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Medizin

Prognose: Lebenserwartung der Weltbevölkerung steigt bis 2040 weiter an

Mittwoch, 17. Oktober 2018

/creativefamily, stock.adobe.com

Seattle – Die Lebenserwartung der Weltbevölkerung wird bis zum Jahr 2040 um 4,4 Jahre ansteigen. Diese Prognose wagt eine Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) im Lancet (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)31694-5). In einem ungünstigen Szenario könnte es aber in fast der Hälfte der Länder zu einem Rückgang der Lebenserwartung kommen.

Die Zukunft lässt sich bekanntlich schwer vorhersagen. Das gilt insbesondere für die Gesundheit und zwar nicht nur für den Einzelnen sondern auch für die Gesamtbe­völkerung. Wer hätte in den 1970er-Jahren geahnt, dass eine weltweite HIV-Epidemie mit zig Millionen Todesfällen bevorsteht? Andererseits wurde eine Heilung der Hepatitis C bis vor wenigen Jahren nur selten erreicht. Heute scheint sogar eine Eradikation möglich.

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Trotz derartiger Unwägbarkeiten wagt ein Team um Kyle Foreman von der University of Washington in Seattle für das von der Gates-Stiftung geförderte IHME eine Vorhersage. Die Forscher basieren ihre Prognosen auf eine Auswertung der GBD-Studie („Global Burden of Diseases“). Zunächst wurden die Auswirkungen von 250 verschiedenen Faktoren auf die Lebenserwartung analysiert und dann auf die Zukunft projiziert.

Drei Szenarien

Die Forscher machen drei Vorhersagen. Neben den Ergebnissen ihrer Berechnungen (Referenz) werden auch die 15. und die 85. Perzentile als günstiges und ungünstiges Szenario vorgestellt. Nach dem Referenz-Szenario steigt die durchschnittliche Lebenserwartung bei Männern auf 74,3 Jahre und bei Frauen auf 79,7 Jahre. Nach dem günstigen Szenario könnten es bei Männern auch 77,8 Jahre und bei Frauen 82,5 Jahre sein. In dem ungünstigen Szenario würden Männer 0,4 Jahre gegenüber 2016 verlieren, während die Lebenserwartung bei Frauen gleich bliebe.

In dem ungünstigen Szenario hätte die nächste Generation in fast der Hälfte aller Länder eine niedrigere Lebenserwartung als die heutige Generation. Im Einzelnen würden 87 Länder einen Rückgang verzeichnen, bei 57 käme es zu einem Anstieg von einem Jahr oder mehr. Im günstigen Szenario hingegen würde die Lebenserwartung in 158 Ländern um mindestens fünf Jahre steigen, 46 Länder könnten sogar Gewinne von zehn Jahren oder mehr verzeichnen.

CMNN und NCD bestimmen Lebenserwartung

Die Lebenserwartung der Weltbevölkerung wird heute vor allem von CMNN und NCD bestimmt. CMNN sind eine Gruppe von übertragbaren („communicable“, C) und ernährungsbedingten („nutrition", N) Krankheiten sowie der Tod von Mutter („maternal death“ M) oder Kind („neonatal death“, N) bei der Geburt. Diese sind eine häufige Folge von Armut und Hunger, einem nicht-existenten Gesundheitswesen und dem fehlenden Schutz vor Krankheitserregern. NCD („noncommunicable diseases“) steht für nicht übertragbare Erkrankungen und beschreibt in erster Linie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, die eine negative Folge des Wohlstands aber auch der gestiegenen Lebenserwartung sind.

Der globale Trend besteht in einem Rückgang der CMNN und einem Anstieg der NCD. Der Anteil der durch CMNN verlorenen Lebensjahre (YLL) betrug 1980 noch 58,9 Prozent. Im Jahr 2040 wird er nach dem wahrscheinlichsten Szenario weltweit auf 21,4 Prozent sinken. Dem gegenüber steht eine Zunahme der NCD von 29,8 Prozent auf 67,3 Prozent (die übrigen 11,3 beziehungsweise 11,2 Prozent entfallen auf Verletzungen).

CMNN in armen Ländern rückläufig

Die CMNN sind in ärmeren Ländern seit 1980 deutlich zurückgegangen. Die Ausnahme bildet Afrika südlich der Sahara (und Konfliktregionen anderswo). In Afrika südlich der Sahara werden auch 2040 noch 53,6 Prozent der potenziellen Lebensjahre durch CMNN vernichtet werden gegenüber 5,9 Prozent in den reicheren Ländern.

Die Vermeidung von CMNN verspricht in ärmeren Ländern am ehesten eine Zunahme der Lebenserwartung. Die US-Epidemiologen erwarten, dass die Lebenserwartung in Afrika stärker steigt als in anderen Regionen der Erde. Für Äquatorialguinea, Nigeria, Mali und Mosambik wird ein Anstieg um mehr als 9 Jahre erwartet. Die Lebenserwartung der wirtschaftlich am weitesten entwickelten Länder könnten sich wie Ruanda (74,8 Jahre), Nigeria (74,8 Jahre) oder Kenia (73,9 Jahre) den hoch entwickelten Ländern annähern.

Dort leben die Menschen jedoch vielfach ein ganzes Jahrzehnt länger. Die höchste Lebenserwartung werden nach den Projektionen von Foreman im Jahr 2040 die Menschen in Spanien mit 85,8 Jahren haben. Das Land könnte damit Japan (83,7 Jahre) von der Spitze verdrängen.

Die weiteren Positionen könnten belegen: Singapur (85,4 Jahre), die Schweiz (85,2 Jahre), Portugal (84,5 Jahre), Italien (84,5 Jahre), Israel (84,4 Jahre), Frankreich (84,3 Jahre), Luxemburg (84,1 Jahre) und Australien (84,1 Jahre). Deutschland ist nicht unter den Top 10 der Lebenserwartung – weshalb die Studie keine näheren Angaben macht.

Große Gewinne machen neben den ärmsten Ländern Afrikas auch die Schwellenländer Ostasiens. China wird mit 81,9 Jahren (gegenüber 76,3 Jahren in 2016) an den USA vorbeiziehen, wo die Menschen mit 78,9 Jahren im Jahr 2040 nur 1,1 Jahr länger leben werden als im Jahr 2016. Jüngste Zahlen der Centers for Disease Control and Prevention haben ergeben, dass die Lebenserwartung in den USA in den letzten beiden Jahren sogar leicht gesunken ist.

Fünf Auslöser eines vorzeitigen Todes

Die Stagnation erklärt sich aus der Zunahme der Risikofaktoren für die NCD. Zu dieser Gruppe gehören die fünf wichtigsten Auslöser eines vorzeitigen Todes. Dies sind Bluthochdruck, hoher Body-Mass-Index, hoher Blutzucker, Tabakkonsum und Alkoholkonsum. An Position sechs folgt bereits die Luftverschmutzung.

Sie gehören auch in Deutschland zu den wichtigsten Risikofaktoren. Laut den Angaben von Foreman (im Appendix 2) werden in Deutschland im Jahr 2040 schätzungsweise 1,2895 Millionen Lebensjahre durch Zigaretten verloren gehen.

Es folgt mit 976,6 Tausend Jahren ein zu hoher BMI, dann mit 942,9 Tausend Jahren der Alkoholkonsum und mit 746,6 Tausend Jahren der Bluthochdruck, gefolgt von einem erhöhten Nüchtern-Blutzucker mit 632,0 Tausend Jahren, erhöhtem Gesamtcholesterin mit 416,1 Tausend Jahren, Feinstaub mit 343,5 Tausend Jahren.

Auch eine ungesunde Ernährung mit einem zu geringen Verzehr von Obst mit 253,8 Tausend Jahren, zu wenig Vollkornprodukten 223,0 Tausend Jahren und zu wenig Nüssen oder Samen mit 209,4 Tausend Jahren sind in Deutschland ein wichtiger Auslöser für einen vorzeitigen Tod.

© rme/aerzteblatt.de

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