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Medizin

Europäische Kolonialisten haben Tuberkulose­erreger weltweit verbreitet

Donnerstag, 18. Oktober 2018

/dpa

Oslo – Die Linie 4 von Mycobacterium tuberculosis, die für die Mehrzahl der jährlich zehn Millionen Neuerkrankungen und fast zwei Millionen Todesfälle weltweit verantwortlich ist, wurde im Zeitalter der Kolonisation von Europa aus auf andere Kontinente verbreitet. Dies zeigen genetische Analysen in Science Advances (2018; doi: 10.1126/sciadv.aat5869), nach denen die heutigen Resistenzen, die die Therapie zunehmend erschweren, jedoch vor Ort in den einzelnen Ländern entstanden sind.

Die Herkunft der Tuberkulose ist unklar. Die meisten Forscher vermuten, dass der Erreger ursprünglich aus Afrika stammt. Umstritten war lediglich, ob M. tuberculosis schon die ersten Menschen begleitet hat oder ob die Bakterien erst seit 4.000 bis 6.000 Jahren den Menschen infizieren. Die „Lineage 4 TB“ (L4), die wichtigste von sieben Entwicklungslinien des Erregers, könnte wesentlich jünger sein, wie ein internationales Forscherteam um Vegard Eldholm vom Folkehelseinstituttet in Oslo jetzt herausfand.

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Die Forscher verglichen die Genome von 1.669 L4-Proben die zu verschiedenen Zeiten in Europa, Afrika, Südostasien, Süd- und Nordamerika isoliert wurden. Darunter waren auch drei Proben von Mumien aus dem 18. Jahrhundert, die in Ungarn entdeckt wurden. Aus den Daten wurde ein Stammbaum erstellt, der zu einer überraschenden Erkenntnis führte. Alle Isolate ließen sich auf einen gemeinsamen „Vorfahren“ zurückführen, der um das Jahr 1096 n. Chr. in Europa entstand, vielleicht auch hundert Jahre früher oder später (95-Prozent-Konfidenzintervall 955 bis 1231 n. Chr.).

L4 war lange auf die Alte Welt beschränkt. Außerhalb Europas scheint er zuerst in Vietnam aufgetreten zu sein. Der genetische Vergleich der verschiedenen Isolate lässt vermuten, dass er mit den Europäern nach Indochina gelangte, vielleicht sogar mit der ersten Gruppe französischer Missionare um Alexandre de Rhodes im Jahr 1627 n. Chr.

Die nächste Migrationswelle könnte L4 nach Afrika gebracht haben. Die genetischen Varianten sind laut Eldholm zeitlich vereinbar mit dem Eintreffen der Portugiesen im Jahr 1482 n. Chr. an der Goldküste (dem heutigen Ghana). Auch Südamerika wurde parallel mit dem Eintreffen der Spanier mit L4 kolonialisiert. Die „Eroberung“ Nordamerikas erfolgte an der Wende zum 17. Jahrhundert, nachdem die ersten Bakterien vielleicht schon im 16. Jahrhundert mit Siedlern dort eintrafen.

Die Ausbreitung von L4 bedeutet nicht, dass die Tuberkulose zuvor nicht in Asien, Afrika und Amerika existierte. Die dort beheimateten Linien wurden jedoch rasch von den europäischen Kolonialisten an den Rand gedrängt. Eldholm vermutet, dass die Neuankömmlinge aggressiver waren als die Einheimischen.

Heute ist L4 für die meisten resistenten Tuberkulose-Infektionen verantwortlich. Die Resistenzgene sind vermutlich erst zu Beginn der Antibiotika-Ära im vergangenen Jahrhundert entstanden. Sie entwickelten sich vor Ort unter dem Einfluss der Behandlung mit den Tuberkulostatika Isoniazid, Rifampicin, Kanamycin und den Fluorchinolonen.

Die resistenten Bakterien zeigen anders als der Malaria-Erreger Plasmodium falciparum keine Neigung sich auf andere Regionen auszubreiten. Für die Bekämpfung der resistenten Keime ist dies eine gute Nachricht. Wenn es an einem Ort gelingt, die resistenten Keime zu eradizieren, muss nicht mit einem Import aus anderen Ländern gerechnet werden. Es könnten sich allerdings unter dem Einfluss der Therapie jederzeit neue resistente Keime bilden.

© rme/aerzteblatt.de

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