NewsPolitikTropenmediziner: Sicherheit von Blutspenden neu diskutieren
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Tropenmediziner: Sicherheit von Blutspenden neu diskutieren

Freitag, 28. September 2018

/dpa

Hamburg/Berlin – Angesichts der Ausbreitung des West-Nil-Virus und verwandter Erreger in Deutschland spricht sich ein Tropenmediziner für eine neue Diskussion zur Sicherheit von Blutkonserven aus. „Blutspendedienste müssen sich damit in Zukunft stärker auseinandersetzen“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). Bis Mittwoch registrierten Forscher den Erreger des West-Nil-Fiebers bundesweit bei insgesamt sieben Vögeln und einem Pferd, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) am Donnerstag mitteilte.

Nachgewiesen wurde der Erreger laut RKI bisher bei drei in Gefangenschaft gehaltenen Eulenvögeln, bei drei Greifvögeln sowie kürzlich bei einer Amsel nahe Rostock und bei einem Pferd im südlichen Brandenburg. Alle infizierten Tiere wurden demnach innerhalb eines 160 Kilometer breiten Streifens etwa zwischen München und Rostock gefunden. In Deutschland erfolgte Infektionen von Menschen wurden zwar bislang nicht bekannt, aber das RKI bringt fünf Infektionen mit Reisen nach Italien, Serbien und Rumänien in Zusammenhang.

Anzeige

Bisher testeten nur einige Dienste Blutkonserven standardmäßig auf West-Nil- und das eng verwandte Usutu-Virus, sagte Schmidt-Chanasit. Bislang müssen die Dienste, die nicht testen, Blutspender zurückstellen, die sich in einem bestimmten Zeitraum in Nordamerika und einigen europäischen Ländern aufgehalten haben, in denen das West-Nil-Virus grassiert. „Man sollte überlegen, ob das noch sinnvoll ist.“ Für das eng verwandte Usutu-Virus gibt es demnach noch keine Regelung.

„Usutu- und West-Nil-Viren haben beide die gleiche humanmedizinische Relevanz“, betonte Schmidt-Chanasit. „Mittlerweile weiß man, dass sich in den Regionen, wo beide Viren gleichzeitig zirkulieren, mehr Menschen mit dem Usutu-Virus infizieren als mit dem West-Nil-Virus. Das West-Nil-Virus war wegen eines großen Ausbruchs in den USA nur wesentlich präsenter in den Medien.“

Vögel gelten als wichtigster Wirt des West-Nil-Virus, das durch Mückenstiche auch auf Pferde oder Menschen übertragen werden kann. Eine Infektion kann zu Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen führen. In seltenen Fällen kann sie zu einer Gehirnentzündung führen und auch tödlich enden. In Europa wurden 2018 mehr als 110 Todesfälle durch das Virus registriert.

Menschliche Infektionen mit den Viren, die in Laboren festgestellt werden, seien seit 2016 in Deutschland meldepflichtig, heißt es vom RKI. In etwa 80 Prozent der Fälle bleibe eine Infektion aber unbemerkt, da sie ohne Symptome verlaufe, sagte Schmidt-Chanasit. Selbst im Falle von Symptomen bleibe die Infektion oft unerkannt. „Oft gehen Ärzte von einer Sommergrippe aus“, so der Experte. „Viele Hausärzte kennen diese neuen, exotischen Viren noch gar nicht, obwohl wir viele Fortbildungen anbieten. Man kann davon ausgehen, dass schwere Fälle auftreten müssen, die dann an Uni-Kliniken behandelt werden. Dort besteht dann die Möglichkeit, dass die Erkrankung diagnostiziert wird“, so Schmidt-Chanasit.

Wildvögel fungieren als Hauptwirte für die Viren. Immer wieder gibt es größere Ausbrüche, bei denen viele Vögel sterben. „In diesem Jahr konnten sich die Viren aufgrund der Hitze besonders gut vermehren. Wir hatten so viele positiv getestete Vögel wie in den Jahren 2010 bis 2016 zusammen“, so Schmidt-Chanasit mit Blick auf das Usutu-Virus. Bürger schicken regelmäßig verendete Vögel an sein Institut, das die Tiere dann untersucht. Das Usutu-Virus konnte sich laut Schmidt-Chanasit schon flächendeckend in Deutschland ausbreiten. „Beim West-Nil passiert das sicher auch“, so der Arzt. „Die Viren verschwinden nicht mehr.“ © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

16. September 2020
Düsseldorf – Der Malariaparasit Plasmodium knowlesi ist Anfang der 2000er Jahre in Borneo von Affen auf den Menschen übergesprungen und breitet sich seitdem in kleinen Fallzahlen in Südost-Asien aus.
Malariaparasit Plasmodium knowlesi breitet sich nach Indien aus
14. September 2020
München – In Deutschland droht erneut das Spenderblut knapp zu werden, da weiterhin viele Menschen aus Angst vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 den Blutspendeterminen fernbleiben. Im Vorfeld ihres
Versorgung mit Blutprodukten in Deutschland erneut gefährdet
11. September 2020
Düsseldorf – In Deutschland haben sich vier Menschen mit dem West-Nil-Fieber infiziert. Darauf hat das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) hingewiesen. Alle Fälle wurden Mitte August im
West-Nil-Fieber: Infektionen in Deutschland nachgewiesen
10. September 2020
Bonn – Das Universitätsklinikum Bonn benötigt aktuell Blutkonserven jeder Blutgruppe – besonders der Blutgruppe 0 als universalverträgliches Blut bei Notfällen. In den vergangenen Monaten haben wegen
Blutkonserven im Raum Bonn dringend gesucht
8. September 2020
Frankfurt am Main – In Hessen herrscht ein Engpass bei der Versorgung mit Blutkonserven. Grund sind nachgeholte Operationen. Eberhard Weck, Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Hessen,
Engpässe bei Blutkonserven in Hessen
3. September 2020
Berlin – Beim pauschalen Blutspendeverbot für homosexuelle Männer gibt es nach FDP-Angaben Bewegung. Die Bundesregierung kündigte für den 3. November Gespräche über eine Lockerung der jetzigen
FDP: Lockerung des Blutspendeverbots für homosexuelle Männer in Sicht
27. August 2020
Saarbrücken – Der saarländische Landtag hat sich gegen eine Diskriminierung von homosexuellen Männern beim Blutspenden ausgesprochen. Die Abgeordneten beschlossen gestern in Saarbrücken einstimmig
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER