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Medizin

Sozioökonomische Unterschiede: Wo Armut in Deutschland Krebs fördert

Mittwoch, 26. September 2018

/blvdone, stockadobecom

Berlin – Einkommen, Bildungsstand und Beschäftigung beeinflussen in Deutschland das Krebsrisiko. Nach einer Studie in Frontiers in Oncology (2018; doi: 10.3389/fonc.2018.00402) kommt es in Regionen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status der Bevölkerung bei Männern häufiger zu Lungen-, Mund- und Atemwegs-, Magen-, Nieren- und Blasenkrebs. Bei Frauen ist die Zahl von Krebserkrankungen in Nieren, Blase, Magen, Gebärmutterhals und Leber erhöht und es kommt häufiger zu Leukämien und Lymphomen. Schilddrüsen- Brustkrebs und Melanome werden dagegen in besser entwickelten Regionen häufiger diagnostiziert. 

Dass sozioökonomische Unterschiede das Krebsrisiko beeinflussen, ist keine neue Erkenntnis. Menschen in schlechteren Positionen sind häufiger in Wohnung und Arbeitsplatz schädlichen Substanzen ausgesetzt. Darüber hinaus sind lebensstil­bezogene Risikofaktoren wie Tabakrauchen, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Fettleibigkeit in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen häufiger anzutreffen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kam kürzlich in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass 25-jährige Männer aus niedrigen sozioökonomischen Gruppen eine um 8 Jahr niedrigere Lebenserwartung haben. Bei Frauen betrug der Unterschied 5 Jahre.

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Deutschland bildet keine Ausnahme. Der Zusammenhang lässt sich hierzulande nur nicht so einfach untersuchen, da es bis vor wenigen Jahren kein flächendeckendes Krebsregister gab und Informationen über den sozioökonomischen Status der Einwohner schwer zu ermitteln sind. Forscher des Robert-Koch-Instituts (RKI) haben kürzlich den „German Index of Socioeconomic Deprivation“ (GISD) entwickelt, der sich auf Kreisebene ermitteln lässt. Der GISD berücksichtigt Arbeitslosenquote, den Anteil der Akademiker, den Anteil der Sozialversicherten, Löhne und Haushaltseinkommen, Schulabbrecher, Privatinsolvenzen und das Steueraufkommen in den einzelnen Kreisen.

Jens Hoebel und Mitarbeiter am RKI haben den GISD mit den Daten der deutschen Krebsregister in Beziehung gesetzt (wobei Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen-Anhalt und Berlin wegen fehlender Langzeiterfahrungen ausgenommen wurden). 

Ergebnis: In den Regionen mit einer hohen sozioökonomischen Deprivation, die es vor allem in den nördlichen und östlichen Regionen gibt, werden eine Reihe von Krebserkrankungen deutlich häufiger diagnostiziert. Bei Männern sind die Unterschiede im Lungenkrebs am deutlichsten. Im Fünftel der am meisten sozioökonomisch benachteiligten Regionen erkranken nach einem relativen Index der Ungleichheit 50 % mehr Männer als in den am bestem gestellten Regionen. Bei Frauen ist hier kein Unterschied zu erkennen.

Die Studie hat die Ursachen nicht untersucht. Es liegt aber auf der Hand, dass der in „unteren“ Bevölkerungsschichten höhere Anteil von Rauchern von entscheidender Bedeutung ist. Bei Frauen macht sich dies möglicherweise noch nicht bemerkbar, da der Anteil der Raucherinnen erst in den letzten Jahrzehnten angestiegen ist.

Bei Karzinomen in Mund und Atemwegen (Rachen, Pharynx), die in deprivierten Regionen bei Männern zu 38 % häufiger auftreten, dürfte neben dem Tabak auch der Alkohol eine Rolle spielen. Weitere bei Männern in deprivierten Regionen häufiger auftretende Tumore waren Magenkrebs (plus 29 %), Nierenkrebs (plus 28 %) und Blasenkrebs (plus 27 %). Insgesamt erkranken Männer aus sozioökonomisch benachteiligten Regionen zu 11 % häufiger an Krebs.

Bei Frauen war das Risiko auf Nierenkrebs (plus 39 %), Blasenkrebs (plus 21 %), Magenkrebs (plus 19 %), Gebärmutterhalskrebs (plus 19 %) und Leberkrebs (plus 17 %) erhöht. Leukämien und Lymphomen treten zu 11 % häufiger auf. Für alle Krebsarten zusammen lässt sich für Frauen kein sozioökonomischer Einfluss nachweisen.

Auffällig ist, dass Schilddrüsenkrebs bei Männern (minus 44 %) und Frauen (minus 38 %) deutlich seltener diagnostiziert wird, wenn sie in sozioökonomisch deprivierten Regionen leben. Die plausibelste Erklärung ist laut Hoebel das häufigere Screening in wohlhabenderen Regionen – was nicht unbedingt von Nachteil sein muss. Schilddrüsenkrebs ist der am häufigsten überdiagnostizierte Krebs. Armut und Bildungsmangel könnte hier vor unnötigen Operationen schützen.

Beim Brustkrebs (minus 7 %) könnte ebenfalls das von gebildeteren Frauen häufiger in Anspruch genommene Screening eine Rolle spielen. Ob die Frühdiagnose von Vorteil ist, wird heute kontrovers diskutiert. 

Interessant ist auch eine in benachteiligten Regionen um 36 % (Männer) beziehungsweise 29 % (Frauen) niedrigere Melanomrate. Hier könnten aufgrund von Geldmangel seltenere Fernreisen in äquatornahe Regionen eine Rolle spielen. © rme/aerzteblatt.de

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