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Organspende: Ärzte und Politiker ringen um den richtigen Weg

Dienstag, 25. September 2018

/dpa

Berlin – Für eine intensive Auseinandersetzung der Bevölkerung mit dem Thema Organspende warben Ärzte und Politiker am 24. September bei einer Podiums­diskussion aus der Reihe Forum Wissen und Gesundheit des Marburger Bundes, Landesverband Berlin-Brandenburg, im Berliner Tagesspiegel-Haus. Eine einheitliche Antwort auf die Frage „Auf Herz und Nieren – was ist die Lösung für mehr Organspenden?“, die den Titel der Veranstaltung bildete, fanden sie jedoch nicht. 

Konsens ist die verbesserte strukturelle und finanzielle Ausstattung in Entnahmekrankenhäusern 

Konsens gab es lediglich bezüglich des von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) Ende August vorgelegten Gesetzentwurfs „für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“, GZSO. Mit den im Entwurf beschriebenen Maßnahmen – wie eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantations­beauftragte sowie eine höhere Vergütung der Organentnahme – sollen die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen in den Entnahmekrankenhäusern geschaffen werden, um die Organspendezahlen zu erhöhen.

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Im Oktober werde der Entwurf in Kabinett und Parlament eingebracht und soll dann möglichst zügig von Bundestag und Bundesrat beschlossen werden, sagte Sabine Weiss, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit. „Das Thema Organspende muss künftig in den Krankenhäusern regelrecht mitgedacht werden“, betonte sie.

84 Prozent der Bundesbürger sind der Organspende gegenüber positiv eingestellt 

Weiss verwies auf die grundsätzlich positive Einstellung der Bevölkerung gegenüber der Organspende. Dies habe eine bundesweite Repräsentativbefragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erst im Juni gezeigt: Bei dieser hatten 84 Prozent der befragten Bürger eine positive Einstellung zum Thema Organ- und Gewebespende angegeben. Trotzdem sank im vergangenen Jahr die Zahl der Organspender auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. „Die Situation für die Menschen auf der Warteliste ist dramatisch“, sagte Weiss. „Die Lage zwingt uns zum Handeln.“

Zusätzlich zu dem bereits vorgelegten Gesetz plädierte Weiss deshalb für eine breite gesellschaftliche Debatte über eine erweiterte Widerspruchslösung bei der Organ­spende. Mit diesem Vorschlag hatte Spahn seinen Gesetzentwurf flankiert. Der Minister plädierte dafür, dass jeder automatisch als Organspender gelten solle, solange er oder – als doppelte Schranke – seine Angehörigen nicht ausdrücklich widersprechen würden. Nur so könne die Organspende zum Normalfall werden. „Wir brauchen mehr Verbindlichkeit bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema“, erklärte Weiss. „Dass sich jeder einmal im Leben mit dem Thema beschäftigt, sind wir den anderen Menschen schuldig.“ 

„Es ist ein Akt der Humanität, Organe zu spenden und Menschen Leben zu schenken.“Günther Jonitz, Präsident der ÄK Berlin

Auch die Ärzteschaft hatte sich im Mai beim Deutschen Ärztetag für die Einführung der Widerspruchslösung ausgesprochen. „Wenn man sich in die Menschen auf der Warteliste hineinversetzt, wird der Blick klarer“, sagte Günther Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer, bei der Diskussion. „Es ist ein Akt der Humanität, Organe zu spenden und Menschen Leben zu schenken.“

„Wir müssen endlich die Situation der Organspende entscheidend verbessern“, betonte auch Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Ansetzen müsse man dabei an zwei Problemkreisen: Es müsse zum einen das „Handling rund um die Organspende“ in den Krankenhäusern verbessert werden. Dabei gehe es um die Finanzierung sowie um die Frage, wie man den Kliniken helfen könne, die logistische Herausforderung der Organspende besser zu bewältigen. Zum anderen müsse gesellschaftlich über die Einführung der Widerspruchslösung debattiert werden. „Dies sollte allerdings voneinander getrennt geschehen“, betonte er.

Gesellschaftliche Debatte erforderlich

Montgomery geht es bei der Widerspruchslösung – für die er persönlich votiert – nicht um eine schnelle Neuregelung, sondern vor allem um eine breite gesellschaftliche Debatte: „Es ist bereits viel gewonnen, wenn wir diese Debatte führen“, sagte der Präsident. Die Bevölkerung müsse sich der Problematik stellen. Vor allem jüngere Menschen hätten wenig Berührung mit dem Themen Sterben, Tod und Organspende. „Man muss den Menschen verdeutlichen, warum man sich in dieser Frage bekennen muss. Zustimmungslösung oder Widerspruchslösung – am Ende ist vielleicht egal, für welche wir uns entscheiden. Allein die Tatsache, dass sich die Menschen mit der Organspende beschäftigt haben, kann bedeutsam sein.“

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, Catherina Pieroth, hält derzeit eine breite Debatte über die Widerspruchslösung jedoch für ungünstig: „Da muten wir den Menschen zu viel zu“, sagte sie bei der Podiums­diskussion. Zunächst müsse die Politik ihre Hausaufgaben machen: „Die Finanzierung der Krankenhäuser muss verbessert und Transplantationsbeauftragte müssen tatsächlich für ihre Aufgaben freigestellt werden“, betonte sie.

Das System hat seine Grenzen erreicht

Der Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin, Volkmar Falk, verwies dagegen auf die Dringlichkeit der Problematik. Der Organmangel sei sogar noch größer als er sich in den Zahlen darstelle: „Wir akzeptieren bereits schon grenzwertige Organe von älteren oder kranken Spendern“, berichtete er. „Das ganze System hat an allen Ecken und Enden sein Maximum erreicht. Wir sollten jetzt zu einem Ergebnis kommen.“ © ER/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 26. September 2018, 09:54

Mehr Organspende-Bereitschaft wagen!

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" statt "Widerspruchslösung"?

Organspenden in "informationeller Selbstbestimmung" als freiheitliche Entscheidungslösung sind in der Tat Akte der Hilfsbereitschaft, Solidarität und Nächstenliebe.

Doch die Widerspruchslösung würde unterschiedslos jeden erfassen, der vergessen hatte, zu widersprechen oder es schlicht und ergreifend nicht kann: Säuglinge, Kleinkinder, Kinder, bio-psycho-sozial Benachteiligte oder Menschen mit geringem Bildungshorizont. Das widerspricht dem verfassungsmäßigen Auftrag von Benachteiligungsverbot und Chancengleichheit bzw. informationeller Selbstbestimmung.

Die europaweit verbreitete Widerspruchslösung offenbart ein irregeleitetes, paternalistisch geprägtes Verständnis von Transplantations-Medizin. Der Staat, das System der medizinischen Versorgung und die Institutionen, welche mit Organisation, Hirntod-Feststellung, Ex- und Implantation von möglichst lebensfrischen Spenderorganen betraut sind, wollen die Deutungshoheit gegenüber den Patientinnen und Patienten zurückgewinnen und die bio-psycho-sozialen bzw. medizin-ökonomischen Rahmenbedingungen der Transplantations-Medizin bestimmen.

Die individuell-aktive Entscheidungslösung ist dagegen ehrlicher und selbstbestimmter, allen Unkenrufen zu Trotz. Eine Entscheidungslösung funktioniert nur, wenn Medizin, Medien und Meinungsbildner in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft nicht erst am Krankenbett auf die Bürgerinnen und Bürger zugehen, sich mit Sachargumenten erklären und Informations- und Selbstbestimmungslösungen vorleben.

Das individuelle, moralisch-ethische Dilemma der Entnahme möglichst vitaler Organe bei maximal fortgeschrittenem Sterben kann nicht in jedem Einzelfall für alle Beteiligten und Angehörigen befriedigend aufgelöst werden: Ein offener Diskurs über die Gratwanderung bei den p e r i - mortalen Abläufen von Organentnahmen bei festgestelltem Hirntod und rein intensiv-medizinisch-künstlicher Lebenserhaltung von Spenderorganen ist notwendig, um Spekulationen, "Fake-News", haltlose Behauptungen oder Gerüchtebildungen zu vermeiden.

Die bisherige Organisation der Transplantations-Medizin offenbart kontraproduktive Lücken: Offensichtlich scheuten die Gesetzlichen Krankenkassen der GKV bisher zusätzlich steigende Kosten, in dem sie zu kurz gehaltene Transplantations-Beauftragte und Organ-Explantatinsteams gegenüber den operativen Transplantations-Medizinern mit ihren Organ-Implantationen finanziell und logistisch diskriminiert haben.

Wenn der Spahn'sche Entwurf eines Gesetzes für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende (GZSO) von einer medizin-rechtlich eher abwegigen Debatte um eine wie auch immer geartete Widerspruchslösung überlagert wird, scheitert u.U. das ganze Projekt.

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen" bedeutet Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut, Offenheit, medizinisch-kulturelle Reflexion und juristischer Sachverstand.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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