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Politik

Pharmaverband beklagt finanzielle Belastungen der Industrie

Donnerstag, 27. September 2018

/industrieblick, stockadobecom

Berlin – Das derzeitige System der Festbeträge verhindert Innovationen in der Arzneimittelversorgung. Insbesondere altersgerechte Darreichungsformen, die für eine älter werdende Bevölkerung immer wichtiger würden, würden so blockiert, kritisierte Jörg Wieczorek, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) heute im Rahmen der Veranstaltung „BAH im Dialog“ in Berlin.

Denn in vielen Fällen fasse der Gemeinsame Bundes­aus­schuss unterschiedliche Darreichungsformen wie Tabletten oder Säfte in einer Festbetragsgruppe zusammen. Der Erstattungspreis orientiere sich dann am niedrigeren Preis der festen Darreichungs­formen, die in der Herstellung weniger aufwendig seien als die flüssigen. Die Folge sei, dass es sich für die Unternehmen nicht lohne, in die Weiterentwicklung bekannter Wirkstoffe zu investieren.

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Wieczorek warb zugleich für eine Aufhebung des Preismoratoriums für Arzneimittel. Es gilt seit 2010 für Medikamenten, die nicht unter die Festbeträge fallen und für die kein Erstattungspreis im Rahmen der frühen Nutzenbewertung vereinbart wurde, und soll bis 2022 fortgeführt werden. Seit diesem Jahr erhalten die Hersteller einen Inflations­ausgleich. In diesem Zusammenhang kritisierte der BAH-Vorsitzende auch die geplanten Herstellerabschläge auf Impfstoffe, die mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz eingeführt werden sollen, das demnächst im Bundestag beraten wird.

Aufgaben der Apotheker ausweiten

Um die Versorgung der Patienten mit Arzneimitteln auch in Zukunft zu sichern, schlug Wieczorek vor, die Aufgaben der Apotheker auszuweiten. Denn insbesondere auf dem Land zeichne sich bereits jetzt ein Ärztemangel ab. Vorstellbar sei zum Beispiel, den Apothekern die Grippeimpfung zu übertragen. „Das macht Ressourcen bei den Ärzten frei“, so der BAH-Vorsitzende. Darüber hinaus könnten Apotheker „gut bekannte verschreibungspflichtige Arzneimittel“ im Notfall am Wochenende auch ohne ärztliches Rezept abgeben oder bei einer Dauermedikation die Folgeverordnungen vornehmen.

Über eine Ausweitung der Aufgaben von Apothekern könne man mit ihr diskutieren, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karin Maag (CDU) bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Es müssten aber sowohl Apotheker als auch Ärzte einverstanden sein. Die Apotheker seien zu gut ausgebildet, um nur Arzneimittelpackungen über den Tresen zu reichen, erklärte Johann Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbands. „Wir müssen überlegen, ob es richtig ist, alles auf den Arzt zu konzentrieren.“ Allerdings sei die Selbstverwaltung mit ihren Vorschlägen zur Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen bisher gescheitert. „Insbesondere bei der Frage der Haftung ducken sich viele weg“, so von Stackelberg.

„Wir brauchen eine Haftpflichtversicherung für alle Gesundheitsberufe, die hohe Risiken ausgleicht“, forderte die gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestags­fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Kordula Schulz-Asche. Angesichts des demografischen Wandels müsse man viel stärker über eine Veränderung der Versorgungsstrukturen diskutieren. „Die Gesundheitsberufe müssen im Patienteninteresse zusammenarbeiten“, sagte Schulz-Asche.

Thomas Müller, Abteilungsleiter im Bundesgesundheits­ministerium, zeigte sich skeptisch mit Blick auf den „Apotheker als Miniarzt am Wochenende“. Er verwies darauf, dass sich Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) zu Fragen des Apothekerberufs beim Deutschen Apothekertag positionieren werde. Er findet vom 10. bis 12. Oktober in München statt.

Patienten bei Rückrufen nicht unnötig verunsichern

Müller ging auch auf die Skandale um den verunreinigten Blutdrucksenker Valsartan und die illegal importierten Krebsmedikamente der Firma Lunapharm ein. Hier müsse man neben Haftungsfragen auch die Rolle der Arzneimittelüberwachungsbehörden überdenken, sagte Müller. Das BMG sei im Gespräch mit den Überwachungsbehörden in Europa und den USA, um, wie im Fall Valsartan, Wirkstoffhersteller insbesondere in China und Indien besser zu kontrollieren. Außerdem müsse man die Kommunikation im Fall von Rückrufen verbessern, damit Patienten nicht unnötig verunsichert würden.

Arztinformationssystem kommt im November

Müller kündigte darüber hinaus an, dass das BMG im November eine Rechtsverordnung vorlegen wird, die das Nähere zur Ausgestaltung des Arztinformations­systems (AIS) regelt. Nach dem Arzneimittelversorgungsstärkungs­gesetz aus dem vergangenen Jahr soll das AIS in komprimierter Form die relevanten Informationen über die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel enthalten und so Ärztinnen und Ärzte bei der Verordnung unterstützen.

Ziel ist, dass Ärzte häufiger Medikamente verordnen, denen der Gemeinsame Bundes­aus­schuss einen Zusatznutzen gegenüber der Standard­therapie bescheinigt hat. Eigentlich war die Verordnung schon für Juni angekündigt worden. „Es wird keine Ampel für die Versorgungssteuerung geben“, bekräftigte Müller. Außerdem solle noch in dieser Legislaturperiode das elektronische Rezept eingeführt werden. © HK/aerzteblatt.de

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