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Politik

Transplantations­beauftragte sollen gestärkt werden

Mittwoch, 31. Oktober 2018

/dpa

Berlin – Mit besseren Organisationsstrukturen und besserer Vergütung für die Krankenhäuser will die Bundesregierung die Zahl der Organspenden in Deutschland erhöhen. Das Kabinett verabschiedete dazu heute einen Gesetzentwurf von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU).

Das Gesetz soll in der ersten Jahreshälfte 2019 in Kraft treten. Zuvor muss der Bundestag noch zustimmen. Im Bundesrat ist die Reform nicht zustimmungspflichtig. „Ich werde dafür werben, dass der Bundestag dieses Gesetz nun zügig berät“, erklärte Spahn heute nach dem Kabinettsbeschluss vor Journalisten in seinem Ministerium.

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Im Details sieht das Gesetz vor, dass die Transplantationsbeauftragten in den Kliniken mehr Zeit für ihre Arbeit und intern eine stärkere Stellung erhalten. Der Gesetzentwurf enthält verbindliche Vorgaben für ihre Freistellung im Krankenhausbetrieb. Dabei soll die Dauer der Freistellung an die Zahl der Intensivbehandlungs- beziehungsweise Beatmungsbetten in den Entnahmekrankenhäusern gekoppelt werden.

Konkret vorgesehen ist ein Stellenanteil von 0,1 Stellen je 10 Intensivbehand­lungsbetten. Bei 100 Intensivbetten in einem Krankenhaus müsste demnach ein Arzt komplett für die Arbeit als Transplantationsbeauftragter freigestellt werden. Informationen des Statistikportals Statista zufolge lag die durchschnittliche Intensivbettenanzahl in Krankenhäusern im Jahr 2016 bei 20 Betten. In Häusern mit mehr als 600 Betten waren es rund 57 Intensivbetten.

Korrekte Mittelverwendung muss nachgewiesen werden

In Entnahmekrankenhäusern, die Transplantationszentren sind, muss die Freistellung dem Gesetzentwurf zufolge eine ganze Stelle betragen. Hat ein Entnahmekrankenhaus mehr als eine Intensivstation, soll für jede dieser Stationen ebenfalls mindestens ein Transplantationsbeauftragter bestellt werden. Der Aufwand wird dem Ministerium zufolge vollständig refinanziert; die korrekte Mittelverwendung durch die Entnahmekrankenhäuser muss nachgewiesen werden.

Außerdem sind Transplantationsbeauftragte künftig auf den Intensivstationen hinzuzuziehen, wenn Patienten nach ärztlicher Beurteilung als Organspender in Betracht kommen. Sie bekommen ein Zugangsrecht zu den Intensivstationen und müssen alle erforderlichen Informationen erhalten können, um das Spenderpotenzial beurteilen zu können. Zudem müssen Transplantationsbeauftragte für fachspezifische Fort- und Weiterbildung freigestellt werden. Die Kosten haben die Krankenhäuser zu tragen.

Bundesweit beratender neurologischer Bereitschaftsdienst

Auch kleine Krankenhäuser sollen Organe bei Verstorbenen entnehmen können. Damit der Hirntod auch in diesen Kliniken festgestellt werden kann, sieht der Entwurf einen bundesweiten beratenden neurologischen Bereitschaftsdienst vor. Geplant ist zudem, dass die Krankenhäuser für Organspenden und das Vorhalten der Infrastruktur besser bezahlt werden. Schließlich soll ein flächendeckendes Berichtssystem offenlegen, ob die Kliniken tatsächlich die Chancen für Organspenden wahrnehmen. Auch Angehörige sollen besser betreut werden.

Spahn erklärte, das Hauptproblem bei der Organspende sei nicht die Spendebereit­schaft. „Die hat in den vergangenen Jahren sogar zugenommen.“ Ein entscheidender Schlüssel liege bei den Kliniken. „Ihnen fehlen häufig Zeit und Geld, um mögliche Organspender zu identifizieren.“

Grünen kritisieren fehlendes Register für Organspendeerklärungen

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Kirsten Kappert-Gonther erklärte, der Gesetzentwurf beinhalte „notwendige Stellschrauben“. Es sei aber unerklärlich, warum die Bundes­regierung nicht von ihrer Kompetenz gebrauch mache und ein zentrales Register für Organspendeerklärungen einrichte. „Hier muss der Ge­sund­heits­mi­nis­ter noch nachlegen.“ Dringend notwendig sei außerdem, dass das Thema Organspende in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung gestärkt wird.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz betonte, es sei zwar wichtig, die Organisation und Strukturen der 1.250 Krankenhäuser mit Intensivstation zu stärken. „Jedoch müssen dabei stets die Patientenrechte gewahrt bleiben“, mahnte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Deshalb sei es nicht zu akzeptieren, dass Transplantationsbeauftragte schon vor der Feststellung des Hirntodes uneingeschränkt Einsicht in die Patientenakten nehmen dürften, kritisierte Stiftungsvorstand Eugen Brysch mit Blick auf den Gesetzentwurf. © kna/afp/may/bee/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 1. November 2018, 11:19

Dilemmata ohne öffentlichen Diskurs!

M.E. bestehen Unehrlichkeiten und mangelnde Orientierungen in der Transplantationsmedizin:

Ursache mangelnder Organspende-Bereitschaft ist u.a. die fehlende gesellschaftspolitische Debatte über bio-psycho-sozialen Auswirkungen der Transplantationsmedizin.

Bei möglichst lebensfrischen, transplantablen Spenderorganen mit zu Recht geforderten, guten Erfolgsaussichten bei den Organempfängern kann es keine "postmortale", sondern nur eine p e r i m o r t a l e Organspende mit einer gesellschaftlich konsentierten Hirntod-Feststellung geben.

Verantwortliche Fachärzte-Teams, die den Hirntod feststellen sollen, bzw. die Organ-Ex-, -Trans- bzw. -Implanteure, deren chirurgisch-fachliche Qualifikation ich keinesfalls angreifen möchte, bewegen sich auf einem denkbar schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Es geht um Minuten zwischen Hirntodfeststellung, Entscheidungsfindung und Transplantations-Geschehen.

"Mehr Organspende-Bereitschaft wagen"?
Wenn man "mehr Organspende-Bereitschaft wagen" will, geht das nur mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft, Selbst-Reflexion, Nachhaltigkeit, Perspektive, Mut u n d Offenheit. In einer säkularen Gesellschaft sind eine "Wiedergeburt" (Transplantationsmediziner Prof. E. Nagel) ebenso wie eine "moralisch-ethische Pflicht zur Organspende" oder ein "Ja" oder "Nein" ebenso spekulativ wie appellativ unwirksam.

Allein die nicht nur von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn, sondern auch von unserer Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, in die Debatte geworfene "Widerspruchslösung", nach der Jede(r) quasi von Geburt an potenzieller Organspender wäre und bleiben solle, wenn er nicht ausdrücklich widerspräche, reflektiert einen der verfassten Demokratie unwürdigen Fundamentalismus.

Die Widerspruchslösung offenbart in der medizinischen Grenzsituation einer primären oder sekundären Reanimation unauflösbare medizinisch-ethische Zielkonflikte und Fragen:

1. Eine (prä-)klinische Reanimation wird nur halbherzig durchgeführt, um den Hirntod zur Erreichung eine Organspende-Option feststellen zu können?

2. Eine Reanimation wird ohne erkennbare Wiederbelebungs-Effekte in extenso ohne klinischen Erfolg so lange fortgesetzt, bis ein Transplantationszentrum erreichbar ist?

3. Eine (prä-)klinische Reanimation wird selektiv in Abhängigkeit vom Organspende-Status gemacht?

Diese 3 Fragen sind zugegebenermaßen provokativ, müssen aber endlich gestellt und diskutiert werden. In den Diskurs gehört auch das immer wieder selbst von einigen Ärztinnen und Ärzten öffentlich vorgetragene Argument, eine Selektion von zur Organspende bereiten und nicht bereiten Personen einzuleiten: In dem Sinne, dass "wer sich nicht selbst zur Organspende bereit erklärt, [zur Strafe?] auch keine fremden Organe bekommen solle".

Dies verkennt neben dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dass viele unserer Patientinnen und Patienten auf Grund von wesentlichen, bedrohlich lebensverkürzenden Erkrankungen selbst niemals als potenzielle Organspender, sondern nur als Organempfänger in Frage kämen.

Bei allem Respekt, auch wenn die bisherige, verfassungskonforme Entscheidungs-/Zustimmungslösung von einer breiten Mehrheit im Deutschen Bundestag durch eine m. E. verfassungswidrige Widerspruchslösung ersetzt werden würde, müsste die Bereitschaft zur Organspende ebenfalls zusätzlich durch flankierende Maßnahmen verbessert werden. Denn wenn zusätzlich zu bisher bekannt gewordenen Manipulationen auch nur der Hauch eines Verdachts der Diskriminierung Organspende-unwilliger Betroffener entsteht, bricht die jüngst etwas verbesserte Organspende-Bereitschaft erneut massiv zusammen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Persönlich komme ich nach einem komplexen, hochmalignen Non-Hodgkin-Lymphom Stadium IVa im Jahr 2000 mit Hochdosis-Chemotherapie, konsekutiver autologer Stammzelltransplatation vor 18 Jahren und einem Rezidiv des niedrig-maligen Anteils 2007 mit 4-fach Chemotherapie und Rituximab-Behandlungszyklen vor 11 Jahren als aktiver Organspender nicht mehr in Frage. Zugleich schließe ich für mich selbst die Möglichkeit eines Organempfangs weitgehend aus.
LNS

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