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Medizin

Ethnische Unterschiede stellen evolutionäres „Geburtsdilemma“ infrage

Montag, 29. Oktober 2018

/dpa

London – Die Ausmaße des knöchernen Geburtskanal, dessen Enge die Anthropologen als schmerzhaften Kompromiss zwischen den Erfordernissen des aufrechten Gangs und der evolutionären Größenzunahme des Gehirns betrachten, sind sehr viel varianten­reicher, als bisher angenommen, wie eine Studie in den Proceedings of the Royal Society B (2018; doi: 10.1098/rspb.2018.1807) zeigen.

Die Geburt ist für den Menschen vermutlich schmerzhafter als für andere Primaten. Schuld ist ein enger Geburtskanal, den das Neugeborene nur unter Risiken für sich und die Mutter passieren kann. Geburten sind für den Menschen gefährlicher als für Prim­aten und erfordern in der Regel die Assistenz eines Geburtshelfers.

Den Grund sehen Anthropologen zum einen in dem im Vergleich zu den Affen vergrößerten Gehirn. Zum anderen bewegt sich der Mensch als einziger Primat ausschließlich aufrecht auf 2 Beinen fort, was einen engen Abschluss des Beckens nach unten erfordert. Der US-Anthropologe Sherwood Washburn prägte dafür 1960 den Begriff des Geburtsdilemmas („obstetrical dilemma“), der zur offiziellen Lehrmeinung geworden ist. 

Zur Lehrmeinung gehört auch, dass dieses Geburtsdilemma nur eine einzige Lösung ermöglicht, die heute in allen Anatomiebüchern abgebildet ist. Der obere Eingang des Geburtskanals ist oval mit einer größeren transversalen Ausdehnung. Er nimmt dann in der Mitte eine eher runde Form an, um sich am Ausgang wieder in transversaler Richtung oval zu öffnen.

Dabei wurde offenbar völlig übersehen, dass das Becken bei Frauen aus anderen Erdteilen anders geformt ist. Die Anthropologin Lia Betti von der University of Roehampton in London und die Zoologin Andrea Manica von der Universität Cambridge haben 348 weibliche Skelette aus 24 verschiedenen Regionen der Erde verglichen. Sie stellten fest, dass die ovale Form beim Eintritt in das knöcherne Becken bei den indigenen Amerikanerinnen wesentlich ausgeprägter ist als bei den Frauen europäischer Herkunft. Frauen aus Schwarzafrika und Asien haben dagegen häufiger einen runden Beckeneingang.

Der Ausgang des Beckens ist bei Subsahara-Afrikanerinnen und den Asiatinnen dagegen tendenziell sagittal oval, während er bei den Indianerinnen wie bei den Europäerinnen transversal oval ist. 

Die Unterschiede sind insgesamt nicht sehr groß. Sie stellen allerdings nach Ansicht von Betti und Manica die Hypothese des Geburtsdilemmas infrage. Die Form des Geburtskanals lasse sich nicht allein als Kompromiss zwischen Hirnwachstum und aufrechtem Gang erklären. Es habe offenbar noch andere Einflüsse gegeben. Dazu könnten klimatische Faktoren gehören. In kälteren Regionen könnten sich breitere Becken ausgebildet haben, da sich mit ihnen die Körperwärme leichter speichern lässt. Damit ließen sich allerdings nur die Varianten beim Beckeneingang, nicht aber beim Beckenausgang erklären.

Betti und Manica bevorzugen eine einfachere Erklärung: Den Zufall. Bei der Migration der Menschheit sei es wiederholt zu Engpässen („Bottleneck“) in der Bevölkerungs­entwicklung gekommen. Seuchen könnten die Zahl der Menschen vorübergehend auf wenige Überlebende dezimiert haben, die dann als Gründer („Founder“) ihre aus evolutionärer Sicht zufälligen Merkmale an die Nachfahren weitergegeben haben.

Die heutigen Probleme mit der Geburt könnten noch andere Gründe als die Ausgestaltung des weiblichen Beckens haben. Jonathan Wells vom University College London vermutet, dass Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Den Anfang der schmerzhaften Geburt vermutet der britische Anthropologe am Übergang zur Agrarwirtschaft während der neolithischen Revolution.

Der Wechsel auf eine kohlenhydratreiche Nahrung könnte das fetale Wachstum gefördert haben, während die Körpergröße der Frauen abgenommen hat (ein Trend, der sich inzwischen jedoch umgekehrt hat). Eine weitere Verschärfung habe dieser Trend mit der Entwicklung energie-dichter Nahrungsmittel im letzten Jahrhundert erfahren. Adipöse Frauen haben häufiger makrosome Kinder, die oft nur noch durch Kaiserschnitt geboren werden können. © rme/aerzteblatt.de

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