge, also Erstattungsobergrenzen, mit deren Hilfe die Krankenkassen jährlich vor allem bei Generika 7,9 Milliarden Euro einsparten. An zweiter Stelle stehen Schwabe zufolge die Rabattverträge, die Krankenkassen mit pharmazeutischen Unternehmen vereinbaren. Diese hätten die Ausgaben im vergangenen Jahr um vier Milliarden Euro gesenkt. Schließlich bescherten die Preisverhandlungen auf der Grundlage der frühen Nutzenbewertung nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz von 2011 den Krankenkassen im vergangenen Jahr Einsparungen von 1,8 Milliarden Euro. „Alle diese gesetzlichen Maßnahmen haben jedoch den kontinuierlichen Anstieg der Arzneimittel­ausgaben nicht verhindern können“, kritisierte Schwabe.

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Erstattungsbeträge für neue Arzneimittel sollten rückwirkend gelten

Für den Pharmakologen liegt der Grund darin, dass Arzneimittelhersteller im ersten Jahr nach der Zulassung eines neuen Medikaments den Abgabepreis frei festlegen können und die Krankenkassen diesen erstatten müssten. „Das ist in keinem anderen europäischen Land möglich“, kritisierte Schwabe. Er forderte deshalb erneut, dass die Erstattungsbeträge für neue Arzneimittel, die Krankenkassen und Pharmaunternehmen auf der Grundlage der frühen Nutzenbewertung vereinbaren, rückwirkend ab der Markteinführung gelten. Allein 2017 hätten die Kassen dadurch 353 Millionen Euro sparen können, so der AVR-Herausgeber. Außerdem forderte er, dass künftig auch die Arzneimittel des Bestandsmarktes und Medikamente für seltene Erkrankungen einer Nutzenbewertung unterzogen werden.

Orphan-Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen gehören dem AVR zufolge ebenfalls zu den hochpreisigen Medikamenten. 2017 erzielten sie einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro, was einem Anteil von rund acht Prozent des GKV-Gesamtumsatzes entspricht. Mittlerweile werde jedes dritte neue Arzneimittel als Orphan-Präparat auf den deutschen Markt gebracht, erläuterte Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), das die Datengrundlage für den AVR liefert. Angesichts dieser Zahlen müssten die europäischen und nationalen Regelungen zur Förderung von Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln gegen seltene Erkrankungen hinterfragt werden, forderte Klauber. Die technische Grenze von fünf je 10.000 Personen, die die Seltenheit einer Erkrankung definiere, sei „strategieanfällig und nicht mehr zeitgemäß“. So teilten Pharmaunternehmen Anwendungsgebiete in Subgruppen, für die dann ein Orphan-Drug-Status entstehe. Bereits heute finde sich eine Reihe von Blockbuster-Arzneimitteln mit GKV-Ausgaben im dreistelligen Millionenbereich, die als Orphan Drug gestartet seien und inzwischen für diverse Indikationen eingesetzt würde. So komme beispielsweise Imatinib für neun Indikationen und Lenalidomid für fünf Indikationen zum Einsatz.

Ärzte sollten häufiger Biosimilars verordnen

Onkologika seien im Jahr 2017 mit 6,5 Milliarden Euro erneut die mit Abstand umsatzstärkste Indikationsgruppe des GKV-Arzneimittelmarktes, wobei Biologika wie monoklonale Antikörper die höchsten Kosten verursachten, gefolgt von Proteinkinase-Inhibiotren, erklärte Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) und Mitherausgeber des AVR. Der Umsatz der Biologika ist dem AVR zufolge seit 2013 jährlich um rund eine Milliarde Euro gestiegen. 2017 lag er bei 11,3 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund sprach sich Ludwig dafür aus, häufiger preiswertere Biosimilars zu verordnen. Diese Nachahmerprodukte von Biologika seien in der Europäischen Union seit mehr als zehn Jahren verfügbar, würden aber immer noch sehr zurückhaltend verordnet, sagte der Onkologe. Dabei seien die Präparate gleichwertig mit den Referenzarzneimitteln, mit denen sie bei der Zulassung verglichen würden. Durch Umstellungen auf die günstigeren Biosimilars seien 2017 Einsparungen von 170 Millionen Euro erzielt worden. „Weitere 279 Millionen Euro könnten durch den konsequenten Einsatz von Biosimilars gehoben werden“, sagte Ludwig. Inzwischen lägen zahlreiche unabhängige Empfehlungen für den rationalen Einsatz dieser Präparate vor, unter anderem von der AkdÄ.

WIdO-Geschäftsführer Klauber wies darauf hin, dass die Kostenentlastung der Kassen bei Biosimilars deutlich geringer sei als bei Generika. Während im Generikamarkt das Kostenniveau nach drei Jahren im Wettbewerb auf rund 60 Prozent falle, liege es im Biosimilarmarkt noch immer bei 90 Prozent. Verantwortlich dafür ist nach Ansicht von Klauber unter anderem die Anbieterstruktur. Von den insgesamt lediglich 14 Biosimilaranbietern seien 2017 sechs Originalhersteller oder deren Tochterfirmen gewesen, auf die 83 Prozent der gesamten Ausgaben entfielen.

„Mit Blick auf die Preistrends müssen wir uns fragen, wie lange die GKV in der Lage sein wird, derartige Preise zu tragen“, kommentierte Martin Litsch, Vorstands­vorsitzender des AOK-Bundesverbandes die Ergebnisse des AVR. „Die Pharmaindustrie sollte nicht den Ast absägen, auf dem sie sitzt.“ Die Beitragszahler der GKV seien nicht dazu da, Pharmafirmen Traummargen zu finanzieren. Litsch betonte wie zuvor Schwabe, dass die Einführung rückwirkender Preise für alle neuen Arzneimittel zum ersten Tag des Markteintritts ein wichtiges Signal an die Pharmafirmen wäre, „dass es sich nicht lohnt, mit überhöhten Preisen in den Markt zu gehen und in den Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband überzogene Ansprüche zu stellen“.

Pharmaverbände bezeichnen Arzneimittelausgaben als „maßvoll“

Der Verband forschender Arzneimittelhersteller wies dagegen darauf hin, dass die Arzneimittelausgaben weniger als ein Fünftel der gesamten GKV-Ausgaben ausmachten und damit „maßvoll“ blieben. Zudem seien Arzneimittel seit Jahren der Leistungsbereich mit den niedrigsten Ausgabenzuwächsen von im Durchschnitt 3,4 Prozent.

Der Verband Pro Biosimilars wies, wie die AVR-Autoren, darauf hin, dass die Potenziale der Nachahmerpräparate noch nicht ausgeschöpft würden. Grund sei jedoch nicht der von den AVR-Autoren bemängelte Preiswettbewerb unter den Herstellern, sondern der unzureichende Einsatz von Biosimilars in der Versorgung. Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen müssten hier ihren Gestaltungsspielraum besser nutzen. © HK/aerzteblatt.de

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