NewsPolitikMerkel für Aufarbeitung der Verbrechen in der Siedlung Colonia Dignidad in Chile
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Merkel für Aufarbeitung der Verbrechen in der Siedlung Colonia Dignidad in Chile

Mittwoch, 10. Oktober 2018

Kartoffelkeller der „Villa Baviera“, ehemals Siedlung „Colonia Dignidad“ /dpa

Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich für eine Aufarbeitung der in der Siedlung Colonia Dignidad in Chile begangenen Menschenrechtsverbrechen ausgesprochen. Nach einem Treffen mit dem chilenischen Präsidenten Sebastián Piñera heute im Bundeskanzleramt sagte Merkel, dass sie beide die „Aufarbeitung dieser Verbrechen gerade im Hinblick auch auf die überlebenden Opfer für außerordentlich wichtig erachten“. Sie gehe davon aus, dass „als Ergebnis auch ein Lernort herauskommen könnte“. Grundsätzlich stehe sie dem „positiv“ gegenüber.

Piñera sagte, es herrsche „in zwei großen Punkten“ Übereinstimmung mit Deutschland: bei der „Verurteilung der Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen, die in der Colonia Dignidad begangen wurden“; und „außerdem wollen wir zu einem Abkommen kommen, um ein Dokumentationszentrum oder auch eine Gedenkstätte an dem Ort zu eröffnen, an dem diese Angriffe auf die Menschenrechte verübt wurden“.

Anzeige

In der 1961 gegründeten sektenartigen Siedlung Colonia Dignidad wurden zur Zeit der chilenischen Militärdiktatur von Augusto Pinochet (1973–1990) Menschen vergewaltigt, gefoltert und getötet. Die Siedlung war von dem aus Deutschland geflohenen ehemaligen Wehrmachtsgefreiten und Laienprediger Paul Schäfer nahe der Stadt Parral, rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, gegründet worden. Schäfers Schläger folterten Oppositionelle und bildeten Folterknechte für den chilenischen Geheimdienst aus.

Nach dem Ende der Militärdiktatur häuften sich die Vorwürfe und Anzeigen gegen die Colonia. Es ging um Kindesmissbrauch, aber auch um Steuerhinterziehung, Waffenschmuggel, Freiheitsberaubung und Drogenmissbrauch. 1991 wurde die Siedlung offiziell aufgelöst.

Eine Aufarbeitung ist nicht zuletzt aus juristischen Gründen schwierig: So entschied das Oberlandesgericht (OLG) in Düsseldorf Ende September, dass ein chilenisches Gerichtsurteil gegen den in Deutschland lebenden ehemaligen Arzt der Siedlung, Hartmut Hopp, hierzulande nicht vollstreckt werden dürfe. Das Hopp zur Last gelegte Verhalten reiche nicht aus, um auch nach deutschem Recht eine Strafbarkeit zu begründen. Es sei nicht zulässig, dass er die Strafe in Deutschland verbüße, hieß es.

Der Mediziner war nach Angaben des OLG in einem Prozess in Chile zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt worden, weil er dem früheren Siedlungschef Schäfer Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern geleistet hatte. Nach den getroffenen Tatsachenfeststellungen würden Hopp allerdings keine „konkreten dienlichen Handlungen“ vorgeworfen, betonte das deutsche Gericht.

Dass Hopp der Leitung der Siedlung angehörte und an der Gründung eines Internats mitwirkte, reiche nach deutschen Recht nicht, um eine Beihilfetat zu begründen. Dazu hätte der Beschuldigte konkrete Handlungen „mit unmittelbarem Bezug zu dem organisierten Tatgeschehen“ begehen müssen. Die Feststellungen des chilenischen Gerichts belegten nicht, dass Hopp Schäfer in irgendeiner Weise Missbrauch ermöglicht oder erleichtert habe. © afp/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

20. Februar 2019
Erfurt – Das Bundesarbeitsgericht hat den Freiraum der Kirchen als Arbeitgeber erneut eingeschränkt. Es entschied heute in Erfurt, dass die Kündigung des Chefarztes eines Düsseldorfer katholischen
Bundesarbeitsgericht setzt kirchlichem Arbeitgeber Grenzen
20. Februar 2019
Koblenz – Das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße hat einem Arzt die Herstellung sogenannter Gefrierzellen zur späteren Anwendung bei Menschen zu Recht untersagt. Das entschied das
Oberverwaltungsgericht: Therapie mit Gefrierzellen zu Recht untersagt
18. Februar 2019
Erfurt/Düsseldorf – Nach Scheidung und zweiter Hochzeit die fristlose Kündigung – so erging es dem Chefarzt eines katholischen Krankenhauses in Düsseldorf. Der Grund: Die zweite, standesamtlich
Grundsatzurteil zum Kirchenrecht erwartet
18. Februar 2019
Celle – Eine Patientin mit gerissenem Brustimplantat muss sich an den Kosten der notwendigen Nachbehandlung beteiligen. Das hat das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen im Fall einer 46-Jährigen
Patientin muss sich an Kosten für kaputtes Brustimplantat beteiligen
14. Februar 2019
Augsburg – Weil sie sich mit Spenden für krebskranke Kinder ein luxuriöses Leben gegönnt haben, sind zwei Vereinsvorstände vom Amtsgericht Augsburg zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt worden. Die
Bewährungsstrafen für Veruntreuung von Spenden für krebskranke Kinder
11. Februar 2019
Oldenburg – Als Reaktion auf Vorwürfe des Meineids gegen vier Zeugen im Prozess um Niels H. hat das Klinikum Oldenburg zwei beschuldigte Mitarbeiter freigestellt. Bis zum Abschluss des
Prozess um Niels H.: Klinik suspendiert beschuldigte Mitarbeiter
8. Februar 2019
Ingolstadt – Nach jahrelangen Ermittlungen hat die Justiz die Strafverfahren um Vetternwirtschaft am Klinikum Ingolstadt abgeschlossen. Wie die Staatsanwaltschaft gestern berichtete, haben fünf der 16
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER