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Medizin

ASS könnte vor Ovarialkarzinom und Leberkrebs schützen

Freitag, 5. Oktober 2018

Weiße Tablette im Wasserglas auflösen /dpa
Anders als beim Ovarialkarzinom war beim hepatozellulären Karzinom eine Dosis-Wirkungs-Beziehung nachweisbar, die in epidemiologischen Studien immer ein Hinweis auf eine Kausalität ist. /dpa

Boston – Die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS), der bereits eine präventive Wirkung gegen Darmkrebs zugeschrieben wird, könnte die Erkrankungsrate für Ovarialkarzinom und hepatozelluläres Karzinom mindern. Darauf deuten 2 neue Analysen der großen US-amerikanischen Beobachtungsstudien in JAMA Oncology hin (2018; doi: 10.1001/jamaoncol.2018.4149 und 4154).

Die Hypothese, das ASS eine krebspräventive Wirkung haben könnte, ist nicht neu. Schon Virchow vermutete, dass Krebstumore sich auf dem Boden von Entzündungen entwickeln. Der US-Pathologe Harold Dvorak bezeichnete Tumore im Jahr 1986 als „Wunden, die nicht verheilen“. Heute wird die Anwesenheit von Entzündungszellen in Tumoren eher als unzureichender Angriff des Immunsystems auf den Tumor gedeutet (der sich durch Checkpoint-Inhibitoren verstärken lässt), also eher als Folge, denn als Ursache. Doch die Ansicht, dass ASS vor Krebs schützt, ist weiter verbreitet. 

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Hinweise wurden bisher nur für den Darmkrebs gefunden. ASS verhindert die Bildung von Polypen, aus denen sich die meisten Kolorektalkarzinome entwickeln. Die Evidenz einer ASS-Einnahme zur Primärprävention gründet sich auf sekundäre Analysen von randomisierten Studien, die zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen durchgeführt wurden, sowie auf Auswertungen der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-up Study. Dort war die Einnahme von ASS über 6 Jahre oder länger mit einem um 19 % verminderten Risiko auf Darmkrebs und einem um 15 % verminderten Risiko für jegliche Art von Magen-Darm-Krebs verbunden.

Angesichts des bekannten Blutungsrisikos wird derzeit nicht zur Einnahme von ASS geraten. Die mögliche Vermeidung von Darmkrebs wird allenfalls als günstiger Nebeneffekt bei einer ASS-Gabe zur Sekundärprävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrachtet.

Niedrige ASS-Tagesdosis schützt vor Ovarialkarzinom

Jetzt kommen weitere Analysen der prospektiven US-Studien zu dem Ergebnis, dass die Einnahme von ASS auch vor einem Ovarialkarzinom und einem hepatozellulären Karzinom schützen. Mollie Barnard von der Harvard T.H. Chan School of Public Health in Boston und Mitarbeiter haben die Ergebnisse der Nurses’ Health Study und der Nachfolgestudie Nurses’ Health Study II ausgewertet. Da das Ovarialkarzinom relativ selten ist, kam es unter den 205.498 Teilnehmerinnen während 3,6 Millionen Personenjahren nur zu 1.054 Erkrankungen an einem epithelialen Ovarialkarzinom. Die erste Auswertung ergab, dass die ASS-Anwenderinnen genauso häufig erkrankten wie Frauen, die kein ASS eingenommen hatten (Hazard Ratio 0,99; 95-%-Konfidenzintervall 0,83 bis 1,19).

Nach der getrennten Auswertung hinsichtlich der Dosis war für Frauen, die eine niedrige Tagesdosis (100 mg) eingenommen hatten, eine um 23 % verminderte Erkrankungsrate (Hazard Ratio 0,77; 0,61-0,96) nachweisbar. Frauen, die die Standard-Dosis von 325 mg pro Tag eingenommen hatten, erkranken dagegen tendenziell häufiger an einem Ovarialkarzinom (Hazard Ratio 1,17; 0,92-1,49). Die aktuelle Verwendung von anderen Nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAID) als ASS war mit einem erhöhten Risiko auf ein Ovarialkarzinom verbunden (Hazard Ratio 1,19; 1,00-1,41). Für die Dauer der Anwendung und die kumulative durchschnittliche Zahl der Tabletten pro Woche wurden Trends für eine protektive Wirkung gefunden.

Warum ASS, nicht aber andere NSAID vor dem Tumor schützen, kann Barnard nicht erklären. Auch die fehlende Dosis-Wirkungs-Beziehung ist eine Schwäche in der Beweisführung. Die Studie bestätigt allerdings die Ergebnisse einer Reihe von Fall-Kontroll-Studien, die ein Ovarian Cancer Cohort Consortium um Shelley Tworoger vom Moffitt Cancer Center in Tampa/Florida kürzlich im Journal of the National Cancer Institute (2018; doi: 10.1093/jnci/djy100) zusammengefasst hatte. Danach erkranken Frauen, die ASS an mindestens 6 Tagen in der Woche einnehmen, zu 10 % seltener an einem Ovarialkarzinom (Rate Ratio 0,90; 0,82-1,00).

Ein weiterer Tumor, dem möglicherweise durch die Einnahme von ASS vorgebeugt werden könnte, ist das hepatozelluläre Karzinom. Diese Tumore entwickeln sich in der Regel auf dem Boden einer längeren Hepatitis, die durch einen Alkoholabusus, Adipositas oder durch Virusinfektionen (Hepatitis B und C) ausgelöst wird. Der Tumor ist in westlichen Ländern wie das Ovarialkarzinom relativ selten. In Deutschland erkranken jährlich etwa 9.000 Menschen, von denen allerdings (ähnlich wie beim Ovarialkarzinom) die meisten innerhalb kurzer Zeit sterben (etwa 7.700 Todesfälle pro Jahr).

Verminderten HCC-Risiko unabhägig von ASS-Dosis

Andrew Chan vom Massachusetts General Hospital in Boston hat den Einfluss von ASS anhand der Daten der Nurses’ Health Study und der Health Professionals Follow-up Study untersucht. Von den 133.371 Teilnehmern sind während insgesamt 4,2 Millionen Personenjahren 108 Erkrankungen (65 bei Frauen und 43 bei Männern) am hepatozellulärem Karzinom (HCC) aufgetreten.

Die regelmäßige Einnahme von ASS (mindestens Standarddosen à 325 mg pro Woche) war mit einem um 49 % verminderten HCC-Risiko verbunden (adjustierte Hazard Ratio 0,51; 0,34-0,77). Anders als beim Ovarialkarzinom war eine Dosis-Wirkungs-Beziehung nachweisbar, die in epidemiologischen Studien immer ein Hinweis auf eine Kausalität ist. Die Einnahme von bis zu 1,5 Tabletten pro Woche verminderte das Risiko um 13 % (Hazard Ratio 0,87; 0,51-1,48). Bei einer Einnahme von 1,5 bis 5 Tabletten pro Woche traten zu 49 % weniger HCC auf (Hazard Ratio 0,51; 0,30-0,86) und bei mehr als 5 Tabletten pro waren es 51 % weniger HCC (Hazard Ration 0,49; 0,28-0,96). Die protektive Wirkung stieg auch mit der zunehmenden Dauer der Anwendung.

Die Evidenz könnte deshalb für das HCC größer sein als für das Ovarialkarzinom. Aber auch die Risiken könnten größer sein, da es bei Lebererkrankungen aufgrund der verminderten Bildung von Gerinnungsfaktoren häufig zu Blutungsstörungen kommt. Die zusätzliche Einnahme von ASS könnte vor diesem Hintergrund die Gefahr von tödlichen Blutungen steigern. In Beobachtungsstudien lassen sich diese Risiken häufig nur schwer erkennen. Die Fachgesellschaften dürften deshalb die Einnahme nicht empfehlen, solange die Ergebnisse nicht durch randomisierte klinische Studien bestätigt wurden. © rme/aerzteblatt.de

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