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„Wir kennen keinen Fall, in dem Kapitalinteressen die ärztliche Entscheidung infrage gestellt hätten“

Mittwoch, 26. September 2018

Berlin – Arzt- und Zahnarztpraxen setzen in Deutschland zusammen jährlich 79 Milliarden Euro um. In Zeiten von Niedrigzinsen lockt dieser wenig konjunkturanfällige Markt zunehmend Investoren an, die mit medizinischer Versorgung ansonsten nichts zu tun haben. Dabei bilden Medizinische Versorgungszentren (MVZ) einen Schwerpunkt für Investitionen von Private-Equity-Gesellschaften, privaten Kapitalsammelstellen. Die Zahl der MVZ in Händen von Finanzinvestoren liegt derzeit bei 420 von insgesamt 2.500. Bevorzugte Fachgebiete sind die Labormedizin, die Radiologie und Nuklear­medizin, die Dialyse, die Augenheilkunde und die Dermatologie. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der 1. Vorsitzende der Akkreditierten Labore in der Medizin (ALM), Michael Müller, wie er diese Entwicklung bewertet.

5 Fragen an Michael Müller, 1. Vorsitzender der Akkreditierten Labore in der Medizin

DÄ: In der Labormedizin ist die Entwicklung, die sich in Gebieten wie der Augenheilkunde anbahnt, schon weitgehend abgeschlossen. Gesundheitsexperten sprechen davon, dass in Ihrem Fachgebiet „industrielle Strukturen“ vorherrschen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung der vergangenen Jahre?
Michael Müller: Laborärzte haben bereits vor rund 25 Jahren damit begonnen, größere Laborarztpraxen zu bilden. Seit dieser Zeit hat sich eine vielfältige und außerordentlich leistungsfähige „Laborlandschaft“ entwickelt. Weit weg von einer „Monokultur“ entstand eine Vielfalt aus großen, mittleren und kleinen ambulanten und stationären, lokalen, regionalen und bundesweiten Laboreinheiten mit unterschiedlicher Trägerschaft.

DÄ: Haben viele Ihrer Mitglieder nichtmedizinische Investoren an Bord?
Müller: Unsere Mitgliederstruktur ist sehr vielfältig. Wir vertreten Vertragsärzte, die eine Einzelpraxis mit mehreren Angestellten führen, selbstständige Laborärzte, die einen regionalen oder auch bundesweit arbeitenden Verbund betreiben, familien­inhabergeführte Labore, Krankenhauslabore in öffentlicher Hand, wie auch im Medizinbereich tätige Kapitalgesellschaften.

Die Labormedizin ist ein Bereich mit hohen medizinisch-fachlichen, aber auch logistischen und technischen Anforderungen, die heutzutage besser durch Kooperationen bewältigt werden können. Die politischen Entscheidungen vor circa 15 Jahren, mit denen die Gründung von MZV erlaubt wurden, haben diese insgesamt für die Versorgung positiven Entwicklungen erst ermöglicht, sodass trotz des enormen Kostendrucks im Gesundheitswesen eine flächendeckende und leistungsstarke Versorgungsstruktur entstanden ist.

DÄ: Warum ist die Labormedizin für Investoren so attraktiv?
Müller: Es ist eher umgekehrt: Es gibt nur noch wenige Laborärzte, die angesichts der sehr hohen Risiken in einem stark regulierten Gesundheitsmarkt eine Laborpraxis neu gründen oder übernehmen wollen. Seit Jahren erleben wir eine kontinuierliche Abwertung der Laborleistungen bei ständig steigenden Kosten. Das Potenzial für weitere Rationalisierungen zur Kostenreduktion ist längst aufgebraucht. Die Digitalisierung sowie die gesetzlichen Anforderungen aus dem IT-Sicherheitsgesetz sind Beispiele, die zeigen, dass auch zukünftig ein hoher Investitionsbedarf besteht. Banken sind heute nur noch in Ausnahmefällen bereit, derartige Risiken zu finanzieren. Deswegen gehen unsere Kolleginnen und Kollegen auf die Suche nach Partnern, die bereit sind, ihre kostenintensive Arbeit zu unterstützen.

Die Labormedizin ist für Investoren attraktiv, weil es einen wachsenden Bedarf an komplexer Diagnostik mit hohem Innovationspotenzial gibt. Darüber hinaus gilt es, die komplexe Organisation – Infrastruktur, Technik, Logistik – effektiv und effizient zu gestalten.

DÄ: Über welche Erfahrungen berichten Verbandsmitglieder, die Fremdinvestoren an Bord haben?
Müller: Unsere Verbandsmitglieder nehmen die Zusammenarbeit als positiv wahr. Sie stehen, wie auch die Investoren, auf dem Standpunkt, dass für den dauerhaften Erfolg eines Unternehmens die kontinuierliche Qualität der medizinischen Leistung und die fachärztliche Beratung der rund 100.000 einsendenden Haus-und Fachärzte für eine gute Patientenversorgung an oberster Stelle steht.

Wir kennen keinen Fall, in dem Kapitalinteressen die freiberufliche und eigenverantwortliche ärztliche Entscheidung eingeschränkt oder infrage gestellt hätten. Das ärztliche Berufsrecht und das Vertragsarztrecht lassen etwas anderes gar nicht zu.

DÄ: Kritiker sehen im Vordringen von Kapitalgesellschaften in die ambulante Versorgung Gefahren für die flächendeckende Versorgung durch Monopolbildung und befürchten eine Einschränkung der Therapiefreiheit, weil Rendite wichtiger wird als die Medizin. Wie bewerten Sie diese Kritik?
Müller: Für die Labormedizin können wir weder die Kritik noch die Sorge nachvoll­ziehen. Auch die tatsächliche „bunte“ Landschaft von Facharztlaboren zeigt etwas anderes. Deutschlandweit stehen heute überall mehrere medizinische Labore zur Auswahl, die sicherstellen, dass ein breites Spektrum an fachärztlicher labor­medizinischer Diagnostik taggleich für die Patientenversorgung zur Verfügung steht. Dahinter steckt eine gewaltige organisatorische und logistische Leistung der Laborfachärzte.

Auch die Sorge um die Therapiefreiheit halten wir für nicht nachvollziehbar. Jedes Facharztlabor ist ärztlich geleitet. Damit ist die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen sichergestellt. Rein auf die Optimierung ausgerichtete Zielvereinbarungen oder ähnliche Instrumente, die tief in die fachärztliche Entscheidungsfreiheit eingreifen würden, gibt es bei uns nicht. Denn im Zentrum ärztlichen Handelns steht für unsere Ärzte der Patient.

Was die Qualität der Versorgung anbelangt, so hat diese – auch aus Wettbewerbs­gründen – ständig zugenommen. Von dieser Entwicklung und Professionalisierung profitieren heute die einsendenden Ärztinnen und Ärzte und deren Patienten. Ökonomisch betrachtet wird ohnehin nur derjenige Arzt wirtschaftlichen Erfolg haben, der dauerhaft wirklich gute Medizin leistet. Das gilt für den einzelnen Arzt in seiner Praxis genauso wie für ein größeres Medizinunternehmen. © HK/aerzteblatt.de

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