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Medizin

Enzym, das Nikotin im Blut abbaut, könnte Rauchstopp erleichtern

Freitag, 19. Oktober 2018

/VRD, stock.adobe.com

La Jolla/Kalifornien – Ein Enzym, das Nikotin im Blut abbaut, bevor es das Gehirn erreichen kann, hat in einer präklinischen Studie in Science Advances (2018; 4: eaat4751) die körperliche Abhängigkeit gemildert und die Tiere später vor einem Rückfall bewahrt.

Der Nikotingehalt der Zigaretten ist dafür verantwortlich, dass Raucher abhängig werden. Die Sucht ist so stark, dass es nur wenige Raucher aus eigenem Antrieb schaffen, sich der Droge zu enthalten. Auch viele derzeitige Behandlungen zur Unterstützung des Rauchstopps basieren darauf, dass die Patienten sich vorübergehend weiter Nikotin oder nikotinartige Substanzen wie Vareniclin zuführen.

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Ein neuer Ansatz, der derzeit am Scripps Research Institute in La Jolla untersucht wird, besteht in der Gabe eines Enzyms, das Nikotin im Blut abbaut. Das Enzym wurde vor einigen Jahren in dem Bakterium Pseudomonas putida S16 entdeckt. Das Team um Ely Callaway hat die Wirksamkeit und die Pharmakokinetik des Mittels optimiert, so dass es vermutlich nur einmal täglich verabreicht werden muss.

Bei den Ratten erfolgte dies durch Injektion in die Bauchhöhle. Beim Menschen wird vermutlich ebenfalls eine parenterale Gabe erforderlich sein (vielleicht als subkutane Injektion wie beim Insulin). In den tierexperimentellen Studien zeigte NicA2-J1 erstaunliche Eigenschaften. Es ist nicht nur in der Lage, Nikotin abzubauen, auch die Abhängigkeit wurde vermindert.

Weniger Symptome an nikotinfreien Tagen

In einer Versuchsreihe verbrachten die Nager an 12 Tagen jeweils 21 Stunden in einem Käfig, in dem sie sich durch Drücken eines Hebels eine intravenöse Dosis Nikotin verabreichen konnten. Nach wenigen Tagen waren die Tiere abhängig. Nach den 12 Tagen wurde ihnen dann an jedem zweiten Tag das Nikotin vorenthalten. Wie zu erwarten war, kam es an den nikotinfreien Tagen zu Entzugserscheinungen. Dies hatte zur Folge, dass die Tiere an den Tagen, an denen sie Zugang zum Nikotin hatten, die Dosis steigerten.

Ein Teil der Tiere wurde dann mit NicA2-J1 behandelt. Unter der höchsten Dosis war im Blut der Tiere kaum noch Nikotin nachweisbar. Die Tiere führten sich jedoch weiterhin Nikotin zu. Callaway vermutet, dass trotz des fehlenden Nachweises im Blut eine gewisse Menge Nikotin das Gehirn erreicht haben muss. Dies hatte erstaunlicherweise zur Folge, dass die Tiere an den nikotinfreien Tagen weniger unter Entzugssymptomen litten: Die Schmerzschwelle war nicht vermindert (Hyperalgesie) und die Aggressionsbereitschaft (Hyperirritabilität) nicht erhöht.

Dies erscheint zunächst unlogisch, da weniger Droge zu mehr Entzugserscheinungen führen sollte. Die Forscher vermuten jedoch, dass eine geringe Menge Nikotin ausreichen könnte, um die Entzugssymptome zu mildern.

Ein weiteres Kennzeichen der Nikotinabhängigkeit ist die Fortsetzung des Konsums trotz schwerwiegender negativer Folgen. Raucher greifen bekanntlich zur Zigarette, obwohl das Rauchen ihre Lungenfunktion beeinträchtigt und die körperliche Fitness herabsetzt. Auch die langfristigen Risiken – Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen – können sie nicht vom Rauchen abhalten.

Ähnlich reagieren die abhängigen Ratten. Sie führten sich das Nikotin auch dann noch zu, wenn sie in drei von zehn Fällen beim Drücken des Hebels einen schmerzhaften Stromstoß erhielten. Die mit NicA2-J1 behandelten Ratten waren dagegen eher bereit, auf die Zufuhr von Nikotin zu verzichten.

Abschließend untersuchten die Forscher, ob NicA2-J1 einen Rückfall verhindern kann. Beim Menschen sind die Versuchung – bei einer sich bietenden Gelegenheit wird wieder zur Zigarette gegriffen – und Stresssituationen, denen man sich durch eine entspannende Raucherpause entzieht, die wichtigsten Ursachen für einen Rückfall.

Die Versuchung wurde in einem Experiment untersucht, in dem den Tieren nach einer zehntägigen Abstinenz erneut Nikotin angeboten wurde. Unbehandelte Ratten, nahmen die Gelegenheit an und erhöhten dabei gleich noch die Dosis. Bei den mit NicA2-J1 behandelten Ratten war die Neigung zum erneuten Nikotinkonsum geringer ausgeprägt.

Auch vor einem stressinduzierten Rückfall scheinen die Tiere besser geschützt. In einem weiteren Experiment wurde den Tieren das Alkaloid Yohimbin injiziert, das eine motorische Unruhe auslöst. Für die unbehandelten Ratten war dies ein Anlass, sich erneut Nikotin zuzuführen. Die mit NicA2-J1 behandelten Tiere widerstanden dieser Neigung häufiger.

Die Forscher hoffen, aufgrund der vielversprechenden Ergebnisse schon bald mit klinischen Tests beginnen zu können. Zuvor wollen sie allerdings die pharmakologischen Eigenschaften von NicA2-J1 weiter optimieren. Geplant ist außerdem eine Vergleichsstudie mit Vareniclin, das als partieller Agonist eine Nikotin-artige Wirkung im Gehirn erzielt und derzeit als das wirksamste Mittel zur Rauchentwöhnung angesehen wird.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #715180
DrSchnitzler
am Freitag, 2. November 2018, 13:13

Re: Könnte eine einmalige Dialyse das Nikotin aus dem Blut entfernen ?

Die Pharmakokinetik von Nikotin (zB nach Knut-Olaf Haustein, Tabakabhängigkeit, Deutscher Ärzte-Verlag 2001) zeigt, dass es schon spontan über Nacht regelhaft zu einem substanziellen Abklingen des Blutspiegels kommt. Eine Dialyse ist also definitiv nicht erforderlich, und wäre zB wegen der Erfordernis eines großlumigen zentralvenösen Zugangs auch ein völlig unvertretbares Risiko.

Abgesehen davon habe ich (Nephrologe) noch nie Entzugserscheinungen von Nikotin (im Ggs. zu Alkohol) an der Dialyse beobachtet, obwohl einige Dialysepatienten auch rauchen, zT unmittelbar vor der Behandlung. Früher wurde – anekdotisch – zT sogar WÄHREND der Dialyse geraucht, was jedenfalls einem zu niedrigem Blutdruck durchaus entgegenwirkte. Daher erscheint mir eine "Dialysierbarkeit" (ohne Daten zu kennen; auch bei akuten Intoxikationen scheint dies keine Rolle zu spielen?) wenig plausibel bzw. hilfreich.

Abgesehen davon sind (je nach Untersuchung) ca. 30-50% der aktuellen Nichtraucher ehemalige Raucher, die somit von allein das Rauchen drangegeben haben.
Avatar #747495
JohnR
am Freitag, 2. November 2018, 12:16

Könnte eine einmalige Dialyse das Nikotin aus dem Blut entfernen ?

Der Hund beißt sich selbst in den Schwanz : Das im Blut vorhandene Nikotin erzeugt die physische
Abhängigkeit von Nikotin. Wenn die Sucht so stark ist, das man nicht über die Willenskraft vom Nikotin
loskommt, könnte ich mir vorstellen, dass eine einmalige Dialyse das Nikotin (und viele andere Gifte) aus dem Blut entfernt, so dass die Abhängigkeit von Nikotin beendet wird. Mit E-Zigaretten beendet
man die psychische Abhängigkeit vom Rauchen, nicht jedoch die physische Abhängigkeit von Nikotin.
Avatar #731292
cis2000
am Freitag, 26. Oktober 2018, 22:01

Kein Enzym notwendig!

Mit der E-Zigarette braucht man kein Enzym um rauchfrei zu sein!
MfG
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