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Gemordet wegen positiver Rückmeldung auf Wiederbelebungen

Dienstag, 30. Oktober 2018

Die Anklagebank mit dem Sitzplatz des Angeklagten Nils H. steht im zum Gerichtssaal umfunktionierten Festsaal der Weser-Ems-Hallen. /dpa

Oldenburg – Der Prozess vor dem Landgericht Oldenburg um die beispiellose Mord­serie des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. an Intensivpatienten hat heute mit einem Geständnis begonnen. Der bereits wegen mehrerer Taten zu lebenslanger Haft verurteilte 41-Jährige räumte ein, die ihm vorgeworfenen 100 Taten begangen zu haben.

„Ja“, sagte H. auf die Frage des Gerichts, ob die Vorwürfe zuträfen. Er habe Menschen durch Medikamente in lebensbedrohliche Zustände versetzt und anschließend wiederbelebt, um dadurch den Respekt seiner Kollegen zu erringen. Er habe die Taten wegen der „positiven Rückmeldung“ begangen, gab H. an.

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Prozesstermine bis Mai 2019

Der bereits wegen sechs Taten zu lebenslanger Haft verurteilte Angeklagte muss sich wegen 100 weiterer mutmaßlicher Morde verantworten, die bei späteren syste­matischen Ermittlungen aufgedeckt wurden. Für den Prozess sind Termine bis Mai 2019 angesetzt. Mehr als 120 Angehörige nehmen als Nebenkläger an dem Verfahren teil, das aus Platzgründen in die Weser-Ems-Hallen verlegt wurde. Die Nebenläger kritisieren die zögerlichen Ermittlungen der Justiz und das Wegschauen der Kliniken in dem Fall scharf.

Allein die Verlesung der umfangreichen Anklageschrift dauerte weit mehr als eine Stunde. H. habe „aus niederen Beweggründen sowie heimtückisch“ getötet, um seinen Fähigkeiten zur Wiederbelebung von Patienten gegenüber seinen Kollegen und Vorgesetzten „zu präsentieren“ und „seine Langeweile zu bekämpfen“, fasste Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann zusammen.

Medikamentengabe ohne ärztliche Anordnung

H. soll Patienten während seiner Dienstzeiten auf Intensivstationen jahrelang ohne ärztliche Anordnung verschiedene Medikamenten verabreicht haben, um lebensbedrohliche Herz- oder Kreislaufkomplikationen auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Viele der Opfer im Alter von 34 bis 96 starben.

2005 wurde er entlassen und kurz darauf festgenommen, weil ihn eine Kollegin bei einer Tat beobachtete. In einem ersten Prozess wurde er dafür 2008 verurteilt, ein zweites Verfahren wegen fünf weiterer Fälle folgte 2014 bis 2015. Dabei gestand er überraschend weitere Morde.

Erst danach kamen systematische Ermittlungen in Gang, drei Jahre lang nahm eine Sonderkommission alle Todesfälle während seiner Tätigkeit an den beiden Kliniken unter die Lupe. Zahlreiche Verstorbene wurde exhumiert und auf Medikamen­tenrückstände untersucht. Das Ergebnis der Ermittlungen ist der nun beginnende dritte Prozess.

Ob H. eventuell noch weitere Morde beging, lässt sich nach Einschätzung der Ermittler nicht abschließend sagen. Viele verstorbene frühere Klinikpatienten wurden feuerbestattet. Wie glaubwürdig seine Geständnisse sind, ist unklar. Trotz interner Verdachtsmomente konnte H. lange ungehindert weiter töten. Mehrere Verantwortliche der Krankenhäuser sind deshalb inzwischen separat angeklagt.

Vertreter der Angehörigen reagierten überrascht auf H.s erstes öffentliches Geständnis und dessen Aussagen zu seiner Gemütsverfassung während seiner beruflichen Anfangszeit, die seinen Angaben nach bereits schnell von hohem Stress auf den Intensivstationen gekennzeichnet war. „Heute sieht er wie ein kleiner verletzlicher Massenmörder aus“, sagte deren Sprecher Christian Marbach. H. stehe wegen des Prozesses „zu Recht unter hoher persönlicher Belastung“. Ein Geständnis zum Auftakt habe er nicht erwartet, sagte Marbach. Es eröffne die Chance, bei der Aufarbeitung „einen großen Schritt zu machen“.

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann, der bereits in den ersten beiden Prozessen gegen H. verhandelt hatte, versprach den Angehörigen Aufklärung. Das Gericht werde alles dazu tun, was es könne. Ob angesichts des komplexen, lange zurückliegenden Geschehens die vollständige Wahrheit gefunden werde könne, sei ungewiss. „Aber wir werden danach suchen, das verspreche ich.“

Länderübergreifende, einheitliche Sicherheitsvorkehrungen für Krankenhäuser gefordert

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, forderte die Bundesregierung auf, aus dem Fall klare Konsequenzen zu ziehen. „Trotz der größten Mordserie der Nachkriegsgeschichte bleiben Bund und Länder weitestgehend tatenlos. Es fehlen bundesweite Anstrengungen, um solche Einzeltäter rechtzeitig zu stoppen. Das ist unerträglich“, sagte Brysch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Brysch verlangte länderübergreifende, einheitliche Sicherheitsvorkehrungen für alle 2.000 deutschen Krankenhäuser und 13.600 Pflegeheime. Dazu zählte er Anlaufstellen für anonyme Hinweisgeber, eine lückenlose, standardisierte und elektronische Kontrolle der Medikamentenabgabe sowie amtsärztliche, zertifizierte Leichenschauen. Brysch forderte außerdem Schwerpunktstaatsanwaltschaften und zentrale Ermittlungsgruppen bei der Polizei. Morde wie die von Niels H. könnten überall passieren. © afp/kna/aerzteblatt.de

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