NewsAuslandRattengift verursachte in den USA „Cannabis-Koagulo­pathie“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

Rattengift verursachte in den USA „Cannabis-Koagulo­pathie“

Donnerstag, 27. September 2018

Kräutermischungen Spice, Black Box oder K2 /dpa
In den 1980er-Jahren stellten Forscher erstmals synthetische Cannabinoide (Cannabinoid-Rezeptor-Agonisten) her. Mehr als 20 Jahre später kamen die Kräutermischungen unter Namen wie Spice, Black Box oder K2 in den Umlauf.  /dpa

Gainesville/Florida – Eine offenbar nicht ganz ungewöhnliche Praxis von Drogenhändlern, die Wirkung von synthetischen Cannabinoiden mit Rodentiziden zu verstärken, hat in den USA im Frühjahr zu einer Häufung von schweren Koagulopathien geführt. Die Hintergründe wurden im New England Journal of Medicine (2018; 379: 1216-1223) erläutert.

Im Frühjahr mussten im US-Staat Illinois insgesamt 288 jüngere Menschen wegen ungewöhnlicher Blutungen in Kliniken behandelt werden, an denen 8 Patienten starben. Die Anamnese ergab rasch, dass alle zuvor synthetische Cannabinoide wie „spice” oder „K2“ konsumiert hatten. 

Anzeige

Blut praktisch ungerinnbar

Die Patienten suchten die Kliniken auf, nachdem es zu starkem Nasenbluten oder Blutungen im Urin oder aus dem After gekommen war. Die Labortests ergaben deutlich erhöhte INR-Werte. Der INR-Wert gibt den Faktor an, um den ein Gerinnungshemmer die Gerinnungszeit des Blutes verlängert. Normal ist hier ein Wert von 1,0. Bei einer therapeutischen Antikoagulation werden INR-Werte zwischen 2,0 und 3,5 angestrebt. Bei den 34 Patienten, über die Amar Kelkar von der Universität von Florida jetzt berichtet, waren die INR-Werte auf im Mittel 15,8 angestiegen, der Median lag sogar bei 20.

Das Blut der Patienten war damit praktisch ungerinnbar und auch die sofort eingeleitete Behandlung mit Vitamin K plus Gerinnungsfaktoren konnte die Blutgerinnung nur zeitweise normalisieren. Die toxikologischen Untersuchungen ergaben, dass alle 34 Patienten das „Super-Warfarin“ Brodifacoum im Blut hatten. Bei 5 weiteren wurden außerdem Difenacoum, bei zweien Bromadiolon und bei einem Warfarin nachgewiesen.

Hohe Kosten durch Vitamin K-Präparate

Brodifacoum ist ein erfolgreiches Rodentizid, weil es im Körper nur langsam abgebaut wird. Die Halbwertzeit wird mit 20 bis 130 Tagen angegeben. Die Wirkung dauert nach Einschätzung von Kelkar jedoch wesentlich länger, da sich der Wirkstoff in der Leber, wo er die Synthese der Gerinnungsfaktoren verhindert, anreichert. Die Konzentration ist dort bis zu 20-fach höher als im Blut. Die Antikoagulation kann deshalb 2 bis 12 Monate anhalten. Die Patienten müssen deshalb langfristig mit Vitamin K-Präparaten behandelt werden, was bei Kosten von 24.000 bis 34.000 US-Dollar pro Monat die Selbstzahler finanziell stark belastet, wenn nicht ruiniert haben dürfte.

Kontaminationen mit Rodentiziden sind in der Vergangenheit schon häufiger beobachtet worden. Neben synthetischen Cannabinoiden waren auch andere Drogen wie Kokain betroffen. Das Motiv ist wahrscheinlich eine Verlängerung der Wirkung, die durch eine kompetitive Inhibition am P450-System der Leber erzielt wird. Canna­binoide werden wie die Rodentizide als körperfremde Substanzen in der Leber über die gleichen Enzyme abgebaut, was bei der gleichzeitigen Einnahme zu einer Verdrängung und damit zu einer längeren Wirkung führt. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Februar 2019
Kiel – Für eine Entkriminalisierung des Konsums von Cannabis gibt es im Kieler Landtag eine bunte Mehrheit. Sprecher von SPD, Grünen, FDP und SSW machten sich heute dafür stark. Die CDU bekundete
Kieler Landtag lehnt Modellversuch zur Cannabisfreigabe ab
15. Februar 2019
Washington – Es gehört zu den Besonderheiten der US-Politik, dass Präsidenten in den Vereinigten Staaten ab und an offenlegen müssen, wie es um ihre Gesundheit bestellt ist. Das ist nicht rechtlich
Trump ist gesund, aber nun fettleibig
14. Februar 2019
Montreal – Während immer mehr Länder den Cannabiskonsum legalisieren und die THC-Droge zunehmend zu medizinischen Zwecken eingesetzt wird, warnen Epidemiologen vor den Folgen für die Gehirne
Metaanalyse: Früher Cannabiskonsum erhöht Depressions- und Suizidrisiko im Erwachsenenalter
14. Februar 2019
Straßburg – Das EU-Parlament will den Einsatz von Cannabis in der Medizin vorantreiben. Eine entsprechende Entschließung nahmen die Europaabgeordneten am Mittwoch in Straßburg an. Darin fordern sie
EU-Parlament will Cannabiseinsatz in der Medizin vorantreiben
13. Februar 2019
Berlin – In Deutschland ist die Zahl der sogenannten Deaths of Despair, also der „Todesfälle aus Verzweiflung“, bei Menschen mittleren Alters von 1991 bis 2015 deutlich gesunken. Das berichten
In Deutschland ist Gesamtzahl der Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen gesunken
12. Februar 2019
Berlin – Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) empfiehlt den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen eine Neuklassifizierung von Cannabis, die insbesondere die medizinische Nutzung von Cannabis
Welt­gesund­heits­organi­sation empfiehlt Neuklassifizierung von Cannabis
8. Februar 2019
Washington – Das Oberste Gericht der USA hat ein Gesetz des Bundesstaats Louisiana zur deutlichen Einschränkung des Zugangs zu Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, vorläufig gestoppt. Der
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER