NewsMedizinKünstliche Intelligenz könnte Therapie­entscheidungen bei Sepsis verbessern
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Künstliche Intelligenz könnte Therapie­entscheidungen bei Sepsis verbessern

Dienstag, 23. Oktober 2018

/Kirill Gorlov, stockadobecom

London – Bekommen Intensivmediziner demnächst einen Kollegen mit künstlicher Intelligenz (AI) zur Seite gestellt, der ihnen zeigt, wie viel Flüssigkeit sie einem Sepsispatienten infundieren und wann der Zeitpunkt für einen Vasopressor gekommen ist? AI Clinician hat in einer retrospektiven Studie in Nature Medicine (2018; doi: 10.1038/s41591-018-0213-5) häufiger als seine menschlichen Kollegen die richtigen Entscheidungen getroffen.

Wenn Infektionen im Körper außer Kontrolle geraten, kommt es zu einer Sepsis. Der Patient ist für den Moment weniger durch den Angriff der Bakterien gefährdet als durch eine inadäquate Reaktion seines Körpers auf die Infektion. Es kommt zu einem schockartigen Zustand, weil das Blut in den Venen „versinkt“ und Flüssigkeit infolge einer erhöhten Permeabilität der Kapillaren ins Gewebe abfließt. Die Versorgung lebenswichtiger Organe ist akut bedroht und das Herz in seiner Pumpfunktion überfordert. Die Gegenmaßnahmen bestehen in Infusionen von Kochsalzlösungen (Volumentherapie) und in der Gabe von positiv inotropen Wirkstoffen (Vasopressoren).

Anzeige

Die Prinzipien der Sepsistherapie sind natürlich jedem Intensivmediziner vertraut, doch die Frage, wie viel Flüssigkeit der Patient benötigt und wann der richtige Zeitpunkt für die Gabe von Vasopressoren gekommen ist, unterliegt häufig dem Fingerspitzengefühl des Klinikers, sprich seiner Erfahrung. Hier könnte die „künstliche Intelligenz“ selbst dem besten Kliniker überlegen sein, meint Anthony Gordon vom Department of Surgery & Cancer am Imperial College London. Ein Intensivmediziner sehe im Verlauf seines Lebens vielleicht 15.000 Sepsispatienten, an denen er sein Gefühl für die richtige Entscheidung schulen kann.

Der AI Clinician, den Gordon zusammen mit dem Computerspezialisten Aldo Faisal programmiert hat, kennt dagegen die Daten von 100.000 Patienten und er „erinnert“ sich an alle Fälle gleichermaßen, während Ärzte anfällig für eine selektive Wahrnehmung seien. Meist seien ihnen kürzlich aufgetretene oder ungewöhnliche Fälle präsent, nicht aber die Gesamtheit aller Patienten, meint Gordon.

Die beiden Wissenschaftler haben die Software AI Clinician zunächst mit den Daten von MIMIC-III „gefüttert“, einer US-Datenbank für Intensivpatienten. An 17.083 Patienten konnte AI Clinician lernen, welche Entscheidungen der Ärzte zum Überleben der Patienten geführt haben könnten und welche vielleicht falsch waren. Dabei konnte die Software auf 48 Variablen zurückgreifen, einschließlich der demografischen Daten der Patienten, dem prämorbiden Status, der Vitalfunktionen und allen Laborwerten. AI Clinician erfuhr, wie viel Flüssigkeit die Patienten erhalten hatten und wann die Entscheidung zur Gabe von Vasopressoren fiel.

Im Anschluss durfte AI Clinician sein Können an einer 2. Datensammlung (eICU Research Institute Database) beweisen. Sie enthält die Daten zu 79.073 Sepsispatienten und es gibt kaum Überschneidungen zu MIMIC-III. Gordon und Faisal ließen AI Clinician zu Beginn der Fälle über die Therapie entscheiden.

In den Fällen, in denen AI Clinician und die Kliniker übereinstimmten, überlebten die Patienten häufiger als in den Fällen, in denen die künstliche Intelligenz abwich. Die künstliche Intelligenz entschied sich dabei vielfach für eine geringere Gabe von Flüssigkeit und für die frühere Gabe von Vasopressoren.

Die beiden Forscher sind sich bewusst, dass eine retrospektive Analyse den Nutzen von AI Clinician nicht abschließend belegen kann. Ein Beweis könnte nur in einer prospektiven Studie erbracht werden, in der Intensivstationen mit und ohne einen AI Clinician gegenübergestellt würden. Dazu müsste die Software in der Lage sein, in Echtzeit ihre Einschätzung abzugeben und sie müsste sich im klinischen Alltag möglicherweise erst das Vertrauen seiner Kollegen erarbeiten. Ob und wann die Software kommerzialisiert werden wird, ist derzeit unklar. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

23. Mai 2019
Paris – Die 36 Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und sechs weitere Länder haben sich auf erste Grundsätze für den Umgang mit künstlicher
42 Staaten einigen sich auf Grundsätze zur künstlichen Intelligenz
15. Mai 2019
München – Künstliche Intelligenz (KI) wird bei psychischen Erkrankungen eingesetzt – doch für die Roboter fehlen bisher umfassende ethische Regeln. Darauf weist eine kürzlich veröffentlichte Studie
Experten: Roboter-Therapeuten brauchen Regeln
13. Mai 2019
Heidelberg – In der Medizin fallen immer größere Datenmengen an, die Mediziner auswerten müssen. Um diesen Prozess zu vereinfachen, wurden am Universitätsklinikum Heidelberg 2013 das Institut für
„Wir wollen Prozesse umdenken und losgelöst von bisherigen Limitationen digital gestalten“
9. Mai 2019
Berlin – Drucker produzieren menschliches Gewebe, Genscheren verhindern Erbkrankheiten und Nachrichten über angeblich genmanipulierte Babys in China sorgen für Aufregung. Was noch vor wenigen Jahren
Tsunami an medizinischen Innovationen könnte Strukturprobleme verursachen
9. Mai 2019
Berlin – Die Datenethikkommission der Bundesregierung hat heute in Berlin über Herausforderungen der Digitalisierung beraten. „Unsere digitale Zukunft bietet großartige Chancen. Um aber die möglichen
Datenethikkommission berät über Herausforderungen der Digitalisierung
26. April 2019
Boston – Was derzeit noch an Kraftfahrzeugen im Straßenverkehr getestet wird, könnte in Zukunft auch im Herzkatheterlabor möglich sein. US-Forscher haben einen autonomen Roboterkatheter entwickelt,
Roboterkatheter findet Weg zur Aortenklappe von alleine
25. April 2019
Freiburg – Ophthalmologen des Universitätsklinikums Freiburg haben eine Software entwickelt, die Zellaufnahmen der Hornhaut genauso präzise, jedoch weit schneller auswertet als ein Arzt. Die Studie
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER