NewsMedizinCefiderocol: Neues Antibiotikum soll als „trojanisches Pferd“ Resistenzen umgehen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Cefiderocol: Neues Antibiotikum soll als „trojanisches Pferd“ Resistenzen umgehen

Freitag, 26. Oktober 2018

/psdesign1, stockadobecom

Florham Park/New Jersey – Ein neuartiges „siderophores“ Cephalosporin, das mit einem Eisentransporter in das Bakterium gelangt und dabei gleich mehrere Resistenzmechanismen umgeht, hat in einer Phase-2-Studie in Lancet Infectious Diseases (2018; doi: 10.1016/S1473-3099(18)30554-1) bei urogenitalen Infektionen den Test der Noninferiorität gegenüber einer Standardbehandlung mit Imipenem-Cilastatin bestanden.

Gramnegative Bakterien haben 3 verschiedene Resistenzmechanismen entwickelt, um sich dem Angriff von Cephalosporinen zu entziehen. Durch Mutationen im Porin-Gen verhindern sie, dass die Antibiotika über Poren in die Bakterien gelangen. In der Bakterienzelle selbst werden die Antibiotika durch Enzyme (Betalaktamasen) abgebaut oder mithilfe von Effluxpumpen abtransportiert.

Anzeige

Das japanische Pharmaunternehmen Shionogi Seiyaku hat die Struktur des Cephalosporins modifiziert, damit es sich wie ein trojanisches Pferd den Resistenzmechanismen entziehen kann. Dazu wurde das Molekül um ein Katechol erweitert, das wie ein Chelat freies Eisen bindet. Für den Eintritt in das Bakterium nutzt S-649266 oder Cefiderocol dann den aktiven Eisentransporter, der für die Bakterien unverzichtbar ist, weil ihr Stoffwechsel auf das Eisen angewiesen ist. Cefiderocol ist zudem resistent gegenüber allen Betalaktamasen, und es kann nach Auskunft des Herstellers auch nicht über die Effluxpumpen entfernt werden. 

Nachdem In-vitro-Studien auf eine gute Wirkung gegen eine Reihe von gramnegativen Bakterien, darunter resistente A. baumannii, P. aeruginosa und S. maltophilia, hingewiesen hatten, und da in den vorklinischen Studien keine Sicherheitsbedenken aufgetreten waren, wurde Cefiderocol in einer Phase-2-Studie getestet.

An der Studie nahmen 448 Erwachsene teil, die unter einer komplizierten Harnwegs­infektion oder unter einer unkomplizierten Pyelonephritis litten. Die Patienten erhielten in 67 Kliniken in 13 Ländern über 7 bis 14 Tage 3 tägliche Infusionen mit Cefiderocol (300 Patienten) oder mit Imipenem-Cilastatin (148 Patienten).

Bei 252 Patienten in der Cefiderocol-Gruppe und bei 119 Patienten in der Imipenem-Cilastatin-Gruppe war ein gramnegatives Bakterium nachgewiesen worden. Bei der Mehrheit der Teilnehmer war dies E. coli, K. pneumoniae oder P. aeruginosa: Etwa die Hälfte der K.-pneumoniae-Isolate waren resistent gegen Cefepim und Levofloxacin, ein Drittel der E.-coli-Isolate war unempfindlich auf Levofloxacin und mehr als ein Zehntel der E.-coli-Isolate reagierte in der Resistenztestung nicht auf Cefepim.

Wie Simon Portsmouth von Shionogi in Florham Park, New Jersey und Mitarbeiter berichten, erreichten in der Cefiderocol-Gruppe 73 % der Patienten den primären Endpunkt, einer Kombination aus klinischer Besserung und mikrobiologischem Ansprechen gegenüber 55 % in der Imipenem-Cilastatin-Gruppe. Cefiderocol erzielte demnach eine bessere Wirkung als eine derzeitige Standardtherapie. Die Differenz von 18,58 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 8,23 bis 28,92 Prozentpunkten signifikant und sie erfüllte das vorgegebene Noninferioritäts-Kriterium.

Cefiderocol wurde von den meisten Patienten gut vertragen. Unerwünschte Ereignisse traten bei 122 von 300 Patienten (41 %) in der Cefiderocol-Gruppe gegenüber bei 76 von 148 Patienten (51 %) in der Imipenem-Cilastatin-Gruppe auf. Am häufigsten kam es zu gastrointestinalen Störungen wie Durchfall, Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen. Sie traten in der Cefiderocol-Gruppe bei 35 Patienten (12 %) und in der Imipenem-Cilastatin-Gruppe bei 27 Patienten (18 %) auf. 14 Patienten (5 %) in der Cefiderocol-Gruppe und 12 Patienten (8 %) in der Imipenem-Cilastatin-Gruppe erlitten mindestens ein schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis. Am häufigsten war dies eine C.-difficile-Infektion.

Der Hersteller hat inzwischen mit 2 Phase-3-Studien begonnen (CREDIBLE-CR und APEKS-NP), nach deren erfolgreichem Abschluss es zu einer Zulassung des neuen Wirkstoffes kommen dürfte, zumal die US-Arzneimittelbehörde FDA die Latte für die Neuzulassung von Antibiotika jüngst gesenkt hat. Ob das Antibiotikum in der Klinik tatsächlich die Behandlung von resistenten Infektionen verbessert oder ob sich rasch neue Resistenzmechanismen entwickeln, lässt sich nicht vorhersagen. Alle Experten sind sich jedoch einig, dass dringend neue Antibiotika benötigt werden. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Mai 2019
Köln – Hygiene- und Infektionsexperten halten das Auftreten eines gefährlichen Bakteriums in einer Kölner Radiologiepraxis für dramatisch. Sollte sich bestätigen, dass sich mindestens 28 Patienten in
Hygieneprobleme könnten Infektionen mit Pseudomonas-Erreger in Kölner Praxis verursacht haben
14. Mai 2019
Oxford – Die intravenöse Einmalgabe von Amoxicillin-Clavulansäure hat in einer randomisierten Studie das postpartale Infektionsrisiko nach einer vaginal-operativen Entbindung deutlich gesenkt. Die im
Antibiotikaprophylaxe senkt Infektionsrisiko nach Entbindung mit Geburtszange oder Saugglocke
9. Mai 2019
Berlin – Vertreter von Politik und Arzneimittelindustrie sprechen derzeit darüber, wie die Produktion von Arzneimitteln, insbesondere von Antibiotika, wieder nach Europa zurückgeholt werden kann. „Das
Politik will Antibiotikaproduktion nach Europa zurückholen
9. Mai 2019
Washington – Die Zeiten, in denen Patienten unnötig starke Antibiotika einnehmen, könnten dank eines neuen Schnelltests womöglich bald vorbei sein. Wissenschaftler der US-Universität Penn State
US-Forscher entwickeln Schnelltest zur Erkennung bakterieller Infekte
30. April 2019
Genf – In der Diskussion um Antibiotikaresistenzen verschärft sich der Ton: Eine Koordinierungsgruppe der Vereinten Nationen (UN Interagency Coordination Group on Antimicrobial Resistance) spricht bei
Antibiotikaresistenzen: Expertengruppe der Vereinten Nationen schlägt Alarm
26. April 2019
New Orleans – Frauen, die über einen längeren Zeitraum Antibiotika einnehmen, erkranken später häufiger an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einem Herzinfarkt. Dies kam in einer prospektiven
Längere Antibiotikatherapie könnte kardiale Risiken erhöhen
18. April 2019
Hamburg – Die Ärzte in Deutschland haben in den vergangenen Jahren weniger Antibiotika verordnet. Das berichtet der Landesverband Nordwest der Betriebskrankenkassen (BKK) auf der Basis von Zahlen des
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER