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Medizin

WHO sucht nach Maßnahmen gegen hohe Zahl an Kaiserschnitten

Freitag, 12. Oktober 2018

/dpa

Genf – Anlässlich weiter steigender Zahlen von (medizinisch häufig nicht indizierten) Kaiserschnitten hat die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) auf der Jahrestagung der Internationalen Vereinigung für Gynäkologie und Geburtskunde (FIGO) in Rio de Janeiro Empfehlungen vorgelegt, wie die Zahl der Sectiones caesarea auf ein vernünftiges Maß begrenzt werden könnte.

Experten schätzen, dass weltweit jedes Jahr 6,2 Millionen medizinisch nicht begrün­dete Kaiserschnitte durchgeführt werden. Die Hälfte davon entfällt auf China und Brasilien. Vor allem in Lateinamerika ist ein Kaiserschnitt vielerorts die Norm. In der Region werden nach den jetzt im Lancet (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31928-7) veröffentlichten Zahlen 44,3 % aller Kinder per Sectio entbunden, in der Domini­kanischen Republik sind es sogar 58,1 %.

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Diese Zahlen sind nur der landesweite Durchschnitt. Die Entscheidung zum Kaiserschnitt hängt stark von den finanziellen Möglichkeiten und der Bildung ab. In Brasilien entscheiden sich 54,4 % der besser ausgebildeten Schwangeren für die vermeintlich sicherere Schnittentbindung, in bildungsfernen Schichten sind es nur 19,4 %. Die meisten Kaiserschnitte werden in Lateinamerika in Privatkliniken durchgeführt, und man munkelt, dass die dort ausgebildeten Ärzte die Techniken einer vaginalen Geburt gar nicht mehr lernen.

Lateinamerika ist allerdings nicht die einzige Region, in der zu viele und immer mehr Kaiserschnitte durchgeführt werden. In Nordamerika ist der Anteil seit 2000 von 24,3 auf 32 % gestiegen, in Westeuropa von 19,6 auf 26,9 %. Auch in vielen Ländern des islamischen Kulturkreises hat sich ein Kaiserschnitt von einer medizinischen Notwendigkeit zu einem Statussymbol für die Elite entwickelt.

China ist nur regional überversorgt. Der Anteil der Schnittentbindungen liegt dort in einigen Gegenden bei 62 %, in anderen dagegen nur bei 4 % – was einer Unterversorgung gleichkommt. Experten halten einen Anteil von 10 bis 15 % für medizinisch vertretbar. Auch in Indien schwankt der Anteil regional von 6 bis 49 %.

Extrem unterversorgt ist das südliche Afrika. Im Südsudan, dem derzeit ärmsten Land des Kontinents, liegt der Anteil nur bei 0,6 %. Hier sterben weiterhin viele Kinder (und auch Mütter) während der Geburt, weil eine Placenta praevia den Geburtskanal blockiert oder der Fetus durch eine ungünstige Lage nicht vaginal entbunden werden kann. Auch ein fetaler Distress kann ohne Kaiserschnitt schnell zum Tod des Kindes führen.

Weltweit liegt der Anteil der Schnittentbindungen derzeit bei 21 %: 29,7 von 140,6 Millionen Kinder wurden 2015 durch die Bauchdecke entbunden. Im Jahr 2000 waren es erst 16 von 131,9 Millionen, was einem Anteil von 12 % entspricht.

Die Zunahme der Sectiones caesarea hat nach Einschätzung der Experten kulturelle und finanzielle Gründe. Der Wunsch der Frauen ist nicht nur eine Mode, er basiert auch auf einem verbreiteten Unwissen der Frauen, die die vaginale Geburt oft als riskanter einschätzen als sie in Wirklichkeit ist. Über die Risiken eines Kaiserschnitts sind die meisten Frauen gar nicht informiert.

Die von der WHO vorgeschlagenen Maßnahmen richten sich deshalb in erster Linie an die Schwangeren. Die WHO schlägt „Childbirth training workshops“ vor, in denen Frauen die Ängste vor der vaginalen Geburt genommen werden sollen, indem sie beispielsweise über die Möglichkeiten der Schmerzlinderung informiert werden.

Die 2. Maßnahme sind „relaxation training programmes“, also Entspannungs­übungen, die den Frauen die Atemtechniken und andere Hilfsmittel bei der Entbindung lehren sollen. Ein „Psychosocial couple-based prevention programm“, die 3. vorgeschlagene Maßnahme, soll den Vater oder auch andere Bezugspersonen einbeziehen. Frauen mit ausgeprägten Ängsten könnte noch als 4. Maßnahme eine „Psychoeducation“ angeboten werden.

Auf der Seite des Anbieters, also der Kliniken, die an einem Kaiserschnitt besser verdienen als an einer vaginalen Entbindung, könnten nach Einschätzung der WHO evidenzbasierte Leitlinien und bei geplanten Geburten das Einholen einer 2. Meinung helfen, den Wildwuchs zu bekämpfen. Zusätzlich schlägt die WHO noch „caesarean section audits“ vor, in denen Geburtshelfer Rückmeldungen über ihre Indikations­stellung erhalten. 

Weitere Empfehlungen betreffen die Organisation des Gesundheitswesens. Die WHO spricht sich hier für eine stärkere Einbeziehung der Hebammen in der Geburtshilfe aus. © rme/aerzteblatt.de

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