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Digitalisierung in Arztpraxen noch ausbaufähig

Dienstag, 23. Oktober 2018

/megaflopp, stockadobecom

Berlin – Eine von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) beim IGES Institut in Auftrag gegebene repräsentative Studie hat erstmals untersucht, wie weit die Digitalisierung mittlerweile Einzug in Arzt- und Psychotherapeutenpraxen gehalten hat. Im Rahmen der Erhebung „PraxisBarometer Digitalisierung“ wurden hierfür mehr als 1.750 niedergelassene Ärzte und Psychotherapeuten befragt.

Aus der Studie, deren Ergebnisse die KBV am Dienstagvormittag präsentierte, geht hervor, dass in vielen Bereichen der Verbreitungsgrad digitaler Anwendungen inzwischen recht hoch ist. Danach haben 73 Prozent der befragten Praxen ihre Patientendokumentation mehrheitlich oder vollständig digitalisiert. Terminplanung und Wartezimmermanagement sind bei 56 Prozent der Praxen weitgehend digitalisiert. Rund 60 Prozent der Hausärzte nutzen eine digitale Anwendung, um Arzneimittelwechselwirkungen zu erkennen. Drei Viertel der großen, meist interdisziplinär besetzten Praxen setzen beispielsweise Programme für die Raumplanung und Gerätenutzung ein.

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Daneben gibt es aber in einigen Bereichen noch Handlungsbedarf: So sind zwar in 74 Prozent der vertragsärztlichen Praxen medizintechnische Geräte mit digitalen Schnittstellen vorhanden, aber in 37 Prozent der Praxen gibt es keine oder nur teilweise eine Verbindung der Geräte zum Praxisverwaltungssystem (PVS), weil standardisierte Schnittstellen fehlen. Auch nutzen der Studie zufolge bislang nur 14 Prozent der Arztpraxen telemedizinische Anwendungen. Bei den Hausarztpraxen sind es immerhin schon 21 Prozent.

Innerärztliche Kommunikation weitgehend noch papierbasiert

Auch bei der digitalen Kommunikation mit anderen medizinischen Einrichtungen gibt es noch viel zu tun. So kommunizieren 86 Prozent der Ärzte immer noch mehrheitlich oder komplett in Papierform mit anderen Ärzten und Psychotherapeuten, bei der Kommunikation mit Krankenhäusern sind dies sogar 94 Prozent. Entsprechend selten werden auch behandlungsrelevante Daten wie etwa Bilder, Arztbriefe und Befunddaten derzeit elektronisch ausgetauscht, hier liegen die Zahlen zwischen elf bis 17 Prozent. Beim Empfang von Labordaten sind immerhin 69 Prozent der vertragsärztlichen Praxen digital unterwegs.

Psychotherapeuten zurückhaltend bei elektronischer Patientenakte

37 Prozent aller Praxen wären nach der Umfrage bereit, eine einrichtungsübergreifende elektronische Patientenakte (ePA) zu nutzen. Bei spezialisierten, interdisziplinär ausgerichteten Facharztpraxen sind dies sogar etwa die Hälfte, wohingegen bei psychotherapeutischen Praxen die Bereitschaft zur Nutzung bei lediglich 21 Prozent liegt.

„Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten, die Zukunft sinnvoll, also patientengerecht, zu gestalten“, betonte KBV-Vorstandsmitglied Thomas Kriedel. Chancen liegen dafür nach Einschätzung der Ärzte und Psychotherapeuten beispielsweise in elektronischen Medikationsplänen (54 Prozent), Notfalldatensätzen (49 Prozent) und digitalen Verordnungen (44 Prozent). Darüber hinaus könnten nach Meinung der Befragten auch der digitale Mutter- beziehungsweise Impfpass (43 Prozent) und einrichtungsübergreifende digitale Patientenakten (38 Prozent) dazu beitragen, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern.

Digitale Muster bislang wenig genutzt

Die Digitalisierung müsse Abläufe vereinfachen, nicht komplizierter machen, hob Kriedel hervor.  So nutzten beispielsweise derzeit nur wenige Ärzte die Möglichkeit digitaler Muster und Bescheinigungen der ambulanten Versorgung. Ein Grund hierfür sei, dass die Krankenkassen bislang auf einer verpflichtenden elektronischen Signatur mittels elektronischen Heilberufsausweises (eHBA) bestünden. „Aus unserer Sicht ist eine solche Signatur jedoch nur in bestimmten Fällen zwingend erforderlich, erklärte Kriedel. „Hier würden wir uns mehr Pragmatismus aufseiten der Krankenkassen, aber auch des Gesetzgebers wünschen.“

Die KBV unterstütze die Entwicklung aller digitalen Anwendungen, die für Patienten, Ärzte und Psychotherapeuten Mehrwerte brächten, so Kriedel. Nach dem PraxisBarometer erwarten die befragten Ärzte und Psychotherapeuten unter anderem mögliche Zeitersparnisse durch Prozessoptimierungen im Praxismanagement und in der Kommunikation mit anderen Ärzten und Krankenhäusern (jeweils 60 Prozent). Als sehr hilfreich bewertet mehr als die Hälfte den E-Arztbrief.

„Wir sehen: Digitalisierung ist kein Allheilmittel und kein Selbstzweck. Es kommt auf planvolle Umsetzung, sinnvolle Einbettung und Funktionalität im Praxisalltag an“, lautete das Fazit des KBV-Vorstandsvorsitzenden Andreas Gassen. Gründe für die mangelnde Digitalisierung in einigen Bereichen liegen auch bei der Industrie. „Die Qualität der meisten PVS-Systeme ist unterirdisch“, kritisierte Gassen. Zudem müssten alle Maßnahmen im Rahmen der Digitalisierung idealerweise den Arzt entlasten und Zeit schaffen, die der eigentlichen Arbeit mit den Patienten zugutekommt, erläuterte er.

Vorbehalte aus verschiedenen Gründen

Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. So offenbarte die Umfrage auch Sorgen und Befürchtungen der Ärzte und Psychotherapeuten im Hinblick auf die Digitali­sierung. Rund 44 Prozent der Befragten äußerte danach ernsthafte Zweifel, ob sie durch die Digitalisierung wirklich mehr Zeit für ihre Patienten haben. „Deshalb sind Zwangsmaßnahmen auch der falsche Weg“, meinte Gassen. Als weitere mögliche Hemmnisse wurden vor allem die IT-Sicherheit (78 Prozent) und die Fehleranfälligkeit der elektronischen Datenverarbeitung (43 Prozent) genannt.

„Die Industrie muss den Praxen sichere, funktionale und bezahlbare Lösungen bieten, so können auch Skeptiker überzeugt werden. Digitalisierung soll ärztliches Handeln unterstützen, nicht beeinträchtigen“, meinte auch Kriedel. Hinzu kommt: „Bisher zahlen die Ärzte selbst für den zeitlichen und personellen Aufwand, der für Digitalisierungs­maßnahmen betrieben wird. Hier sind zusätzliche finanzielle Mittel erforderlich.“ Außerdem müsse der Breitbandausbau weiter vorangetrieben werden und der Gesetzgeber Normen vorgeben, um eine Interoperationalität der Systeme zu erreichen.

Das PraxisBarometer Digitalisierung ist laut KBV die bislang umfassendste Befragung von Ärzten und Psychotherapeuten zum Stand der Digitalisierung. Sie soll in den kommenden Jahren regelmäßig wiederholt werden. © KBr/aerzteblatt.de

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