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Medizin

Lorcaserin kann Typ-2-Diabetes bei Übergewichtigen vorbeugen

Montag, 8. Oktober 2018

/dpa

Boston – Der Serotoninrezeptoragonist Lorcaserin, der in den USA, nicht aber in Europa, zur begleitenden Behandlung der Adipositas zugelassen ist, kann bei Menschen mit Prädiabetes oder kardiovaskulären Erkrankungen den Blutzucker verbessern. Dies zeigen die auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Berlin vorgestellten und im Lancet (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)32328-6) publizierten Ergebnisse einer weltweiten Studie.

An der Studie „CAMELLIA-TIMI 61“ hatten zwischen Januar 2014 und November 2015 an 473 Zentren in 8 Ländern 12.000 übergewichtige und adipöse Personen mit atherosklerotischen kardiovaskulären Vorerkrankung oder mehreren kardiovaskulären Risikofaktoren teilgenommen: Zu Beginn der Studie hatten 57 % einen Typ-2-Diabetes und 33 % einen Prädiabetes. Bei den restlichen 10 % lag der Blutzuckerspiegel in einem normalen Bereich.

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Die Patienten waren begleitend zu einer Lifestyleberatung auf eine Behandlung mit Lorcaserin (10 mg 2-mal täglich) oder Placebo randomisiert worden. Die Behand­lungsdauer betrug 3,3 Jahre.

In der Lorcaseringruppe war es im Verlauf eines Jahres zu einer Gewichtsabnahme um durchschnittlich 4,2 kg gekommen im Vergleich zu einem Rückgang um 1,4 kg in der Placebogruppe. In der Lorcaseringruppe konnten 39 % ihr Körpergewicht um mehr als 5 % senken im Vergleich zu 17 % der Placebogruppe. Eine Reduktion um mindestens 10 % erreichten 15 gegenüber 5 %. Die Unterschiede blieben über die Dauer der Studie statistisch signifikant.

Die Sicherheitsergebnisse der Studie, die die US-Arzneibehörde FDA dem Hersteller bei der Zulassung 2012 zur Auflage gemacht hatte, waren im August 2018 auf dem Kongress der European Society of Cardiology in München vorgestellt und im New England Journal of Medicine publiziert worden: Lorcaserin hatte das Risiko auf schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse nicht erhöht (Hazard Ratio 0,99; 95-%-Konfidenzintervall 0,85 bis 1,14). Es war jedoch auch nicht zu einem Rückgang der kardiovaskulären Ereignisse gekommen (Hazard Ratio 0,97; 0,87–1,07), der angesichts der blutzuckersenkenden Wirkung erwartet worden war.

Jetzt liegen auch die Ergebnisse zu den Wirksamkeits-Endpunkten vor. Bei den Menschen mit Prädiabetes kam es zu einem leichten Rückgang der Diabetesinzidenz von 10,3 in der Placebogruppe auf 8,5 in der Lorcaseringruppe. Erin Bohula vom Brigham and Women’s Hospital in Boston und Mitarbeiter ermitteln eine Hazard-Ratio von 0,81 (0,66 bis 0,99): Lorcaserin senkte die Zahl der Neuerkrankungen am Typ-2-Diabetes damit um absolut 1,8 Prozentpunkte und relativ um 19 %.

Darüber hinaus erreichten 9,2 der Patienten mit Prädiabetes, die Lorcaserin einnahmen, normale Blutzuckerspiegel gegenüber 7,6 der Patienten in der Placebogruppe (Hazard Ratio 1,20; 0,97–1,49).

Bei den Patienten mit Typ-2-Diabetes senkte Lorcaserin innerhalb des ersten Jahres den HbA1c-Wert um 0,33 Prozentpunkte (0,29–0,38), obwohl dieser Blutzucker­langzeitwert zu Beginn der Studie mit 7,0 bereits recht gut eingestellt war. In der Lorcaseringruppe kam es bei 7,1 der Patienten zu einer Remission des Typ-2-Diabetes gegenüber 6,0 in der Placebogruppe (Hazard Ratio 1,21; 1,00–1,45).

Lorcaserin senkte auch das Risiko auf mikrovaskuläre Komplikationen des Typ-2-Diabetes um relativ 21 (10,1 versus 12,4 %; Hazard Ratio 0,79; 0,69–0,92). Zu den mikrovaskulären Komplikationen gehören Mikroalbuminurie, diabetische Retinopathie und diabetische Neuropathie.

Die Hypoglykämierate war leicht erhöht. Von den Patienten mit Typ-2-Diabetes erlebten in der Lorcaseringruppe 223 Patienten (6,6 %) einen Blutzuckerabsturz gegenüber 199 Patienten (5,8 %) in der Placebogruppe. Bei den Patienten, die mit Insulin oder einem Sulfonylharnstoff behandelt wurden, kam es in der Lorcaserin­gruppe zu 12 schweren Hypoglykämien gegenüber 4 schweren Ereignissen in der Placebogruppe.

Die Ergebnisse belegen laut Einschätzung der Autoren, dass Lorcaserin auch bei einer verhältnismäßig geringen Gewichtsabnahme den Blutzucker senken und die kardiometabolische Gesundheit verbessern kann.

Welche Bedeutung Lorcaserin in der Prävention und Behandlung des Typ-2-Diabetes haben könnte, dürfte unter Experten umstritten bleiben. Das Medikament steht in Konkurrenz zu kostengünstigeren Mitteln wie Orlistat oder Metformin. Auch einige der neueren, aber ebenfalls hochpreisigen Antidiabetika wie SGLT2-Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten können das Körpergewicht reduzieren. Eine deutlich höhere Gewichtsreduktion ist mit der bariatrischen Chirurgie möglich.

Ein gewisser Nachteil von Lorcaserin sind die Nebenwirkungen: In der Studie brachen 7,2 (gegenüber 3,7 in der Placebogruppe) die Behandlung wegen unerwünschter Ereignisse ab. Am häufigsten klagten die Patienten über Schwindel, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Durchfall und Übelkeit.

Xabier Unamuno und Gema Frühbeck von der Universität von Navarra in Pamplona/Spanien vertreten angesichts des Wirkungsmechanismus – Lorcaserin wurde ursprünglich als Antidepressivum entwickelt – die Ansicht, dass das Mittel den größten Nutzen bei Patienten erzielen könnte, die aus primär emotionalen Gründen zu einer vermehrten Nahrungsaufnahme neigen. © rme/aerzteblatt.de

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