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Medizin

Proximale Femurfraktur: Teamarbeit sorgt für geringere Sterblichkeit nach Operation

Mittwoch, 26. September 2018

Hüftbruch, Fraktur Oberschenkelhals /psdesign1, stock.adobe.com
In Deutschland werden mehr als 400.000 alterstraumatologische Frakturen jährlich stationär behandelt. Prototyp ist hierbei die Fraktur des coxalen Femurs, der umgangssprachlich als Oberschenkelhalsbruch bezeichnet wird. /psdesign1, stock.adobe.com

Berlin – Ein geriatrisch-unfallchirurgisches Co-Management kann die Sterblichkeit nach einer proximalen Femurfraktur senken. Im Vergleich zur alleinigen Behandlung durch den Unfallchirurgen oder den Geriater versterben in den 30 Tagen nach dem Bruch 3 % weniger Patienten. Die Ergebnisse der PROFinD2-Studie stellten die Autoren heute in Berlin vor. Sie kündigten zudem an, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) voraussichtlich noch dieses Jahr entscheiden könnte, ob die geriatrisch-unfallchirurgische Versorgung zukünftig Teil der Regelversorgung werden sollte.

Basierend auf dem nachweisbaren Vorteil der interdisziplinären Teamarbeit haben Experten der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ein Weißbuch Alterstraumatologie verfasst. Es führt die wichtigsten Schritte in der Versorgung von älteren Patienten mit Knochenbrüchen auf. Kern der Behandlungsempfehlungen ist die Zusammenarbeit von Unfallchirurgen und Altersmedizinern.

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Im Rahmen der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten PROFinD2-Studie (Prevention and Rehabilitation of Osteoporotic Fractures in Disadvantaged Populations 2) wurden mehr als 55.000 Patienten mit einer proximalen Femurfraktur im Alter über 80 untersucht. In 451 Krankenhäuser (mehr als 60 %) erhielten die Betroffenen mit Hüftbruch eine geriatrisch-unfallchirurgische Behand­lung.

Etwa 100 dieser Kliniken konnten eine Zertifizierung als „Alterstraumatologisches Zentrum“ vorweisen. „Bei den restlichen Krankenhäusern konnten wir anhand der abgerechneten OPS-Ziffern (8 bis 550) zur geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung auf einen multidisziplinären Ansatz rückschließen“, erklärte Clemens Becker, Chefarzt der Abteilung für Geriatrie und Klinik für Geriatrische Rehabilitation des Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart. Bei den übrigen knapp 40 % war diese Versorgungsform nicht verfügbar.

Somit verbesserte die multiprofessionelle Zusammenarbeit von Unfallchirurgen, Geriatern, Physiotherapeuten sowie Sozial- und Pflegedienst, sinkt die Sterblichkeit um mehr als 20 Prozent die Überlebensrate um 22 %. Clemens Becker, Robert-Bosch-Krankenhauses Stuttgart

Der Vorteil der multidisziplinären Behandlung zeigt sich in der 30-Tage-Mortalität: Diese betrug bei einem geriatrisch-unfallchirurgischen Co-Management 10,1 %, wohingegen die monodisziplinäre Versorgung mit einer Sterblichkeit von 13,1 % einherging. „Somit verbesserte die multiprofessionelle Zusammenarbeit von Unfallchirurgen, Geriatern, Physiotherapeuten sowie Sozial- und Pflegedienst, sinkt die Sterblichkeit um mehr als 20 Prozent die Überlebensrate um 22 %“, sagte Becker (Ratio: 0,78; 95%-Konfidenzintervall 0,74-0,82).

Zahlen und Fakten

Die Hüftfraktur, auch Oberschenkelhalsbruch genannt, ist die mit Abstand am häufigsten im Krankenhaus behandelte Fraktur. Das Durchschnittsalter dieser Patienten liegt bei über 82 Jahren. Der Unfall kann tödlich enden: 10 Prozent der Patienten sterben innerhalb der ersten 30 Tage nach ihrem Sturz. Bis zu 20 Prozent verlieren ihre Selbstständigkeit und müssen im Folgejahr in eine Pflegeeinrichtung einziehen.

Den Vorteil erklären sich die Autoren mit der geriatrischen frührehabilitativen Komplexbehandlung. „Nach der Operation kommen Ergotherapie, Pflege und Physiotherapie schnellstmöglich hinzu, so dass die Patienten eventuell noch am gleichen oder nächsten Tag wieder auf den Beinen stehen“, sagte Becker. Ansonsten bestünde die Gefahr eines „horrenden Muskelschwunds“, warnt auch Jürgen Bauer, DGG-Past-President, Ärztlicher Direktor am Agaplesion Bethanien Krankenhaus Heidelberg. „Innerhalb einer Woche verlieren manche Patienten ein Kilogramm Muskelmasse.“ Bei völliger Immobilisation ist ein täglicher Verlust um mindestens 1% Muskelmasse zu erwarten, heißt es im Weißbuch. Ein weiterer entscheidender Punkt, der die Sterblichkeit verringert haben könnte, sei das Know-How der Geriater zur Polypharmazie der häufig multimorbiden Patienten, ist Bauer überzeugt.

Voraussetzungen für die Zertifizierung als Alterstraumazentrum

Aufgrund international vorliegender Erfahrungen haben die DGU und die DGG mit ihren Zertifizierungsinitiativen AltersTraumaZentrum DGU® (ATZ-DGU) und Alterstrauma­tologisches Zentrum DGG (atz-DGG) bereits seit 2014 damit begonnen, die im Weißbuch Alterstraumatologie enthaltenen Empfehlungen umzusetzen. Aktuell sind bereits über 100 Kliniken als Alterstraumazentrum zertifiziert.

In diesen Kliniken werden unter anderem folgende Anforderungen erfüllt: Versorgung des Knochenbruchs innerhalb von 24 Stunden, behandelt werden auch die Begleiterkrankungen, ein multiprofessionelles Team handelt nach Therapiestandards unter Anwendung einer altersgerechten Schmerztherapie und schonender OP-Techniken, die eine unmittelbare Vollbelastung nach der Operation erlauben. Die Mobilisation und eine Rehabilitation kommen unmittelbar nach der Operation zum Einsatz.

Geriatrische Versorgungstrukturen in der Medizin forderte auch die Gerontologin Ursula Lehr, ehemalige Direktorin des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Sie sagte: „Die interdisziplinäre Behandlung, wie sie in den alterstraumatologischen Zentren durchgeführt wird, muss zur Regelversorgung werden.“

G-BA soll noch dieses Jahr entscheiden

Die Regelversorgung durch ein geriatrisch-unfallchirurgisches Co-Management könnte schon 2019 Realität werden, hofft Becker. Denn der GKV-Spitzenverband diskutiere das Thema bereits. „Eine Entscheidung des Gemeinsamen Bundes­aus­schuss dazu erwarten wir im November“, kündigte der Geriater aus Stuttgart an. Er geht von einer zeitnahem Umsetzung mit einer Übergangsfrist aus. Die Rettungsleitstellen der Zukunft werden dann ähnlich wie beim Herzinfarkt oder Schlaganfall die Patienten zum richtigen Krankenhaus weiterleiten. © gie/aerzteblatt.de

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