NewsMedizinTödliche Enzephalitis durch klassisches Bornavirus in Franken und bei Trans­plantatpatienten
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Tödliche Enzephalitis durch klassisches Bornavirus in Franken und bei Trans­plantatpatienten

Freitag, 5. Oktober 2018

Überträger des Bornavirus ist die Feldspitzmaus. /dpa

Erlangen und Greifswald – Das klassische Bornavirus, das bei Pferden und Schafen eine schwere Meningoenzephalitis auslöst, kann auch für den Menschen gefährlich werden. Mediziner der Universität Erlangen berichten im New England Journal of Medicine (NEJM 2018; 379: 1375–1377) über den tödlichen Verlauf einer Erkrankung bei einem 25 Jahre alten zuvor kerngesunden Studenten. Zuvor waren 3 Empfänger von Organtransplantaten an der Borna-Krankheit gestorben (NEJM 2018; 379: 1377–1379).

Die Bornasche Krankheit ist eine gefürchtete Erkrankung bei Pferden und Schafen. Erstmals beschrieben wurde sie 1813 als „hitzige Kopfkrankheit der Pferde“. Ihren Namen erhielt sie 1894, als ein ganzer Stall voller Kavalleriepferde in der Stadt Borna erkrankte. Das natürliche Reservoir des Bornavirus ist die Feldspitzmaus, die selbst nicht erkrankt, das Virus aber über Urin und Speichel ausscheidet.

Bei größeren Säugetieren kann es nach der Infektion des Zentralnervensystems zu einer Meningoenzephalitis kommen. Neben Pferden und Schafen wurden auch Fälle bei Zootieren (Lamas, Flusspferde, Alpakas, Affen) und in seltenen Fällen auch bei Haustieren (Hunde und Katzen) beschrieben. Der genaue Übertragungsweg ist nicht bekannt.

Das Virus ist nach heutigem Wissensstand regional begrenzt in Teilen Ost- und Süddeutschlands, Österreichs, der Schweiz und Liechtensteins verbreitet. Wo genau sich der 25-jährige Student, über den ein Team um Armin Ensser vom Virologischen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg berichtet, infiziert hat, konnte nicht ermittelt werden. Der junge Mann aus Mittelfranken hatte sich viel im Freien aufgehalten. Die Familie besaß 2 Hunde und 2 Katzen. Eine Auslandsreise hatte er nicht unternommen.

Die Erkrankung hatte mit Fieber und starken Kopfschmerzen begonnen, gefolgt von Müdigkeit und Verwirrung. Nach 5 Tagen war er in ein örtliches Krankenhaus eingeliefert worden, das ihn noch am selben Tag an die Universitätsklinik in Erlangen transportieren ließ. Dort war er desorientiert und psychomotorisch verlangsamt. Er zeigte multifokale myoklonische Zuckungen und einen unsteten Gang. Die Diagnose einer Meningoenzephalitis wurde durch Liquoruntersuchung und EEG bestätigt.

Der Zustand des Patienten verschlechterte sich in den folgenden Tagen und trotz medizinischer Therapie verstarb er nach 23 Tagen. Da es bereits der zweite ungewöhnliche Todesfall war, veranlassten die Ärzte eine genauere Untersuchung. Nach der Autopsie wurden Gewebeproben mittels moderner Next-Generation-Sequencing-Verfahren auf Virusgene untersucht. Die Virologen fanden insgesamt 39.000 „Reads“, die das vollständige Genom des klassischen Bornavirus (BoDV-1) von ungefähr 8,9 kb abbildeten. In den Gewebeschnitten wurden mit immunhisto­chemischen Methoden Antigene des Erregers gefunden und auch die 1909 von Joest und Degen im Gehirn von Pferden beschriebenen Einschlusskörperchen waren erkennbar. Damit stand fest, dass der Patient an der Bornaschen Krankheit gestorben war.

Auch bei den 3 Patienten, die 2016 an einer Meningoenzephalitis erkrankt waren, nachdem sie Organe desselben Spenders erhalten hatten, hat sich der Verdacht einer Bornavirus-Infektion bestätigt. Die Patienten waren 112, 80 und 98 Tage nach der Transplantation symptomatisch geworden. Die ersten beiden Patieten starben 208 und 179 post transplantationem, der dritte überlebte mit neurologischen Schäden (Optikusatrophie).

In den Gehirnen der beiden verstorbenen Patienten konnte ein Team um Martin Beer vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems bei Greifswald die fast komplette Virussequenz von BoDV-1 nachweisen. Bei einem Patienten wurden Virusantigene im Gehirn, bei dem anderen in dem Spenderorgan nachgewiesen. Die Analyse der Genom-Sequenz ergab eine enge Verwandtschaft zu Stämmen von Pferden und Spitzmäusen aus der Heimatregion des Spenders in Bayern. Der Spender, ein 70-jähriger Mann, hatte vor seinem Tod keine Anzeichen oder Symptome neurologischer Erkrankungen oder eines aktiven Infektionsprozesses.

Die Experten stufen das Infektionsrisiko für die Bevölkerung Menschen insgesamt als sehr gering ein. Ensser weist jedoch darauf hin, dass in Deutschland immer wieder Menschen an einer Meningoenzephalitis erkranken und sterben, ohne dass eine Ursache gefunden wird. Die Dunkelziffer von Bornavirus-Infektionen bei tödlichen Gehirnentzündungen sei unbekannt, da die Infektion bislang bei Routine­untersuchungen nicht in Betracht gezogen werde.

Inzwischen wurde ein von Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes „Zoonotic Bornavirus Consortium“ (ZooBoCo) eingerichtet, dass mehr Licht ins Dunkel bringen soll. Dabei dürfte es nicht nur um die Erforschung des Übertragungsweges, sondern auch um die Suche nach weiteren möglichen Erkrankungen gehen.

In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde BoDV-1 in mehreren Studien als mögliche Ursache für Depressionen und andere psychiatrische Erkrankungen beim Menschen diskutiert. Der Verdacht beruhte auf den Ergebnissen von Antikörpertests, einem nicht validierten Antigen-Assay und Ergebnissen der Polymerase-Kettenreaktion auf einzelne Gene. Die Forschungen waren eingestellt worden, nachdem eine hohe Sequenz­ähnlichkeit zu Laborstämmen auf Artefakte beim Virusnachweis hingedeutet hatten. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

3. Juni 2020
Berlin – In Berlin gibt es wieder mehr neue Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Gestern wurden 6.873 bestätigte Fälle registriert, das sind 35 mehr als am Vortag und 23 mehr als am Tag davor,
Kalayci sieht Negativtrend bei Coronainfektionen
3. Juni 2020
Bristol − Die Bemühungen des National Health Service (NHS), den Einsatz von Antibiotika in der hausärztlichen Versorgung zu verringern, hat laut einer Studie in PLOS ONE (2020; DOI:
Großbritannien: Verminderte Antibiotikaverordnung senkt Häufigkeit bestimmter Resistenzen
2. Juni 2020
Berlin – Die Zahl der COVID-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung ist über die vergangenen Wochen in Deutschland deutlich zurückgegangen. Laut DIVI-Intensivregister wurden Stand heute 689
Weniger Coronapatienten auf deutschen Intensivstationen
2. Juni 2020
Wuhan – Bei Tests von fast zehn Millionen Bürgern in Wuhan sind 300 asymptomatische Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 entdeckt worden. Die angesteckten Personen und 1.174 enge Kontaktpersonen
Zehn Millionen Menschen in Wuhan getestet: 300 asymptomatische Fälle
29. Mai 2020
Berlin – Flüchtlinge in Sammelunterkünften sind besonders gefährdet, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren und an COVID-19 zu erkranken. Das ist das Ergebnis einer Studie unter Leitung des Epidemiologen
Hohes Risiko für SARS-CoV-2-Infektionen bei Geflüchteten in Sammelunterkünften
29. Mai 2020
Berlin − Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert-Koch-Institut (RKI) rund 560 Infektionen mit SARS-CoV-2 binnen eines Tages gemeldet. Zwar hatte das RKI am frühen Freitagmorgen die
RKI meldet 560 Neuinfektionen in Deutschland
29. Mai 2020
Berlin – Die Nachverfolgung der Infektionen mit SARS-CoV-2 ist für die Gesundheitsämter nach eigenen Angaben derzeit beherrschbar. Auch der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER